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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Er war kaum einige Wochen aus seinem vorigen Logis und von seinen vorigen Stubengesellschaftern G... und M... weggezogen, so ereignete sich ein fürchterlicher Vorfall, der ihn die Größe und Nähe der Gefahr, in welcher er geschwebt hatte, sehr lebhaft empfinden ließ. –

G... wurde nämlich eines Tages, da er im Chore sang, auf öffentlicher Straße in Verhaft genommen und sogleich geschlossen in eines der tiefsten Gefängnisse auf dem ... Tore gebracht, welches nur für die ärgsten Missetäter bestimmt ist. –

Reisern ergriff Beben und Entsetzen, da er ihn hinführen sahe – und was das sonderbarste war, so machte der Gedanke, man möchte ihn etwa für einen Mitschuldigen des noch unbekannten Verbrechens seines ehemaligen Stubengesellschafters halten, daß sich gerade solche Merkmale der Scham und Verwirrung bei ihm äußerten, als wenn er wirklich ein Mitschuldiger gewesen wäre – so daß seine Angst beinahe so groß wurde, als ob er wirklich selbst ein Verbrechen begangen hätte. Dies war eine natürliche Folge seines von Kindheit an unterdrückten Selbstgefühls, das damals nicht stark genug war, den Urteilen anderer von ihm zu widerstehen – hätte ihn jedermann für einen offenbaren Verbrecher gehalten, so würde er sich zuletzt vielleicht auch dafür gehalten haben. –

Endlich kam es denn heraus, daß sein ehemaliger Stubengesellschafter G... einen Kirchenraub begangen, Tressen von Altardecken bei der Nacht entwendet und, um die in den Stühlen verwahrten mit Silber beschlagenen Gesangbücher zu stehlen, sogar Schlösser aufgebrochen hatte.

Das waren denn die Projekte gewesen, auf welche er ganze Tage hindurch auf dem Bette liegend gesonnen und gegrübelt hatte.

Den eigentlichen Kirchenraub aber hatte er erst verübt, nachdem Reiser schon von ihm weggegangen war, ob er gleich vorher sich schon verschiedener Diebereien schuldig gemacht hatte.

Auf sein Verbrechen stand nun eigentlich der Strang – und Reisern wandelte immer die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal an, sooft er dachte, wie nahe er diesem Menschen gewesen war, und wie leicht er stufenweise von ihm zu einem Wagstück nach dem andern hätte verführt werden können, da mit der Expedition auf der Kirscheninsel schon ein so heroischer Anfang gemacht worden war. – Reiser würde in dem nächtlichen Kirchenraube immer auch mehr Heroisches als Niederträchtiges gefunden haben, und es würde G... vielleicht nicht schwerer geworden sein, ihn zur Teilnehmung an einer solchen Expedition als zu der auf der Kirscheninsel zu bereden.

Wer weiß, ob nicht auch diese Reflexion oder dies dunkle Bewußtsein mit zu Reisers Verwirrung beitrug, sooft von G... gesprochen wurde – es deuchte ihm nur noch ein so kleiner Schritt zwischen ihm und dem Verbrechen, zu dem er hätte verleitet werden können, daß es ihm ging wie einem, dem vor einem Abgrunde schwindelt, von welchem er noch weit genug entfernt ist, um nicht hereinzustürzen, der sich aber dennoch selbst durch seine Furcht unaufhaltsam hingezogen fühlt und schon in dem Abgrunde zu versinken glaubt. –

Die leichte Möglichkeit, an G...s Verbrechen teilzunehmen, welche Reiser bei sich empfand, erweckte bei ihm fast ein ähnliches Gefühl, als ob er wirklich daran teilgenommen hätte, woraus sich also seine Angst und Verwirrung sehr gut erklären läßt.

Indes kam es mit G... so weit nicht, daß er gehangen wurde, sondern nachdem er einige Monate im Gefängnis gesessen hatte, ward sein Urteil dahin gemildert, daß er über die Grenze gebracht und des Landes verwiesen wurde. – Reiser hat von seinem Schicksale nachher nichts weiter erfahren können. – So endigte es sich also mit dem eigentlichen sterbenden Sokrates, von welchem Reiser so lange den Spottnamen tragen mußte, da er doch nicht den sterbenden Sokrates selbst, sondern nur einen unbedeutenden Freund desselben vorgestellt hatte, der nicht viel mehr tat, als daß er in einem Winkel stand und weinte, indes der sterbende Sokrates zur Rührung aller Zuschauer den Giftbecher trinken und sich auf dem Todbette noch in dem glänzendsten Lichte zeigen konnte.

Reiser hatte damals schon seit länger als einem Jahre angefangen, sich ein Tagebuch zu machen, worin er alles, was ihm begegnete, aufschrieb. – Dies Tagebuch geriet denn ziemlich sonderbar, weil er keinen einzigen Umstand seines Lebens und keinen einzigen von den Vorfallenheiten des Tages, er mochte so unbedeutend sein, wie er wollte, darin ausließ. – Da er nun nur lauter wirkliche Begebenheiten und seine Phantasien, die er den Tag über hatte, nicht mit aufschrieb, so mußten die Erzählungen von den Begebenheiten des Tages ebenso kahl und abgeschmackt und ohne alles Interesse sein, wie diese Begebenheiten selbst waren. Reiser lebte im Grunde immer ein doppeltes, ganz voneinander verschiedenes inneres und äußeres Leben, und sein Tagebuch schilderte gerade den äußern Teil desselben, der gar nicht der Mühe wert war, aufgezeichnet zu werden. – Den Einfluß der äußern – würklichen Vorfälle auf den innern Zustand seines Gemüts zu beobachten, verstand Reiser damals noch nicht; seine Aufmerksamkeit auf sich selbst hatte noch nicht die gehörige Richtung erhalten. –

Indes verbesserte sich doch sein Tagebuch mit der Zeit, indem er anfing, nicht nur seine Begebenheiten, sondern auch seine Vorsätze und Entschließungen darin aufzuzeichnen, um nach einiger Zeit zu sehen, was er davon in Erfüllung gebracht hatte. – Er machte sich schon damals selber Gesetze, die er in seinem Tagebuche aufschrieb, um sie in Erfüllung zu bringen. – Auch tat er sich selbst zuweilen feierliche Gelübde, z. B. früh aufzustehen, den Tag seine Stunden ordentlich einzuteilen und dergleichen mehr. –

Aber es war sonderbar – gerade die feierlichsten Vorsätze, welche er faßte, pflegten gemeiniglich am spätesten und kältesten in Erfüllung zu gehen – wenn es zur Ausführung im kleinen kam, so war das Feuer der Phantasie erloschen, womit er sich die Sache im ganzen und mit allen ihren angenehmen Folgen zusammengenommen gedacht hatte – wenn er sich hingegen alles schlechtweg und ohne allen Prunk und Feierlichkeit vornahm, so ging die Ausführung oft weit eher und besser vonstatten. –

An guten Vorsätzen war er unerschöpflich. – Dies machte ihn aber auch beständig mit sich selber unzufrieden, weil der guten Vorsätze zu viele waren, als daß er sich selber jemals hätte ein Genüge tun können. –

Drei Tage, wo er einmal ununterbrochen mit sich zufrieden gewesen war, zeichnete er als eine große Merkwürdigkeit in seinem Leben auf, welche es auch wirklich für ihn war – denn diese drei Tage waren, fast so lange er denken konnte, die einzigen in ihrer Art. – Es war aber gerade diese drei Tage über ein glücklicher Zusammenfluß von Umständen, heiteres Wetter, gesundes Blut, freundliche Gesichter bei denen Personen, zu denen er kam, und wer weiß was mehr, wodurch ihm die Ausführung seiner guten Vorsätze nun merklich erleichtert wurde. –

Er nahm übrigens zu allerlei Mitteln seine Zuflucht, um sich fromm und tugendhaft zu erhalten. – Vorzüglich suchte er alle Morgen edle und gute Gesinnungen in sich zu erwecken, indem er Popens allgemeines Gebet, das er sich englisch aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, hersagte und wirklich, sooft er es sagte, dadurch gerührt und zu guten Vorsätzen und Entschließungen aufs neue belebt wurde. – Dann hatte er eine Anzahl Lebensregeln aus einem Buche ausgeschrieben, die er des Tages über zu gewissen bestimmten Zeiten las – und ein paar Chorarien, welche etwas zur Tugend und Frömmigkeit vorzüglich Aufmunterndes hatten, wurden ebenfalls täglich zu bestimmten Stunden sehr gewissenhaft von ihm gesungen. –

Wären nun hiebei seine äußern Verhältnisse nur etwas günstiger und aufmunternder geworden, so hätte Reiser mit diesen Vorsätzen und Bestrebungen, die doch bei einem jungen Menschen in seinem Alter (er war damals etwas über sechszehn Jahr) wohl sehr selten sind, ein Muster von Tugend werden müssen.

Aber dies war es, was ihn immer wieder niederschlug, die Meinung der Menschen von ihm, welche er mit Gewalt nicht umändern konnte, und die doch ohnerachtet aller seiner Bestrebungen, ein beßrer Mensch zu werden, sich nicht ganz wieder zu seinem Vorteil lenken wollte – er schien es nun einmal zu sehr verdorben und zu sehr die Erwartung aller von ihm getäuscht zu haben, als daß er sich je die vorige Achtung und Liebe der Menschen hätte wieder erwerben können. –

Insbesondre war ein Verdacht auf ihn gefallen, der ihn sehr unverdienterweise traf – dies war der Verdacht der Lüderlichkeit, weil er bei einem so lüderlichen Menschen, wie G... war, gewohnt hatte. – Reiser war so weit hievon entfernt, daß ihm drei Jahre nachher, da er zufälligerweise ein anatomisches Buch zu sehen bekam, über gewisse Dinge ein Licht aufging, wovon damals seine Begriffe noch sehr dunkel und verworren waren.

Sein Lesen aber bei dem Bücherantiquarius und sein Komödiengehn wurde ihm am schlimmsten ausgeleget und immer noch für ein unverzeihliches Vergehen gehalten. –

Nun fügte es sich gerade, daß eine Gesellschaft Luftspringer nach Hannover kam, und weil ein Platz nur eine Kleinigkeit kostete, so ging er einen einzigen Abend hin, um diese halsbrechenden Künste mit anzusehen – man hatte ihn erblickt – und weil dies nun auch eine Art von Komödie war, so hieß es, sein alter Hang sei nun wieder erwacht, und es gehe kein Abend hin, daß er nicht den Schauplatz bei den Luftspringern besuchte; da trüge er nun wieder sein Geld hin – man sehe hieraus schon, daß doch nun nichts aus ihm werden würde. –

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