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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Hier besuchte ihn Philipp Reiser einmal eines Nachmittags und gab ihm den Auftrag, eine Chorarie zu verfertigen, die er alsdann in Musik setzen wolle. – Dies war für Anton Reisern ein so ehrenvoller und ermunternder Auftrag, daß er sich, sobald er allein war, zum Dichten hinsetzte, und indem er immer einen Akkord auf dem Klavier dazwischen anschlug, in weniger als einer Stunde folgende Verse hervorgebracht hatte:

Der Herr ist Gott – o falle nieder
Und rausche mächtig hohe Lieder
Dem Ewgen, der dich schuf, Natur!
Rauscht eures Gottes Lob, ihr Winde,
Verkündigt es, ihr stillen Gründe,
Ihr Blumen, duftet's auf der Flur!

– – – – – –
Ihr Wolken donnert ihm zu Ehren,
Seid nicht zu seinem Lobe stumm,
Ihr Höhlen und ihr Felsengänge,
Und widerhallt die Lobgesänge
Zu eures großen Schöpfers Ruhm!

Und was nur lebt und denkt auf Erden,
Das müsse ganz zum Danke werden
Und loben Gott durch Fröhlichkeit –
So wird dem Schöpfer aller Wesen
Von dem, was er zum Sein erlesen,
Ein ewigtönend Lied geweiht.

Philipp Reiser setzte also diese Verse in Musik, und sie wurden nun wirklich im Chore gesungen, ohne daß jemand den Verfasser wußte. – Das neue Stück fand viel Beifall, und jedermann war besonders mit dem Text zufrieden – es schmeichelte auch Anton Reisern nicht wenig, da er seine eignen Worte von seinen Mitschülern, die ihn so verachteten, singen und sie ihren Beifall darüber bezeigen hörte, – aber er sagte keinem einzigen, daß die Verse von ihm wären – sondern genoß lieber bei sich selbst des stillen Triumphs, den ihm dieser ungesuchte Beifall gewährte. –

Seine Gedanken waren es doch, die jetzt zu so oft wiederholten Malen, als das neue Stück gesungen wurde, die Aufmerksamkeit einer Anzahl Menschen, die sangen, und derer, die zuhörten, beschäftigten – wenn irgend etwas fähig ist, der Eitelkeit eines Menschen, der Verse macht, Nahrung zu geben, so ist es, wenn man die Gedanken und Ausdrücke desselben für würdig hält, in Musik gesetzt zu werden. – Jedes Wort scheint dadurch gleichsam einen höhern Wert zu erhalten – und die Empfindung, welche Anton Reisern darüber anwandelte, wenn er seine Arien singen hörte, mag vielleicht bei einem jeden, der einmal sein eigenes Singestück vollstimmig und bei einer beträchtlichen Anzahl Zuschauer aufführen hörte, sich im Innern seiner Seele geregt haben; auch hat man lebende Beispiele davon, was dergleichen Triumphe für unerhörte Ausbrüche der Eitelkeit bei gewissen Personen veranlaßt haben. –

Anton Reisers Triumph dauerte nicht lange – denn sobald man erfuhr, wer der Verfasser dieser Verse sei, so fand man daran allerlei zu tadeln, und einige von den Chorschülern, welche Kleists Gedichte gelesen hatten, behaupteten geradezu, daß sie aus dem Kleist ausgeschrieben wären. – Nun mochten freilich wohl Reminiszenzien darin sein, aber der letzte Gedanke, von dem, was Gott zum Sein erlesen habe, drehte sich wieder um Reisers metaphysische Spekulation, inwiefern nur den lebenden und denkenden Geschöpfen eigentliches Dasein zugeschrieben werden könne. – Philipp Reiser war mit diesem Gedichte auch insoweit zufrieden, bis auf die Natur, die wie eine Dame vor Gott niederknieen sollte – welches zu gewagte Bild er tadelte. –

Während daß Philipp Reiser also Klaviere machte, um zu leben, beschäftigte sich Anton Reiser damit, Verse zu machen, welche jener ihm kritisieren mußte, der selbst nie einen Vers zu machen versucht hatte und also auch nicht eifersüchtig war auf ihn – vielmehr gab er ihm zuweilen selbst ein Thema zu bearbeiten – wie unter andern einmal, daß er Philipp Reisers Zustand, seine verliebten Leiden, sein Emporarbeiten und wieder Sinken in dessen Namen besingen sollte – und ohne daß damals noch an den Mond so viele Seufzer und verliebte Klagen wie nachher im Siegwart und unzähligen Liedern gerichtet waren, hub Reiser seinen Gesang an:

Was blickest du so mitleidsvoll
Vom Himmel, stiller Mond, mich an?
Weißt du vielleicht den Kummer wohl,
Den ich nur leise klagen kann? usw.

Und dann in einem der folgenden Verse in Beziehung auf Reisers Zustand:

Oft will ich mich erheben
Und sinke schwer zurück;
Und fühle dann mit Beben
Mein trauriges Geschick. –

Bei diesem allen versäumte auch Anton Reiser damals seine öffentlichen Schulstunden nicht, wo der neue Direktor, der, wie schon erwähnt ist, bei ein wenig Pedanterie doch im Grunde ein Mann von Geschmack sowohl als Kenntnissen war, Deklamationsübungen anstellte, die Reisers ganzen Ehrgeiz rege machten. –

Allein derjenige, welcher nun zum Deklamieren öffentlich auftreten wollte, mußte wenigstens ein gutes Kleid haben, welches Reisern fehlte, der außer seinem Kleide von bedientenmäßigen grauen Tuche nichts als einen alten Überrock hatte, und in keinem von beiden wagte er es aufzutreten. – Seine schlechte Kleidung war es also, welche ihm hier aufs neue im Wege stand und seinen Mut niederschlug.

Endlich wurde denn doch auch dies Hindernis gehoben, indem der Prinz wieder so viel für ihn hergab, daß ihm ein gutes Kleid konnte geschafft werden. –

Und nun ging alle sein Denken und Trachten dahin, wie er ein Gedicht verfertigen wolle, das er für würdig hielt, es öffentlich zu deklamieren. –

Nun war es gar nicht gewöhnlich, daß irgend jemand ein Gedicht, welches er deklamieren wollte, selbst verfertigte, sondern ein jeder schrieb sich irgendwo eins aus und legte beim Deklamieren das Papier vor sich hin oder gab es dem Direktor, welcher nachlas. –

Reiser hatte sich nun aber einmal darauf gesetzt, das Gedicht, welches er zuerst deklamieren wollte, selbst verfertigt zu haben – er war nun nur noch um einen würdigen Stoff verlegen, vorzüglich wünschte er einen solchen Stoff zu bearbeiten, wobei sich viel Deklamation anbringen ließe. –

Und da er nun einmal an einem schönen Abend bei hellem Mondschein ganz voll von diesem Gedanken um den Wall spazieren ging, so erinnerte er sich an ein Gedicht gegen die Gottesleugner, das er ein paar Jahre vorher wegen des deklamatorischen Ausdrucks, der darin herrschte, fast auswendig gelernt hatte, das ihm aber in Ansehung der Gedanken jetzt höchst abgeschmackt vorkam – indes wurde dieser Gegenstand ihm in dem Augenblick so lebhaft – daß er noch einmal den Spaziergang um den Wall machte und während dieser Zeit sein Gedicht der Gottesleugner in seinem Kopfe vollendet hatte. –

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