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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Keiner seiner reichen und angesehenen Mitschüler schämte sich nun mehr, mit ihm umzugehen und ihn in seiner schlechten Wohnung zu besuchen. – Er sahe sich auch noch in diesem Jahre gedruckt, indem er verschiedene kleine Neujahrwünsche in Versen für einen Buchdrucker verfertigte, welcher dergleichen gedruckte Wünsche verkaufte – ob nun gleich sein Name nicht hiebei bemerkt war und niemand wußte, daß die Verse von ihm waren, so machte ihm doch der Anblick dieser ersten gedruckten Zeilen von seiner Hand ein unbeschreibliches Vergnügen, sooft er sie ansah. – Und als nun gar einige Tage vorher, ehe die Rede gehalten wurde, auf einem lateinischen Anschlagbogen sein Name nebst den Namen noch zweier seiner Mitschüler von den angesehensten Eltern öffentlich gedruckt stand; und er nun auf diesem Anschlagbogen wirklich ›Reiserus‹ hieß, wie ihn der vorige Direktor einst genannt hatte; und die Zwischenzeit zwischen jener mündlichen und dieser gedruckten Benennung ›Reiserus‹ mit alle dem, was er darin verschuldet oder unverschuldet gelitten hatte, sich ihm lebhaft darstellte – so preßte ihm dies Tränen der Freude und der Wehmut aus – denn von dieser plötzlichen Wendung seines Schicksals hatte er sich vor einem Jahre, vor einem halben Jahre noch nichts träumen lassen. – Dieser lateinische Bogen mit seinem Namen war nun am schwarzen Brette vor der Schule und an den Kirchtüren öffentlich angeschlagen, so daß Leute, die vorbeigingen, still standen, um ihn zu lesen. –

Nun war es üblich, daß die jungen Leute, welche bei dergleichen Vorfällen Reden hielten, die Honoratiores der Stadt selbst einige Tage vorher dazu einladen mußten. – Welch eine Veränderung, da Reiser, den sonst wegen seiner schlechten Kleider selbst seine Mitschüler nicht einmal auf der Straße anzureden oder mit ihm zu gehen würdigten – nun mit dem Hut unterm Arm und den Degen an der Seite ordentlich seine Cour bei dem Prinz machte und ihn zu der Feier des Geburtsfestes seiner Schwester, der Königin von England, einlud – und wie er nun bei diesem Einladungsgeschäft sich den vornehmsten Einwohnern der Stadt zeigen konnte und von allen mit den aufmunterndsten Höflichkeitsbezeugungen aufgenommen ward. –

Er hatte also, ehe er sichs versah, und da er schon gänzlich Verzicht darauf getan hatte, das ehrenvollste Ziel erreicht, nach welchem ein Primaner in Hannover nur streben konnte, und welches nur von wenigen erreicht wurde. –

Diese den jungen Leuten selbst übertragene Einladungen haben wirklich etwas sehr Aufmunterndes und sind in mancher Absicht zur Nachahmung zu empfehlen... – Reiser ward durch diese Einladungen während einer Zeit von wenigen Tagen in eine Welt geführt, die ihm bisher ganz unbekannt gewesen war – er unterhielt sich mit Ministern, Räten, Predigern, Gelehrten, kurz mit Personen aus allerlei Ständen, die er bisher nur in der Entfernung angestaunt hatte, Mund gegen Mund; und alle diese Personen ließen sich mit Höflichkeitsbezeugungen zu ihm herab und sagten ihm etwas Angenehmes und Aufmunterndes, so daß Reisers Selbstgefühl in diesen wenigen Tagen mehr als vorher in Jahren gewann. – Er lud auch den Dichter Hölty ein, den er aber bei dieser Gelegenheit nur wenig kennen lernte; denn Reisers Schüchternheit konnte nur durch eine gewisse Zutraulichkeit, die man ihm bewies, gehoben werden, und diese war Höltys Sache nicht, der bei der ersten Unterredung mit einem Unbekannten allemal etwas verlegen war. – Reiser nahm diese Verlegenheit für Verachtung, die ihn desto mehr kränkte, je größer seine Achtung für Hölty war, und so wagte er es nicht, ihn wieder zu besuchen. –

Wenn er nun den Tag über seine glänzende Rolle ausgespielt hatte, so ging er des Abends zu seinem Essigbrauer, wo denn auch Philipp Reiser und Winter und der andre junge Mensch, den sein Beispiel zum Studieren aufgemuntert hatte, waren, die ihn mit offenen Armen empfingen – und denen er von seinen Besuchen und den Personen, die er kennen gelernt hatte, erzählte – und auf die Weise die Freude über seinen Zustand mit ihnen teilte. –

Die Frau Filter und sein Vetter, der Perückenmacher, und alle die Leute, welche ihm Freitische gegeben hatten, bewetteiferten sich nun, ihm ihre Freude und Teilnehmung zu bezeigen. – Seine Eltern, die lange nichts von ihm gehört und ihre Hoffnung auf ihn schon längst aufgegeben hatten, waren ganz erfreut, da sie diese plötzliche günstige Wendung seines Schicksals vernahmen und den lateinischen Anschlagbogen erhielten, worauf der Name ihres Sohnes mit großen Buchstaben gedruckt stand. –

Bei allen diesem äußern Glanz blieb nun Reiser immer noch in seiner alten Wohnung, wo sein Wirt, der Fleischer, dessen Frau und Magd und ein paar Soldaten, die dort im Quartier lagen, seine Stubengesellschaft ausmachten. –

Wenn ihn nun, ohngeachtet dieser schlechten Wohnung, einer von seinen reichen und angesehenen Mitschülern besuchte, so machte ihm dies ein geheimes Vergnügen – daß er auch, ohne ein einladendes Logis oder sonst äußere Vorzüge zu haben, bloß um sein selbst willen gesucht würde. – Dies machte, daß er zuweilen auf seine schlechte Wohnung ordentlich stolz war. –

Endlich kam nun der Tag seines Triumphes heran, wo er auf die auffallendste Art, die nur in seiner Lage möglich war, öffentlich Ehre und Beifall einernten sollte – aber eben dies erweckte bei ihm eine ganz besondre schwermütige Empfindung – auf diesen Punkt war nun bisher alle sein Wünschen und Trachten gespannt gewesen – bis auf diesen Punkt heftete sich die Aufmerksamkeit eines großen Teils von Menschen auf ihn – und wenn nun dies vorbei wäre, so sollte das alles nachlassen, und die ganz alltäglichen Szenen des Lebens sollten dann wiederkommen. – Dieser Gedanke erweckte in Reisern sehr oft den sonderbaren, im Ernst gemeinten Wunsch, daß er am Ende seiner Rede hinfallen und sterben möchte. – Nun fügte es sich, daß gerade an dem Tage, da die Rede gehalten wurde, eine außerordentliche Kälte einfiel, wodurch mancher zurückgehalten wurde, so daß die Anzahl der Zuhörer etwas kleiner wie gewöhnlich, aber die Versammlung doch immer noch glänzend genug war. – Indes kam Reisern an diesem Tage alles so tot, so öde vor; die Phantasie mußte zurücktreten – das Wirkliche war nun da – und eben daß nun dies, wovon er so lange geträumt hatte, schon wirklich und nichts weiter als dies war, machte ihn nachdenkend und traurig – denn nach diesem Maßstabe maß er nun die ganze Zukunft des Lebens ab – alles war ihm hier wie im Traume, wie in dunkler Entfernung – er konnte es sich nicht recht vors Auge bringen – mit melancholischen Gedanken bestieg er den Katheder – und während daß die Musik ertönte, ehe er noch anfing zu reden, dachte er an ganz etwas anders als an seinen gegenwärtigen Triumph – er dachte und fühlte die Nichtigkeit des Lebens – die angenehme Vorstellung seines gegenwärtigen wirklichen Zustandes schimmerte nur wie durch einen trüben Flor durch. –

Um die Fortschritte, welche er damals in Ansehung des Ausdrucks seiner Gedanken gemacht hatte, zu bezeichnen, ist es vielleicht nicht unzweckmäßig, aus der Rede, die er hielt, einige Stellen herauszuheben. Sie hub an:

Welch ein Weihrauch steigt so sanft von Wonnegefilden
Durch den Äther hinauf bis hin zum Throne der Gottheit? –
O sie sind's – die Gebete glücklicher Völker – sie wallen
Für Charlotten so sanft hinauf zum Ewgen – und flammen   usw.

– – Georg! – rauscht
Harfen! tönet Jubelgesang von ganzen beglückten
Nationen laut! – Und verstumme mein Lied! Denn vergebens
Wagst du's, sein Lob, Georgens Lob zu erschwingen – so wagts oft
Kühn des Adlers Flug bis zur Sonne sich zu erheben,
Schwingt sich hoch über Felsen und Berg' und Wolken empor, dünkt
Nun sich ihr näher und merkt nicht, daß sein Schneckenflug immer
Doch auf der Erde verweilt, die ihm schon entschwand – welche Töne
Klängen stark und harmonisch genug, Georgens erhabner
Tugend göttliche Harmonie nur schwach nachzubilden? –   usw.

– – Und Georg hebt sich nun auf den Gipfel
Seiner Größ' empor – denkt ernst an das Wohl seiner Völker,
Denkt es – und schafft es – Und unerschüttert vom Donner
Steht er nun da – wie die Zeder Gottes – mit ihrem wohltätgen
Schatten schützt sie Gevögel und Wild – und der Sturmwind verschwendet
An ihren Blättern sein Toben und kräuselt ihr laubigtes Haar. – So
Sicher in den Stürmen, die seine Scheitel umdonnern,
Steht Georg – Wenn Völker toben – Doch du getreues
Volk deinem König, verhülle nur dein Antlitz und weine!
Siehe nicht, wie dein Bruder im fernen Lande sich auflehnt
Gegen seinen König. – –   usw.

Jedes fühlende Herz wallt heute Charlotten entgegen
Und verzeihts dem schwächern Jüngling – der es auch wagte
Und Charlotten sang – doch still, mein Lied, denn von fern rauscht
Schon des Volks Frohlocken, das seiner Königin heute
Seinen Weihrauch streut – und laut: es lebe Charlotte!
Ruft, daß Wald und Gebürg' es widerhallen: sie lebe!

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