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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Zuweilen fing ihm nun auch sogar das Zärtliche an zu gelingen, wenn es mit einer gewissen sanften Schwermut vergesellschaftet war – so machte er z. B. für jemanden ein Abschiedsgedicht an dessen Geliebte – das sich nach einer bittern Klage über die Trennung schloß:

Den Abschied? – O ich kann nur weinen –
Mein Herz ist schwer und tränenvoll –
Dir müssen heitre Tage scheinen –
Geliebte – o leb wohl, leb wohl!

Und in seiner Rede an der Königin Geburtstage war folgende Stelle, die ich vorher nicht mit ausgezogen habe, eigentlich diejenige, wobei er am meisten und am wahrsten empfunden hatte:

    – – Sie lächelt – und die Fröhlichen jauchzen –
Und die Traurigen trocknen vom nassen Auge die Zähre,
Heitern den trüben Blick auf zur Freud' und lächeln und segnen
Auch dem Tag entgegen, der ihnen Charlotten zum Trost gab. –

Auch er rechnete sich in Gedanken mit unter diese Zahl der Traurigen, die den trüben Blick zur Freude aufheitern. – Und er fand weit mehr Süßigkeit darin, sich unter der Zahl der Traurigen als unter der Zahl der Fröhlichen zu denken. – Dies war wiederum the joy of grief (die Wonne der Tränen), wohin von Kindheit an sein Herz hing. –

So brachte er nun den Winter ziemlich glücklich zu – aber da nun einmal seine Phantasie so lebhaft angeregt und sein Gemüt durch so viele sich durchkreuzende Wünsche und Hoffnungen bis auf den stärksten Grad in Bewegung gesetzt war, so mußte er notwendig anfangen, das Einförmige in seiner Lage zu empfinden. – Er war in seinem neunzehnten Jahre – fünf Jahre hatte er schon die Schule besucht und wußte noch nicht, wann er die Universität würde beziehen können. – Es fing an, ihm wieder so enge in Hannover zu werden, beinahe wie damals, da ihm die Reise nach Braunschweig zu dem Hutmacher bevorstand. – Alle seine Gedanken fingen allmählich an, ins Weite zu gehn – er träumte sich in eine romanhafte Zukunft hin. –

Und da nun der Frühling herankam, so erwachte auf einmal eine sonderbare Begierde zum Reisen in ihm, die er bis dahin noch nie in dem Grade empfunden hatte. –

Bremen liegt zwölf Meilen von Hannover, und bis an den Ort, wo Reisers Eltern wohnten, war grade die Hälfte Weges bis nach Bremen – und nun von Bremen die Weser hinunter bis nach der See zu fahren – das war das große Projekt, womit sich Reiser schon seit einigen Wochen trug – und seine Einbildungskraft spiegelte ihm Wunderdinge von dieser Reise vor. –

Der Anblick der Weser – der Schiffe – einer Handelsstadt – beschäftigten seine Seele im Wachen und im Traume. – Er ließ sich von einem seiner Mitschüler an dessen Bruder, welcher in Bremen ein Kaufmannsdiener war, einen Brief mitgeben und trat nun mit einem Dukaten in der Tasche seine Reise zu Fuße an. –

Dies war nun die erste sonderbare romanhafte Reise, welche Anton Reiser tat, und von der Zeit fing er eigentlich an, seinen Namen mit der Tat zu führen. –

Er hatte sich zu dieser Reise mit einer Spezialkarte von Niedersachsen – einem tragbaren Tintenfaß – und einem kleinen Buche von weißem Papier versehen, um über seine Reise unterwegs ein ordentliches Journal führen zu können. –

Mit jedem Schritte, den er tat, nachdem er aus den Toren von Hannover war, wuchs gleichsam seine Erwartung und sein Mut – und er war von seiner Reise so begeistert, daß er schon ein paar Meilen von Hannover sich auf einem Hügel an der Landstraße setzte, sein Tintenfaß, das mit einem Stachel versehen war, vor sich in die Erde pflanzte und auf diese Weise halbliegend anfing, in seinem Journal zu schreiben – es fuhren unten einige Kutschen vorbei, und die Leute, denen ein schreibender Mensch auf einem Hügel an der Landstraße freilich ein sonderbarer Anblick sein mußte, lehnten sich weit aus dem Schlage, um ihn zu betrachten – dies beschämte ihn etwas – aber er erholte sich bald wieder von der unangenehmen Wirkung, die dies neugierige Angaffen zuerst auf ihn tat, indem er sich in Ansehung dieser Menschen, die ihn nicht kannten, seine Existenz hinwegdachte – er war für diese Menschen gleichsam tot – darum schloß er auch den Aufsatz, welchen er auf dem Hügel an der Landstraße in sein Taschenbuch schrieb, mit den Worten:

Was kümmert mich der Leute Tun,
Wenn ich im Grabe bin?

Und nun setzte er seinen Stab weiter fort, kam am Abend in der Dämmerung vor dem Dorfe, wo seine Eltern wohnten, dicht vorbei, erkundigte sich nach dem nächsten Dorfe, das auf dem Wege nach Bremen zu lag, und da es nur noch eine Viertelmeile weit war, so ging er bis dahin und übernachtete in diesem Dorfe. –

Den andern Tag wanderte er denn über die öde dürre Heide fort und erfragte sich den Weg von einem Dorfe zum andern – konnte aber Bremen nicht erreichen – sondern mußte noch einmal in einem Dorfe, welches das letzte von Bremen war, übernachten – und den dritten Tag erreichte er denn seinen sehnlichsten Wunsch – er erblickte die Türme von Bremen – sahe nun das wirklich vor sich, womit seine Phantasie sich schon so lange beschäftigt hatte. – Er hatte außer Hannover und Braunschweig noch keine beträchtliche Stadt gesehen – und Bremen war ihm schon durch den Klang des Namens so merkwürdig geworden – seine Phantasie hatte der Stadt ein graues schwärzliches Ansehen gegeben – er war nun äußerst begierig, die Stadt inwendig zu betrachten – und wagte es, ohne Paß ins Tor zu gehen, indem er sich auf Befragen, wer er wäre, für einen Einwohner der Stadt, und da man noch genauer fragte, für einen von den Leuten des Prinzipals von dem Kaufmannsdiener ausgab, an den er einen Brief abzugeben hatte, worauf man ihn denn passieren ließ. –

Sobald er nun in der Stadt war, durchwanderte er erst ein paarmal die Straßen, und dann war sein erstes, daß er sich erkundigte, ob nicht etwa einer von den großen Kähnen, die auf der Weser lagen, nach der Mündung schiffen würde, wo noch zu Bremerlehe die hessischen Truppen lagen, die nach Amerika bestimmt waren und damals gerade absegeln sollten. –

Es fügte sich, daß gerade einer von den Kähnen abging, und Reiser begab sich nun zum ersten Male in seinem Leben zu Schiffe – und fuhr noch an demselben Tage bis sechs Meilen jenseit Bremen, wo angelegt und in einem Dorfe übernachtet wurde. –

Diese Schiffahrt, ob es gleich stürmisches und regnigtes Wetter war, machte Reisern unendliches Vergnügen, indem er mit seiner Landkarte in der Hand auf dem Verdeck stand und die Örter an beiden Ufern, deren Namen er nun wußte, die Musterung vor sich vorbeipassieren ließ – er aß und trank mit den Schiffern und kehrte am Abend mit ihnen in die Herberge ein. –

Von da wollte er den andern Morgen mit einem andern Schiffe weiter bis an die Seeküste fahren, er sah schon in Gedanken die ungeheuren Wasserfluten vor sich, und seine Einbildungskraft war gerade bis auf den höchsten Grad gespannt, da ihm plötzlich eine Sache einfiel, die er die ganze Reise über noch nicht reiflich erwogen hatte, ob nämlich auch seine Börse zureichen würde – und wie erschrak er, da er sich von dem Schiffer seine Rechnung machen ließ und, nachdem er sie bezahlt hatte, nur noch wenige Groschen übrig behielt. –

Er getraute sich nun den Abend nicht zu essen, sondern gab Kopfweh vor und ließ sich sogleich sein Bette zeigen – hier machte er fast die halbe Nacht Entwürfe, wie er nun mit Ehren aus diesem Gasthofe kommen sollte, wenn etwa seine Zeche mehr betrüge als die wenigen Groschen, die er noch übrig hatte. –

Da er sich nun am andern Morgen erkundigte, wieviel er bezahlen müsse, so langten zufälligerweise die wenigen Groschen, die er noch hatte, gerade zu, aber er behielt auch nicht einen Heller übrig und befand sich nun achtzehn Meilen von Hannover, zwölf Meilen von dem Ort, wo seine Eltern wohnten, und sechs Meilen von Bremen. – Er gab vor, daß er nun nicht nach der Seeküste mitfahren könne, weil er überlegt habe, daß es ihn doch zu lange aufhalten würde, und so wanderte er nun, froh, daß er noch so mit Ehren davongekommen war, aus seiner nächtlichen Herberge den geraden Weg wieder auf Bremen zu. –

Sein Brief an den Kaufmannsdiener in Bremen war nun noch seine einzige Hoffnung – ohne diesen war er, zwölf Meilen weit bis zu dem Wohnorte seiner Eltern, von aller Welt verlassen. –

Er war noch nüchtern, wie er seine Reise antrat, und mußte sich nun darauf gefaßt machen, den ganzen Tag so zu bleiben. – Der Weg, welcher anfangs längst dem Ufer der Weser hinging, war sandigt und ermüdend – demohngeachtet aber ging er gutes Muts fort, bis er gegen Mittag kam und die Sonnenhitze brennend wurde. –

Hunger, Durst und Müdigkeit überfielen ihn zugleich mit dem Gedanken, daß er hier auf dem öden Felde fremd, ohne Geld und gleichsam von aller Welt verlassen war – er suchte sich einige Brotkrumen aus der Tasche zusammen – und fand bei dieser Gelegenheit noch zwei sogenannte Bremergroten, wovon jeder ohngefähr vier Pfennige beträgt. –

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