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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Er sank durch diesen Vorfall noch tiefer als vorher in der Verachtung des Rektors – sein äußrer Zustand verschlimmerte sich daher von Tage zu Tage; und da er einmal vergessen hatte, einen Auftrag, den ihm ein Fremder an den Rektor gegeben hatte, auszurichten, so bediente sich der Rektor zum ersten Male des harten Ausdrucks gegen ihn, diese Vernachlässigung eines ihm gegebnen Auftrags sei ja eine ›wahre Dummheit‹.

Dieser Ausdruck brachte auf eine lange Zeit eine Art von wirklicher Seelenlähmung in ihm hervor. – Diesen Ausdruck und das ›dummer Knabe‹ vom Inspektor auf dem Seminarium und das ›ich meine Ihn ja nicht‹ von dem Kaufmann S... hat er nie vergessen können – sie haben sich in alle seine Gedanken verwebt und ihm lange nachher oft alle Gegenwart des Geistes in Augenblicken benommen, wo er sie am meisten bedurfte.

Ein Freund des Rektors, welcher einige Wochen bei ihm logierte, und für den Reiser auch einige Gänge tun mußte, gab der Magd und ihm bei seinem Abschiede ein Trinkgeld. – Reiser hatte eine sonderbare Empfindung dabei, da er das Geld nahm; es war ihm, als ob er einen Stich erhielte, wo sich der erste Schmerz plötzlich wieder verlor – denn er dachte an den Bücherantiquarius, und in dem Augenblick war alles übrige vergessen – für das Geld konnte er mehr als zwanzig Bücher lesen – sein beleidigter Stolz hatte sich noch zum letztenmal empört und war nun besiegt. – Reiser nahm von diesem Augenblick an keine Rücksicht mehr auf sich selbst – und warf sich in Ansehung seiner äußern Verhältnisse völlig weg. –

Seine Kleidung, die immer schlechter und unordentlicher wurde, kümmerte ihn nicht mehr.

In der Schule, im Chore und wenn er auf der Straße ging, dachte er sich mitten unter Menschen wie allein – denn keiner war, der sich um ihn bekümmerte oder an ihm teilnahm. – Sein eignes äußres Schicksal war ihm daher so verächtlich, so niedrig und so unbedeutend geworden, daß er aus sich selbst nichts mehr machte – an dem Schicksal einer Miß Sara Sampson, einer Julie und Romeos hingegen konnte er den lebhaftesten Anteil nehmen; damit trug er sich oft den ganzen Tag herum.

Nichts war ihm unausstehlicher, als, wenn die Lehrstunden geendigt waren, sich beim Herausgehen unter dem Schwarm seiner insgesamt besser gekleideten, muntern und lebhaftern Mitschüler zu befinden, von denen ihn keiner mehr an seiner Seite zu gehen würdigte – wie oft wünschte er sich in solchen Augenblicken endlich von der Last seines Körpers befreit und durch einen plötzlichen Tod aus diesem quälenden Zusammenhange gerissen zu werden! Wenn er denn etwa durch ein Gäßchen, wo niemand neben ihm ging, sich den Blicken seiner Mitschüler entziehen konnte, wie froh eilte er dann in die einsamsten und abgelegensten Gegenden der Stadt, um seinen traurenden Gedanken eine Weile ungestört nachzuhängen.

Der größte Dummkopf unter allen, welcher auch allgemein verachtet war – gesellte sich zuweilen zu ihm, und Reiser nahm seine Gesellschaft mit Freuden an; denn es war doch ein Mensch, der sich zu ihm gesellte – wenn er dann mit diesem ging, so hörte er oft hie und da einen seiner Mitschüler zu dem andern sagen: Par nobile Fratrum! (Ein edles Paar Gebrüder!) Mit diesem wirklichen Dummkopf wurde er also zugleich in eine Klasse geworfen. –

Da nun der Rektor auch gesagt hatte, es würde höchstens ein Dorfschulmeister aus ihm werden, so kam dies alles zusammen, um Reisern sein Selbstzutrauen gänzlich zu rauben, so daß er nun fast alles Zutrauen zu seinen eignen Verstandeskräften fahren ließ und oft im Ernst anfing, sich selbst für den Dummkopf zu halten, wofür er so allgemein erkannt wurde. – Dieser Gedanke artete denn aber auch zugleich in eine Art von Bitterkeit gegen den Zusammenhang der Dinge aus – er verwünschte in den Augenblicken die Welt und sich – weil er sich als ein höchst verächtliches Wesen zum Spott der Welt geschaffen glaubte. –

Wie weit das Vorurteil seiner Mitschüler gegen ihn und ihre Überzeugung von seiner angebornen Dummheit ging, davon mag Folgendes zum Beweise dienen:

Der Rektor hatte ihm erlaubt, die Privatstunden, welche er in seinem Hause gab, mit zu besuchen. – Unter andern gab nun der Rektor auch eine englische Stunde. – Reiser hatte das Buch nicht, worin gelesen wurde, und konnte sich also zu Hause nicht üben, er mußte mit einem andern einsehen; demohngeachtet begriff er in ein paar Wochen von bloßem Zuhören die meisten Regeln der englischen Aussprache; und da ihn der Rektor zufälligerweise auch einmal mit zum Lesen aufrief, so las er weit fertiger und besser als alle übrigen, die das Buch gehabt und sich zu Hause geübt hatten. –

Er hörte also einmal in der Nebenstube über sich sprechen, der Reiser müsse doch so dumm nicht sein, weil er die schwere englische Aussprache so bald gefaßt hätte; um nun diese günstige Meinung von ihm ja nicht aufkommen zu lassen, behauptete sogleich einer geradezu, Reisers Vater sei ein geborner Engländer, und er erinnre sich also der englischen Aussprache noch von seiner Kindheit her; die übrigen waren sehr bereit, dies zu glauben – und so war denn Reiser aufs neue zu seiner vorigen Niedrigkeit in den Augen seiner Mitschüler herabgesunken.

Man sieht aus diesem allen, daß die Achtung, worin ein junger Mensch bei seinen Mitschülern steht, eine äußerst wichtige Sache bei seiner Bildung und Erziehung ist, worauf man bei öffentlichen Erziehungsanstalten bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit gewandt hat. –

Was Reisern damals aus seinem Zustande retten und auf einmal zu einem fleißigen und ordentlichen jungen Menschen hätte umschaffen können, wäre eine einzige wohlangewandte Bemühung seiner Lehrer gewesen, ihn bei seinen Mitschülern wieder in Achtung zu setzen. Und das hätten sie durch eine etwas nähere Prüfung seiner Fähigkeiten und ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf ihn sehr leicht bewirken können. –

So verstrich nun dieser Winter für ihn höchst traurig – seine kleine Ökonomie war gänzlich zerrüttet – er hatte sich in seinem schlechten Aufzuge nicht getraut, sein monatliches Geld von dem Prinzen zu holen. – Bei dem Bücherantiquarius war er für seine Einkünfte tief in Schulden geraten – auch hatte er seine übrigen notwendigsten Bedürfnisse an Wäsche und Schuhen von den wenigen Groschen, die er wöchentlich einnahm, und dem Chorgelde, das er erhielt, nicht bestreiten können, da er überdem dem Bücherantiquarius alles zubrachte.

Unter diesen Umständen reiste er in den Osterferien zu seinen Eltern, wo er den Degen ansteckte, mit dem er sich im Philotas erstochen hatte, und nun seinen Brüdern täglich diese Rolle noch einmal vorspielte, sich auch von seinem verlaßnen Zustande und der Verachtung, worin er bei seinen Mitschülern stand, hier nicht das mindeste merken ließ, sondern vielmehr das Angenehme und Ehrbringende, was er von sich sagen konnte, auf alle Weise heraussuchte – daß ihn nämlich der Rektor auf einer Reise zur Gesellschaft mitgenommen, daß er in einer Privatstunde Englisch bei ihm gelernt habe, daß er bei dem Aufzug mit Fackeln und Musik gewesen und wie es dabei zugegangen sei usw.

Auch für sich selbst suchte er so viel wie möglich alles Unangenehme und Niederdrückende aus seinen Ideen zu verbannen – denn er wollte hier nun einmal in einem vorteilhaften, ehrenvollen Lichte erscheinen, so wenig beneidenswert er auch war. –

In dieser angenehmen Selbsttäuschung brachte er hier einige Tage sehr vergnügt zu – allein so leicht wie ihm diesmal geworden war, da er aus den Toren von Hannover gekommen und er die vier Türme der Stadt allmählich aus dem Gesicht verloren hatte, so schwer wurde ihm ums Herz, da er sich diesen Toren wieder näherte und die vier Türme wieder vor ihm dalagen, die ihm gleichsam die großen Stifte schienen, welche den Fleck seiner mannigfaltigen Leiden bezeichneten.

Insbesondre war ihm der hohe, eckigte und oben nur mit einer kleinen Spitze versehene Marktturm, da er ihn jetzt wieder sahe, ein fürchterliche Anblick – dicht neben diesem war die Schule – das Spotten, Grinsen und Auszischen seiner Mitschüler stand mit diesem Turm auf einmal wieder vor seiner Seele da – das große Zifferblatt an diesem Turm war er gewohnt, zum Augenmerk zu nehmen, sooft er die Schule besuchte, um zu sehen, ob er auch zu spät käme. – Dieser Turm war so wie die alte Marktkirche ganz in gotischer Bauart von roten Backsteinen aufgebaut, die vor Alter schon schwärzlich geworden waren. –

In eben dieser Gegend war es, wo den Missetätern ihr Todesurteil vorgelesen wurde – kurz, dieser Marktkirchtum brachte alles in Reisers Phantasie zusammen, was nur fähig war, ihn plötzlich niederzuschlagen und in eine tiefe Schwermut zu versetzen. –

Er hätte in der Tat nicht schwermütiger sein können, als er es jetzt war, wenn er auch alles das vorausgewußt hätte, was ihm von nun an in diesem Orte seines Aufenthalts noch begegnen sollte. – War aber schon vor einem Jahre, da er auch von seinen Eltern nach Hannover wieder zurückkehrte, seine Traurigkeit nicht ohne Grund gewesen, so war sie es diesmal noch viel weniger, da ihm einer der schrecklichsten Zeitpunkte in seinem Leben bevorstand. –

Ohne indes eine Ahndungskraft bei ihm vorauszusetzen, ließ sich seine Schwermut sehr natürlich erklären – wenn man erwägt, daß seine Einbildungskraft jeden engsten Kreis seines eigentlichen wirklichen Daseins, worin er nun wieder versetzt werden sollte, schnell durchlief: die Schule, das Chor, das Haus des Rektors – in diesen Kreisen, wovon ihn immer einer noch mehr wie der andre einengte und alle seine Strebekraft hemmte, sollte er sich von nun an wieder drehen – – wie gern hätte er in diesem Augenblick seinen ganzen Aufenthalt in Hannover gegen den dunkelsten Kerker vertauscht, der gewiß weit weniger Fürchterliches und Schreckliches für ihn gehabt haben würde, als alle diese ängstlichen Lagen.

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