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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Dies war ihm unter allen Umständen so lieb, als hätte er einen Schatz gefunden; er raffte alle seine übrigen Kräfte zusammen, um bald nach dem nächsten Dorfe zu kommen, wo er sich für den einen Groschen ein wenig Bier geben ließ, das ihm nun eine ganz ungehoffte Erquickung war, denn er hatte sich einmal darauf gefaßt gemacht, die sechs Meilen bis Bremen nüchtern zurückzulegen. –

Der Trunk Bier flößte ihm wieder neuen Mut ein, sowie das Vierpfennigstück, das er doch nun noch in der Tasche hatte. –

Freilich stellte sich auch der Hunger wieder ein, aber er suchte ihn zu überwinden und blieb resigniert. – Ein armer Handwerksbursch gesellte sich unterwegens zu ihm, der in dem Dorfe einkehrte und sich etwas zusammenbettelte. – Und Reisern machte das sonderbare Verhältnis eine Art von Vergnügen, daß dieser arme Handwerksbursch, der ihn vielleicht als einen wohlgekleideten Menschen beneiden mochte, doch jetzt im Grunde reicher war als er. –

Den Nachmittag erreichte er Vegesack und betrachtete hier mit hungrigem Magen, was er noch nie gesehen hatte, eine Anzahl dreimastiger Schiffe, die in dem kleinen Hafen lagen. – Dieser Anblick ergötzte ihn ohngeachtet des mißlichen Zustandes, worin er sich befand, unbeschreiblich – und weil er an diesem Zustande durch seine Unbesonnenheit selber schuld war, so wollte er es sich gleichsam gegen sich selber nicht einmal merken lassen, daß er nun damit unzufrieden sei. –

Gegen Abend erreichte er Bremen; aber ehe er an die Stadt kam, mußte er sich erst an das jenseitige Ufer der Weser übersetzen lassen, wofür gerade eine Bremergrote bezahlt werden mußte – daß er nun diesen gerade noch gespart hatte, deuchte ihm wiederum ein ordentlicher Glücksfall, weil er sonst die Stadt nicht mehr würde erreicht haben, woran ihm jetzt doch alles lag. –

Mit Sonnenuntergang kam er denn endlich noch an das Stadttor, und weil er ordentlich gekleidet war und das ganze Wesen eines Spazierengehenden annahm, der zuweilen still stehet und sich nach etwas umsieht und dann wieder ein paar Schritte weitergeht – so ließ man ihn ungehindert durchpassieren. –

Er fand sich also auf einmal wieder in dem Bezirk einer volkreichen Stadt, wo ihn aber niemand kannte und er so verlassen und allein, indem er traurig über das Geländer in die Weser hinabsahe, auf der Straße dastand, als wenn er auf einer unbewohnten wüsten Insel gewesen wäre. –

Eine Weile gefiel er sich gewissermaßen in diesem verlaßnen Zustande, der doch so etwas Sonderbares, Romanhaftes hatte. – Da aber das vernünftige Nachdenken über die Phantasie wieder den Sieg erhielt, so war freilich seine erste Sorge, von seinem Briefe an den Kaufmannsdiener Gebrauch zu machen. –

Wie groß war aber sein Erschrecken, da er sich in der Wohnung desselben nach ihm erkundigte und erfuhr, daß er erst den Abend spät zu Hause kommen würde. – Er blieb auf der Straße nicht weit von dem Hause stehen – die Dunkelheit der Nacht brach herein – in einen Gasthof getraute er sich ohne Geld nicht zu gehen – alle seine romanhaften Ideen, die ihm vorher diesen Zustand noch erleichtert hatten, waren verschwunden, er empfand nichts als die grausame Notwendigkeit, diese Nacht, von Hunger und Müdigkeit gequält, mitten in einer volkreichen Stadt unter freiem Himmel zubringen zu müssen. –

Indem er nun melancholisch dastand und sich verlegen nach allen Seiten umsah, kam ein wohlgekleideter Mann dahergegangen, der ihn genau betrachtete und ihn mit mitleidiger Miene fragte, ob er etwa hier fremd sei? – allein er konnte sich nicht überwinden, diesem Manne seinen Zustand zu entdecken – sondern war entschlossen, lieber auf alle Fälle die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, welches er auch würde getan haben, wenn nach so vielen Widerwärtigkeiten sich jetzt nicht wiederum ein glücklicher Umstand für ihn ereignet hätte. – Der Kaufmannsdiener hatte sich nämlich aus der Gesellschaft, worin er sich befand, losgerissen, um zu Hause etwas Notwendiges zu besorgen, und da er hörte, daß jemand einen Brief von seinem Bruder an ihn habe abgeben wollen, der nachher in der Nähe am Wasser spazieren gegangen wäre, so eilte er gleich, um den Überbringer des Briefes, dessen Anschein man ihm beschrieben hatte, womöglich aufzusuchen, und traf auch Reisern, den er gleich erkannte, wirklich an, da dieser schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, die Nacht ein Obdach zu finden. –

Sobald der junge Kaufmann nur die Handschrift seines Bruders erblickte, war er gegen Reisern äußerst freundschaftlich und gefällig und erbot sich sogleich, ihn in einen Gasthof zu führen. – Reiser entdeckte ihm denn seinen wahren Zustand, freilich mit einigen Erdichtungen; – er sei nämlich wider seine Gewohnheit zum Spiel verleitet worden und habe alle seine Barschaft verloren – denn daß er sich mit zu wenigem Gelde zu dieser Reise versehen habe, schämte er sich zu sagen, weil er dadurch noch mehr in der Meinung des jungen Menschen, von dem er jetzt allein Hülfe erwarten konnte, zu verlieren glaubte. –

Aber nun änderte sich auf einmal sein widriges Schicksal – der Kaufmann erbot sich sogleich, ihm so viel vorzustrecken, daß es ihm an nichts fehlen sollte – er führte ihn in einen angesehenen Gasthof, wo Reiser auf seine Empfehlung auf das beste bewirtet wurde und nun den Abend so vergnügt zubrachte, daß ihm alle Beschwerden des Tages vielfältig ersetzt wurden. –

Einige Gläser Wein, die er noch in Gesellschaft des Kaufmannsdieners trank, taten nach der Ermüdung und Entkräftung eines ganzen Tages eine so außerordentliche Wirkung auf seine Lebensgeister, daß er fast die ganze Gesellschaft, die sich alle Abend hier zu versammlen pflegte, mit Anekdoten von Hannover und lustigen Einfällen, die ihm sonst gar nicht gewöhnlich waren, unterhielt und sich den Beifall aller der Personen in diesem kleinen Zirkel erwarb, worunter sich auch derjenige mit befand, der ihn den Abend traurig und verlassen auf der Straße stehen sah und unter allen den vorübergehenden Leuten der einzige gewesen war, dem ein ganz fremder Mensch, welcher traurig und verlassen dastand, wichtig genug schien, daß er sich um ihn bekümmerte und ihn anredete. – Reiser gewann dadurch eine außerordentliche Zuneigung zu diesem Manne, denn ein solches Anreden und Besorgtsein um den Zustand eines ganz fremden Menschen, der wie verlassen und hülfebedürftig zu sein scheint, ist doch eigentlich die allgemeine Menschenliebe, woran man den frommen Samariter von dem vorübergehenden Priester und Leviten unterscheiden kann. –

Reiser hatte nicht leicht in seinem Leben einen Abend vergnügter zugebracht als diesen, wo er sich in einer fremden Stadt in einem ganz fremden Zirkel von Menschen geachtet sahe, ins Gespräch gezogen und mit aufmunterndem Beifall angehört wurde. –

Der Kaufmannsdiener nötigte ihn nun selbst, sich noch einige Tage in Bremen aufzuhalten, zeigte ihm die Merkwürdigkeiten der Stadt, und Reiser fand nun an eben dem Orte, wo er erst fremd, von keinem Menschen bemerkt, einsam und verlassen auf der Straße stand, so viele Menschen, die sich für ihn interessierten, mit ihm sich unterredeten und mit ihm ausgingen, daß er an diese Personen, die ihm so viele zuvorkommende gutmütige Höflichkeit und Freundschaftsbezeigungen erwiesen, eine Art von Anhänglichkeit bekam, welche es ihm schwer machte, sich nach einer so kurzen Zeit schon wieder auf immer von ihnen zu trennen.

Er speiste des Mittags in einer ansehnlichen Tischgesellschaft, wo ihm als einem Fremden immer mit ausgezeichneter Höflichkeit begegnet wurde, – eine Behandlung, die er bis jetzt noch eben nicht gewohnt gewesen war. – Der Kaufmannsdiener streckte ihm so viel vor, daß er nicht nur seine Rechnung im Gasthofe bezahlen, sondern auch mit Bequemlichkeit wieder nach Hannover zurückreisen konnte, welches er nun freilich zu Fuße tat. –

Und da ihm nun diesmal sein unbesonnener Anschlag so gut gelang, so bildete sich zuerst unvermerkt der Keim zu dem Gedanken in ihm, sein Glück nicht länger in seiner bisherigen eingeschränkten Lage abzuwarten, sondern es in der weiten Welt, die ihm offen stand, selbst aufzusuchen. –

Er hatte in einer fremden Stadt eine ganze Anzahl Menschen gefunden, die sich um ihn bekümmerten, teil an ihm nahmen und ihm seinen Aufenthalt angenehm machten; lauter Sachen, die er in Hannover nie gewohnt gewesen war. – Er hatte Abenteuer überstanden und in einem kurzen Zeitraum den schnellsten Glückswechsel erfahren – indem er kaum eine Stunde vorher noch von aller Welt verlassen und unmittelbar darauf sich in einem Zirkel von Menschen befand, die alle auf ihn aufmerksam waren und ihn in ihre Gespräche zogen. –

Was Wunder, daß nun dadurch der Gedanke bei ihm rege wurde, die traurige Einförmigkeit seines bisherigen Aufenthalts und seiner bisherigen Verhältnisse mit dergleichen Abwechselungen zu vertauschen – wodurch er, ohngeachtet aller Beschwerlichkeiten, die er darüber erdulden mußte, doch seine Seele auf eine angenehme, vorher noch nie empfundene Art erschüttert fühlte. –

Selbst die Wehmut, die er empfand, da ihm nun die Tore der Stadt, in welcher er noch gestern mit einer Anzahl ihm wohlwollender Menschen vertraulich an einem Tische gesessen hatte, aus den Augen schwanden und er also nun sogar die letzten hervorragenden Spuren dieses ihm in der kurzen Zeit so liebgewordenen Ortes aus seinem Gesichtskreise verloren hatte – selbst diese Wehmut hatte einen nieempfundenen Reiz für ihn – er kam sich selber größer vor, weil er eigenmächtig ganz ohne irgendeinen äußern Antrieb – nun zum ersten Male eine Reise nach einer ganz fremden Stadt getan hatte, in der er binnen ein paar Tagen mehr Menschen fand, die ihm wohlwollten, als er in Hannover ganze Jahre hindurch nicht hatte finden können. –

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