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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Was Wunder, wenn er am Ende durch diese fortgesetzte Behandlung würklich niederträchtig gesinnt geworden wäre? – Aber er fühlte noch immer Kraft genug in sich, in gewissen Stunden sich ganz aus seiner wirklichen Welt zu versetzen. – Das war es, was ihn aufrecht erhielt. – Wenn seine Seele durch tausend Demütigungen in seiner wirklichen Welt erniedrigt war, so übte er sich wieder in den edlen Gesinnungen der Großmut, Entschlossenheit, Uneigennützigkeit und Standhaftigkeit, sooft er irgendeinen Roman oder heroisches Drama durchlas oder durchdachte. – Oft träumte er sich auf diese Weise über allen Kummer der Erde hinaus, in heitre Szenen hin, wenn er vom Frost erstarrt im Chore sang, und verphantasierte so manche Stunde, wo denn gewisse Melodien, die er hörte und mitsang, seinen Traum oft fortpflanzen halfen. – Nichts klang ihm z. B. rührender und erhabener, als wenn der Präfektus anhub zu singen:

Hylo schöne Sonne
Deiner Strahlen Wonne
In den tiefen Flor –

Das Hylo allein schon versetzte ihn in höhere Regionen und gab seiner Einbildungskraft allemal einen außerordentlichen Schwung, weil er es für irgendeinen orientalischen Ausdruck hielt, den er nicht verstand und eben deswegen einen so erhabnen Sinn, als er nur wollte, hineinlegen konnte: bis er einmal den geschriebenen Text unter den Noten sahe und fand, daß es hieß:

Hüll, o schöne Sonne, usw.

Diese Worte sang der Präfektus nach seiner thüringischen Mundart immer: Hylo schöne Sonne. – Und nun war auf einmal das ganze Zauberwerk verschwunden, welches Reisern so manchen frohen Augenblick gemacht hatte. – Ebenso war es ihm immer sehr rührend, wenn gesungen wurde: ›Du verdeckest sie in den Hütten‹ oder: ›lieg ich nur in deiner Hut, o so schlaf ich sanft und gut.‹ –

Er wiegte sich oft so sehr in die süßen Empfindungen von dem Schutz eines höhern Wesens ein, daß er Regen und Frost und Schnee vergaß und sich in der ihn umgebenden Luft wie in einem Bette sanft zu ruhen schien.

Allein von außen her schien sich alles zu vereinigen, um ihn zu demütigen und niederzubeugen.

Da es Sommer wurde, verreiste der Rektor auf einige Wochen, und er blieb nun während der Zeit allein in dessen Hause zurück, wo er die Zeit zu Hause ziemlich vergnügt zubrachte, indem er sich aus der Bibliothek des Rektors einiger Bücher zum Lesen bediente und unter andern auf Moses Mendelsohns Schriften und die Literaturbriefe verfiel, woraus er sich damals zuerst Exzerpte machte. –

Insbesondre zog er sich alles aus, was das Theater anging, denn diese Idee war jetzt schon die herrschende in seinem Kopfe und gleichsam schon der Keim zu allen seinen künftigen Widerwärtigkeiten.

Durch das Deklamieren in Sekunda war sie zuerst lebhaft in ihm erwacht und hatte die Phantasie des Predigens allmählich aus seinem Kopf verdrängt – der Dialog auf dem Theater bekam mehr Reize für ihn als der immerwährende Monolog auf der Kanzel. – Und dann konnte er auf dem Theater alles sein, wozu er in der wirklichen Welt nie Gelegenheit hatte – und was er doch so oft zu sein wünschte – großmütig, wohltätig, edel, standhaft, über alles Demütigende und Erniedrigende erhaben – wie schmachtete er, diese Empfindungen, die ihm so natürlich zu sein schienen und die er doch stets entbehren mußte, nun einmal durch ein kurzes, täuschendes Spiel der Phantasie in sich wirklich zu machen. –

Das war es ohngefähr, was ihm die Idee vom Theater schon damals so reizend machte. – Er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und Gesinnungen wieder, welche in die wirkliche Welt nicht paßten. – Das Theater deuchte ihm eine natürlichere und angemeßnere Welt als die wirkliche Welt, die ihn umgab.

Nun kamen die Sommerferien heran, und die Primaner führten, wie sie alle Jahr zu tun pflegten, öffentlich verschiedene Komödien auf. – Reiser konnte bei der allgemeinen Verachtung, der er als ein sogenannter Famulus des Rektors ausgesetzt war, sich nicht die mindeste Hoffnung machen, eine Rolle zu erhalten; ja, er konnte nicht einmal von irgendeinem der Mitschüler ein Billett erhalten, um zuzusehn. Dies schlug ihn mehr als alles Bisherige nieder – bis er auf den Einfall kam, mit zwei bis dreien seiner Mitschüler, welche auch keine Rollen hatten, gleichsam eine Partie der Mißvergnügten auszumachen und auf deren Wohnstube bei einer kleinen Anzahl Zuschauer eine Komödie besonders aufzuführen. –

Hiezu wurde denn Philotas gewählt, wo Reiser einem andren, der die Rolle des Philotas schlecht machte, sie mit Geld abkaufte und also nun den Philotas spielte.

Nun war er in seinem Elemente. – Er konnte einen ganzen Abend lang großmütig, standhaft und edel sein – die Stunden, wo er sich zu dieser Rolle übte, und der Abend, wo er sie spielte, waren von den seligsten seines Lebens – obgleich das Theater nur ein schlechtes Zimmer mit weißen Wänden und das Parterre eine Kammer war, die daran stieß, und wo man statt der ausgehobenen Türe eine wollene Decke angebracht hatte, die zum Vorhang dienen mußte; und obgleich das ganze Auditorium nur aus dem Wirt des Hauses, der ein Töpfer war, nebst dessen Frau und seinen Gesellen bestand und die ganze Erleuchtung nur mit Pfenniglichtern bewerkstelligt wurde, die auf kleinen an die Wand geklebten Stücken von nassen Leimen brannten. –

Zum Nachspiel wurde aus Millers historisch-moralischen Schilderungen der sterbende Sokrates gegeben, worin Reiser nur einen Freund des Sokrates und der eine von seinen Mitschülern, namens G..., den sterbenden Sokrates selbst machte, welcher denn ordentlich den Giftbecher leerte und zuletzt unter Zuckungen auf einem Bette, das in die Stube gesetzt war, verschied. –

Dies letzte Nachspiel war es nun, was Reisern nachher fast seine ganzen Schuljahre verbittert hat. –

Die andern Primaner hatten nämlich erfahren, daß außer der ihrigen von denen, welchen sie keine Rollen gegeben hatten, noch besonders eine Komödie aufgeführt worden sei – sie sahen dies als einen Eingriff in ihre Rechte an, und als ob es gleichsam aus Trotz und Verachtung geschehen sei. –

Sie suchten sich für diese unverzeihliche Beleidigung, wofür sie es hielten, auf alle Weise zu rächen, und von der Zeit an durfte von den vieren, welche den Philotas und den sterbenden Sokrates aufgeführt hatten, keiner des Abends sicher auf der Straße gehen. – Diese viere waren von der Zeit an ein Gegenstand des Hasses, der Verachtung und des Spottes, welcher Reisern gerade am meisten traf; denn die andern besuchten die Schulstunden selten. – Gegen Reisern hatte man schon vorher nichts als Verachtung bezeigt, die außer einer Art von unerklärbarer allgemeiner Antipathie gegen ihn ihren Grund vorzüglich in seiner erniedrigenden oder wenigstens für erniedrigend gehaltenen Situation, seiner blöden Miene und seinem kurzen Rock haben mochte; zu dieser Verachtung gesellte sich nun jetzt noch eine allgemeine Erbitterung gegen ihn, welche den Spott, womit man ihn überhäufte, so beißend wie möglich zu machen suchte. –

Und ob nun gleich nicht er, sondern G... die Rolle des sterbenden Sokrates in dem Nachspiel gemacht hatte, so hieß er doch von nun an mit einem allgemeinen Spottnamen ›der sterbende Sokrates‹ und verlor diesen beinahe nicht eher, bis diese ganze Generation nach und nach die Schule verlassen hatte; noch ein Jahr vorher, ehe er selbst die Schule verließ, war er eine lange Zeit kränklich gewesen und gar nicht aus dem Hause gekommen; als er nun wieder einer Komödie zusehen wollte, welche die Primaner damals aufführten, ließ man ihn zwar herein, aber man sahe ihn mit einem verächtlichen, höhnischen Blick an und sagte: Da ist der sterbende Sokrates, so daß Reiser gleich umkehrte und traurig wieder zu Hause ging. –

Sonst pflegt doch immer bei den Menschen eine gewisse Gutmütigkeit zu herrschen, daß sie nur denjenigen zum Gegenstande ihres Spottes machen, der gewissermaßen unempfindlich dagegen ist; sehen sie hingegen, daß einer durch den Spott wirklich beleidigt und gekränkt wird, so treiben sie's wenigstens nicht unaufhörlich, sondern das Mitleid gewinnt doch endlich über die Spottsucht die Oberhand.

Aber das war bei Reisern der Fall nicht – seine Gestalt verfiel von Tage zu Tage, er wankte nur noch wie ein Schatten umher; es war ihm beinahe alles gleichgültig; sein Mut war gelähmt – wo er konnte, suchte er die Einsamkeit – aber das alles erweckte auch kein Fünkchen Mitleid gegen ihn. – So sehr waren aller Gemüter mit Haß und Verachtung gegen ihn erfüllt. –

Außer ihm war noch ein gewisser T... ein Gegenstand des Spottes, der zum Teil durch seine stotternde Sprache Veranlassung dazu gab. – Dieser aber schüttete den Spott ab, wie das Tier mit der unempfindlichen Haut die Schläge. – Indem man seiner spottete, so rechtfertigte man sich selbst damit, daß ihn der Spott nicht kränkte. – Bei Reisern nahm man darauf keine Rücksicht. – Dies erbitterte endlich sein Herz und machte ihn zum offenbaren Menschenfeinde.

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