Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Philipp Moritz >

Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
Schließen

Navigation:

Und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der Gedanke, daß er dem Gedränge nun so ruhig zusehen konnte, ohne sich selbst hineinzumischen, schon einigen Ersatz für die Entbehrung desjenigen, was er nun nicht zu sehen bekam – allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter als unter jenem Gewimmel verloren. – Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte über den Verdruß, den er zuerst empfand – daß er an den Haufen sich nicht anschließen konnte, drängte ihn in sich selbst zurück – und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen. –

Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem trüben und regnigten Nachmittage, wo er den hämischen Blicken seiner versammleten Mitschüler und der gänzlichen Vernachlässigung und dem unerträglichen Nichtbemerktwerden, das ihm bevorstand, entfloh, indem er aus dem Tore von Hannover dem einsamen Walde zueilte. –

Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei – als alle Schulstunden, die er je gehabt hatte, zusammengenommen. –

Dieser einsame Spaziergang war es, welcher Reisers Selbstgefühl erhöhte, seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche Vorstellung von seinem eignen wahren, isolierten Dasein gab; das bei ihm auf eine Zeitlang an keine Verhältnisse mehr geknüpft war, sondern in sich und für sich selbst bestand. –

Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er zuerst das Große im Leben von dessen Detail unterscheiden.

Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der Mühe des Nachdenkens wert. –

Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf – die er schon lange bei sich genährt hatte – über den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins – über das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben – die ihm so schwer gemacht wurde, ohne daß er wußte, warum? – Und was nun endlich aus dem allen kommen sollte. –

Dies erregte in ihm eine tiefe Melancholie. So wie er mühsam über die dürre Heide vor dem Walde im gelben Sande fortwanderte, umzog sich der Himmel immer trüber, indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte – als er in den Wald kam, schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort – da kam er an ein Dorf und machte sich eben allerlei süße Vorstellungen von dem stillen Frieden, der in diesen ländlichen Hütten herrschte, als er sich in einem der Häuser ein paar Leute, die wahrscheinlich Mann und Frau waren, zanken und ein Kind schreien hörte. –

Also ist überall Unmut und Mißvergnügen und Unzufriedenheit, wo Menschen sind, dachte er und setzte seinen Stab weiter fort. – Die einsamste Wüste wurde ihm wünschenswert – und da ihn endlich auch in dieser die tödliche Langeweile quälte, so blieb das Grab sein letzter Wunsch – und weil er nun nicht einsah, warum er sich die Jahre seines Lebens hindurch in der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken, stoßen und wegdrängen lassen, so zweifelte er endlich an einer vernünftigen Ursach seines Daseins – sein Dasein schien ihm ein Werk des schrecklichen blinden Ohngefährs. –

Es wurde früher wie gewöhnlich Abend, weil der Himmel trübe war und es stärker anfing zu regnen – und da er zu Hause wieder anlangte, war es schon völlig dunkel – er setzte sich bei seiner Lampe nieder und schrieb an Philipp Reisern:

›Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr ich nun zu dir zurück, und wo nicht zu dir – zum Tode – denn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des Lebens, wovon ich keinen Zweck sehe, unerträglich. – Deine Freundschaft ist die Stütze, an der ich mich noch festhalte, wenn ich nicht unaufhaltsam in dem überwiegenden Wunsche der Vernichtung meines Wesens versinken will.‹ –

Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke, sich den Beifall seines Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben. – Dies war gleichsam die neue Stütze, woran sich seine Lebenslust wieder festhielt – und da den Nachmittag alle seine Empfindungen so äußerst stark und lebhaft gewesen waren, so wurde es ihm nicht schwer, sie wieder zurückzurufen. – Er hub also an:

Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen,
O könnten dir es Worte sagen:
Ich weiß, du fühltest meinen Schmerz –
Mich kränkt nicht hoffnungslose Liebe,
Nicht kränkten unerfüllte Triebe
Nach Ehr und Gold mein Herz. –

Dieser Anfang bezog sich zum Teil auf Philipp Reisers verliebte Launen, womit ihn dieser oft quälte, indem er ihm alle die allmählichen Fortschritte erzählte, die er in der Gunst seines Mädchens getan hatte – und seine Hoffnungen und Aussichten, die sich alle auf die Erreichung der Gegengunst seines Mädchens beschränkten. – Wofür nun Anton Reiser gar keinen Sinn hatte, dem es nie eingefallen war, sich die Liebe eines Mädchens zu erwerben, weil er es für ganz unmöglich hielt, daß ihm bei seiner schlechten Kleidung und bei der allgemeinen Verachtung, der er ausgesetzt war, je ein solcher Versuch gelingen würde. –

Denn so wie er die Verachtung, welche auf seinen Geist fiel, gleichsam mit zu sich selber rechnete, so rechnete er auch die schlechte Kleidung mit zu seinem Körper, der ihm denn ebenso wenig liebenswürdig als sein Verstand achtungswürdig vorkam. – Kurz, es war ihm der ungereimteste Gedanke von der Welt, daß er je von einem Frauenzimmer geliebt werden sollte. – Denn von den Helden, die in den Romanen und Komödien, die er gelesen hatte, von Frauenzimmern geliebt wurden, machte er sich ein so hohes Ideal, das er nie zu erreichen imstande zu sein glaubte. – Die eigentlichen Liebesgeschichten waren ihm daher auch höchst langweilig, und am langweiligsten die Erzählungen von den Liebesabenteuern, womit ihn sein Freund Philipp Reiser unterhielt, und die er manche Stunde bloß aus Gefälligkeit für ihn anhörte.

Übrigens fielen diese Erzählungen seines Freundes immer sehr ins Romanhafte. – Die ganze Prozedur vom ersten freundschaftlichen Händedruck bis zur eigentlichen wechselseitigen Liebeserklärung mit allen Zweifeln, Besorgnissen und allmählichen Fortschritten, die dazwischen liegen, ging ihren vorgeschriebenen Gang wie in den Romanen – und was nun Anton Reiser in den Romanen gänzlich übergeschlagen oder doch nur flüchtig durchgelesen hatte, das mußte er sich jetzt von seinem Freunde der Länge nach erzählen lassen. –

Der Gedanke, daß ihn z. B. nicht hoffnungslose Liebe, sondern ganz andre Dinge kränkten, war also der natürlichste Eingang zu dem Gedicht an Philipp Reisern.

Seine Zweifel und Besorgnisse wegen seines ängstlichen zwecklosen Daseins waren es, die ihn niederdrückten, und er fuhr fort:

Die Qual, die meine Seele fühlet,
Die mörderisch im Herzen wühlet,
Verbannet jede andre Pein –
Wer gab, in Tiefen hinzuschauen,
Um selbst mein Elend mir zu bauen,
Mir doch den tollen Vorwitz ein?

Grundlose Tiefen, die den Blicken
Nur Nacht und Graun entgegen schicken,
Und lohnen mit Melancholei –
Sie kömmt, daß auf dem ehrnen Throne
Sie nun in meiner Seele wohne,
Und rufet ihr Gefolg herbei. –

Nun kam das Gefolge: die Sorgen, der Gram:

Ihm folgt, den Tod in ihren Blicken,
Verzweiflung, ihre Köcher schicken
Die letzten Pfeile auf mich ab –              

Nun sank die Melodie der aufeinanderfolgenden Empfindungen wieder in sanftes Mitleid mit sich selber zurück:

    Ja, jede Lust muß ich nun meiden,
Mir blühen nicht des Lenzes Freuden, usw.

Hievon erhob sich der Gang der Ideen zu allgemeinen Betrachtungen über das Leben, die sich aber zuletzt wieder in eben den schrecklichen Zweifeln endigten, von welchen die Melodie ausgegangen war:

    Mein Pfad geht über dürre Heide,
Hier flieht mich höhnend jede Freude
Und läßt nur Ekel mir zurück.

Ich wandre – doch wohin ich reise?
Woher? – das sage mir der Weise,
Der mehr als ich mich selber kennt –
Mein Dasein – das sich kaum entschwinget
Dem Augenblick, der es verschlinget,
Und bang nach seinem Ziele rennt;

Wem soll ich dieses Dasein danken?
Wer setzt ihm diese engen Schranken?
Aus welchem Chaos stiegs empor?
In welche greuelvolle Nächte
Sinkts – wenn des Schicksals ehrne Rechte
Mir winket zu des Todes Tor? – –

Dies Gedicht floß gleichsam aus seiner Seele. – Selbst der Reim und das Versmaß machte ihm nur wenige Schwierigkeit, und er schrieb es in weniger als einer Stunde nieder. – Nachher fing er bald an, Gedichte zu machen, bloß um Gedichte zu machen, und dies gelang ihm nie so gut. –

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.