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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Wenn er nun allein auf seiner Stube war, so befand er sich so weit recht wohl, aber zu dem Rektor konnte er noch kein Zutrauen fassen. Wenn er ihn gleich im Schlafrock und in der Nachtmütze sahe, so schien doch immer ein Nimbus von Ernst und Würde sich um ihn her zu verbreiten, der Reisern in großer Entfernung von ihm hielt – er mußte ihm seine Bibliothek in Ordnung bringen helfen; wenn er denn zuweilen so dicht bei ihm stand, indem er ihm Bücher zureichte, daß er seinen Atem hören konnte, so fühlte er oft einige anschließende Kraft in sich – aber in dem folgenden Augenblick war die Schüchternheit und Verlegenheit wieder da. – Demohngeachtet liebte er den Rektor – und sein mit romanhaften Ideen angefüllter Kopf ließ ihn manchmal den Wunsch tun, daß er doch mit dem Rektor auf irgendeine unbewohnte Insel versetzt werden möchte, wo sie durch das Schicksal gleichgemacht auf einen freundschaftlichen und vertrauten Fuß umgehen könnten.

Der Rektor tat alles, um Reisern Mut und Zutrauen einzuflößen; er ließ ihn verschiedne Mal mit sich allein an seinem Tische speisen und unterredete sich mit ihn. – Reiser hatte damals schon Schriftstellerprojekte: er wollte die alte Acerra philologika in einen bessern Stil bringen, und der Rektor war so gütig, ihn zu ermuntern, daß er immer dergleichen Projekte für die Zukunft nähren und sich mit dergleichen Ausarbeitungen beschäftigen solle.

Wenn nun Reiser über so etwas mit dem Rektor sprach, so fehlte es ihm immer an den rechten Ausdrücken, deren er sich bedienen sollte, welches seine Perioden sehr unterbrochen machte. – Denn er schwieg lieber, ehe er das unrechte Wort zu dem Gedanken wählte, den er ausdrücken wollte. – Der Rektor half ihm dann mit vieler Nachsicht zurecht. – Er ließ ihn auch zuweilen des Abends zu sich auf die Stube kommen und sich von ihm vorlesen. –

Reiser erdreistete sich denn auch manchmal, Fragen an ihn zu tun: in wiefern z. B. ein Stuhl ein Individuum zu nennen sei, da man ihn doch immer noch wieder teilen könne, welcher Zweifel ihm bei der Logik, die er vom Direktor hörte, aufgefallen war – und der Rektor löste ihm sehr herablassend seinen Zweifel auf und lobte ihn dabei wegen seines Nachdenkens über dergleichen Gegenstände; ja, er scherzte zuweilen gar mit ihm, und wenn er ihm den Auftrag gab, irgendein Buch oder sonst etwas zu holen, so tat er dies nie in einem befehlenden Tone, sondern bittweise. – So war nun alles soweit recht gut – aber das Blattumschlagen schien nun einmal für Reisern eine unglückliche Sache zu sein – er mußte einmal für den Rektor geheftete Bücher aufschneiden und machte das so ungeschickt, daß er mit dem Federmesser tiefe Einschnitte in die Blätter machte, wodurch ein paar Bücher fast ganz verdorben wurden. – Der Rektor wurde darüber sehr böse und machte ihm den bittern Vorwurf, als ob er aus Bosheit die Einschnitte in die Blätter gemacht habe, um von der Arbeit frei zu sein. – Das war nun freilich nicht der Fall – der Vorwurf schmerzte Reisern und trug viel dazu bei, seinen allmählich wachsenden Mut wieder niederzuschlagen.

Indes erholte er sich doch noch einmal wieder, da ihn der Rektor auf einer kleinen Reise nach einer benachbarten katholischen Stadt mitnahm, um die Feier des Fronleichnamsfestes mit anzusehen. – Der Rektor, der Konrektor, der Kantor und ein paar Kandidaten der Theologie fuhren auf einem Wagen mit Extrapost, wo Reiser auch ein Plätzchen erhielt. – Nun hörte er diese ehrwürdigen Männer, die durch das Aneinanderschließen, welches gemeiniglich bei einer kleinen Reisegesellschaft stattzufinden pflegt, vertraulich gemacht waren, sehr lebhaft miteinander scherzen; und dies tat eine ganz besondere Wirkung auf Reisern. – Der Nimbus um ihre Köpfe verschwand allmählich, und er sahe an ihnen zum ersten Male Menschen, wie andre Menschen sind. – Denn noch nie hatte er eine Gesellschaft von Schwarzröcken zusammengesehen, die sich ohne Zwang miteinander besprachen und alle das steife, zeremonienmäßige Wesen, das ihnen sonst von ihrem Stande anklebt, auf eine Zeitlang gegeneinander ablegten. Nur der gute Kantor behielt immer ein gewisses steifes Wesen bei, und da unterwegs eine große Menge Bettler, die geistliche Lieder absangen, dem Wagen entgegenkamen, schraubte man den Kantor mit diesem Auftritt, indem man ihn wegen dieser schrecklichen Disharmonien, wodurch sein Gehör ganz erschüttert wurde, herzlich bedauerte. – Es war zum ersten Male, daß Reiser sahe, wie sich solche ehrwürdige Männer auch ebenso wie andre Leute untereinander schrauben könnten. Und diese Erfahrung, die er machte, war ihm sehr nützlich, indem er nun jeden Priester, den er sonst noch immer gewissermaßen als eine Art von übermenschlichem Wesen betrachtete, sich etwa in den Zirkel einer solchen Reisegesellschaft dachte und ihn denn in seiner Vorstellung von dem Nimbus, der ihn vorher umgab, mit leichter Mühe entblößte.

Allein er fühlte es demohngeachtet wieder lebhaft, welch ein unbedeutendes Wesen er in dieser Gesellschaft war; und da man alle Merkwürdigkeiten der Klöster und andre Sachen in der katholischen Stadt besahe, wozu noch eine Anzahl zum Teil auch fremder Personen sich gesellte, so fühlte er, wie es sich immer von selbst verstand, daß er bei allem der letzte war, und daß er dies noch als eine große Ehre ansehen mußte, die ihm widerfuhr – dieser Gedanke machte, daß er sich in der Gesellschaft verlegen, albern und dumm betrug, und dies verlegene und alberne Betragen fühlte er auch wieder selbst weit stärker, als es vielleicht irgend jemand außer ihm bemerken mochte; darum war er die Zeit über, in welcher er so viel Neues zu hören und zu sehen bekam, nichts weniger als glücklich und wünschte sich wieder auf sein einsames Stübchen mit der Bank und dem alten Klaviere und dem Bücherbrett, das über dem Bett am Nagel hing.

Was aber nun vorzüglich anfing, ihm sein Schicksal zu verbittern, war eine neue unverdiente Demütigung, wozu seine gegenwärtige Lage, die er doch wiederum nicht ändern konnte, die Veranlassung gab.

Als er nämlich die ersten Male Prima besuchte, so hörte er schon zuweilen hinter sich zischeln: Sieh, das ist des Rektors Famulus! Eine Benennung, mit welcher Reiser den allerniedrigsten Begriff verband; denn er wußte von den Verhältnissen eines Famulus auf der Universität noch nichts. Ihm bezeichnete Famulus womöglich noch weniger als einen Bedienten, der seinem Herren die Schuh putzt. – Dabei deuchte es ihm, als ob er allgemein von seinen Mitschülern mit einer Art von Verachtung betrachtet würde. – Dann dachte er sich in seinem kurzen Rocke, womit er sich immer selbst in einer lächerlichen Gestalt erschien. – In Sekunda war er ohngeachtet seiner schlechten Kleidung von seinen Mitschülern noch geachtet worden, wegen der hohen Meinung, die man davon hatte, daß ihn der Prinz studieren ließ. In Prima wußte man dies zwar auch zum Teil, aber die Idee, daß er beim Rektor Famulus war, schien ihn in aller Augen herabzusetzen. – Nun kam in Prima außerordentlich viel auf den Platz an, wo man saß: höhere Plätze konnten nur durch langen fortgesetzten Fleiß erlangt werden. Gemeiniglich rückte man alle halbe Jahre nur eine Bank in die Höhe. – Die ersten vier Bänke machten den untern und die letztern drei den obern Zötus aus. – Wer nun bei den halbjährigen Versetzungen zurückblieb, für den war dies eine der größten Erniedrigungen.

Nun hatte Reiser gleich am dritten Morgen, während daß ein Primaner von dem untern Katheder ein geschriebnes Gebet ablas, da ihm sein Nachbar etwas sagte, eine lächelnde Miene gemacht, und da er sahe, daß er vom Direktor bemerkt wurde, diese Miene plötzlich in eine ernsthafte zu verwandeln gesucht. – Und der Eindruck, welcher noch von dem Blattumschlagen in seiner Seele zurückgeblieben war, machte, daß diese plötzliche Veränderung seiner Miene nicht im mindesten auf eine edle, sondern vielmehr höchst mißtrauische, gemeine und sklavische Furcht verratende Art geschahe, woraus der Direktor mit einem Blick des Zorns und der Verachtung, den er währendem Gebet auf Reisern warf, seine niedrige, gemeine Denkungsart zu schließen schien. – Ein solcher Blick vom Direktor war schon etwas, das allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen pflegte. – Da nun aber das Gebet vorbei war, so sagte er Reisern ein paar Worte über das Niederträchtige in seiner Miene, welche diesen auf einmal der Verachtung der ganzen Klasse aussetzten, der die Aussprüche des Direktors Orakel waren.

Reiser getraute sich von nun an nicht mehr, seine Augen zu dem Direktor aufzuschlagen, und mußte sich in den Stunden desselben wie ein Wesen betrachten, auf das nicht die mindeste Rücksicht genommen ward: denn der Direktor rief ihn niemals auf. – Ein paar junge Leute, die nach Reisern in Prima kamen, wurden über ihn gesetzt, und er mußte verschiedene Monate lang der letzte von allen bleiben. – Der junge Rehberg, ein vorzüglicher Kopf, der sich nachher als Maler berühmt gemacht hat, saß neben Reisern und schien sich an ihn schließen zu wollen; allein ein Blick des Direktors, womit derselbe ihn ansahe, da er einmal mit Reisern sprach, dämpfte jeden Funken von Achtung, den er gegen Reisern zu haben schien, und machte sein Herz von ihm abgewandt. – Das Betragen des Direktors gegen Reisern war eine Folge von dessen schüchternen und mißtrauischen Wesen, das eine niedrige Seele zu verraten schien; allein der Direktor erwog nicht, daß eben dies schüchterne und mißtrauische Wesen wieder eine Folge von seinem ersten Betragen gegen Reisern war.

Dieser war nun einmal in der Achtung seiner Mitschüler gesunken, und jeder nahm sich jetzt heraus, zum Ritter an ihm zu werden, jeder wollte seinen Witz an ihm üben, und nahm er es gleich mit einem auf, so waren wieder zwanzig andre, die miteinander wetteiferten, ihn zum Ziel ihres Spottes zu machen; selbst seine Bravour, wenn er sich zuweilen mit denen, die es zu arg machten, schlug, wodurch jeder andre sich vielleicht wieder in Achtung gesetzt hätte, wurde lächerlich gemacht. – Man zischelte sich nicht mehr in die Ohren: Seht da, des Rektors Famulus! sondern sobald er des Morgens hereintrat, hieß es: Da kömmt der Famulus! und diese Ehrenbenennung schallete ihm aus allen Ecken entgegen. – Es war, als ob sich alles verschworen hätte, sich auf ihn zu setzen und ihn lächerlich zu machen. –

Dieser Zustand wurde ihm eine Hölle – er heulte, tobte und geriet in eine Art von Raserei darüber, und auch dies wurde lächerlich gemacht. – Zuletzt trat denn zuweilen eine Art von Dumpfheit der Empfindung an die Stelle seines bis zur Wut und Raserei beleidigten Stolzes – er hörte und sahe nicht mehr, was um ihn her vorging, und ließ alles mit sich machen, was man wollte, so daß er in dem Zustande ein würdiger Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein schien.

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