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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Einen sonderbaren Eindruck auf Reisern machte das sogenannte Neujahrsingen, welches drei Tage nacheinander dauert und wegen der sehr abwechselnden Szenen, die dabei vorfallen, mit einem Zuge auf Abenteuer sehr viel Ähnliches hat. – Ein Häufchen Chorschüler steht in Schnee und Kälte dicht aneinander gedrängt auf der Straße, bis ein Bote, der von Zeit zu Zeit abgeschickt wird, die Nachricht bringt, daß in irgendeinem Hause soll gesungen werden. – Dann geht man in das Haus hinein und wird gemeiniglich in die Stube genötigt, wo denn erst eine Arie oder Motette, die sich auf die Zeit paßt, gesungen wird. – Alsdann pflegt mancher Hauswirt so höflich zu sein und die Chorschüler mit Wein oder Kaffee und Kuchen zu bewirten. Diese Aufnahme in einer warmen Stube, nachdem man oft lange in der Kälte gestanden hatte, und die Erfrischungen, die einem gereicht wurden, waren eine solche Erquickung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, indem man an einem Tage wohl zwanzig und mehr verschiedene häusliche Einrichtungen und Familien in ihren Wohnzimmern versammlet sahe, machte einen so angenehmen Eindruck auf die Seele, daß man diese drei Tage über in einer Art von Entzückung und beständigen Erwartung neuer Szenen schwebte und sich die Beschwerden der Witterung gern gefallen ließ. – Das Singen dauerte bis fast in die Nacht, und die Erleuchtung des Abends machte dann die Szene noch feierlicher. – Unter andern wurde auch in einem Hospital für alte Frauen zum Neujahr gesungen, wo sich die Chorschüler mit den alten Müttern in einen Kreis zusammensetzen und mit gefalteten Händen singen mußten: ›Bis hieher hat mich Gott gebracht‹ usw. – Bei diesem Neujahrsingen schien alles freundschaftlicher gegeneinander zu sein. Man sahe nicht so sehr auf die Rangordnung, die Primaner sprachen mit den Sekundanern, und eine ungewöhnliche Heiterkeit verbreitete sich über die Gemüter.

An diesem Neujahr überfiel auch Reisern eine erstaunliche Wut, Verse zu machen. – Er schrieb Neujahrwünsche in Versen an seine Eltern, seinen Bruder, die Frau Filter und wer weiß an wen und sprach darin von Silberbächen, die sich durch Blumen schlängeln, und von sanften Zephirs und goldnen Tagen, daß es zum Bewundern war. – Sein Vater hatte vorzügliches Vergnügen an dem Silberbach gefunden; seine Mutter aber verwunderte sich, daß er seinen Vater bester Vater nenne, da er doch nur einen Vater habe.

Seine poetische Lektion bestand damals fast in nichts als Lessings kleinen Schriften, die ihm Philipp Reiser geliehen hatte, und die er fast auswendig wußte, so oft hatte er sie durchgelesen. Übrigens sieht man leicht, daß er, seitdem er ins Chor ging, zu eignen Arbeiten, die von ihm abhingen, eben nicht viel Zeit übrig behielt. Demohngeachtet hatte er allerlei große Projekte; der Stil im Kornelius Nepos war ihm z. E. nicht erhaben gnug, und er nahm sich vor, die Geschichte der Feldherrn ganz anders einzukleiden; etwa so wie der Daniel in der Löwengrube geschrieben war – dies sollte denn auch eine Art von Heldengedicht werden.

In einer Privatstunde bei dem Konrektor wurden des Terenz Komödien gelesen, und schon der Gedanke, daß dieser Autor unter die schweren gezählt wird, machte, daß er ihn mit größerm Eifer als etwa den Phädrus oder Eutropius studierte und jedes Stück, was in der Schule gelesen wurde, sogleich zu Hause übersetzte. –

Als er nun auf die Weise wirklich in sehr kurzer Zeit starke Fortschritte getan hatte, besuchte er den alten tauben Mann wieder, der nun weit über hundert Jahre alt und schon eine Zeitlang kindisch gewesen war, zu aller Verwunderung aber noch ein Jahr vor seinem Tode seinen völligen Verstand wieder erhielt. – Reiser wußte seine Stube am Ende des langen finstern Ganges, und ihm wandelte ein kleiner Schauer an, als er von ferne den scharrenden Gang des alten Mannes hörte, der ihn, da er hereintrat, sehr freundlich willkommen hieß und ihm mit der Hand winkte, daß er ihm etwas aufschreiben solle.

Mit vielem Entzücken schrieb ihm nun Reiser auf, daß er jetzt studiere und schon den Terenz und das griechische Neue Testament übersetze.

Der Greis ließ sich herab, an Reisers kindischer Freude teilzunehmen, und wunderte sich darüber, daß er bereits den Terenz verstünde, wozu doch schon eine Menge von Wörtern gehöre. Am Ende schrieb ihm Reiser, um seine Gelehrsamkeit ganz auszukramen, mit griechischen Buchstaben etwas auf – und der alte Mann ermunterte ihn zum fernern Fleiß und ermahnte ihn, des Gebets nicht zu vergessen, worauf er sich mit ihm auf die Knie niederwarf und gerade so wie vor fünf Jahren, da Reiser ihn zum ersten Male sah, wieder mit ihm betete.

Mit gerührtem Herzen ging Reiser zu Hause und nahm sich vor, sich ganz wieder zu Gott zu wenden, das hieß bei ihm, unaufhörlich an Gott zu denken – er erinnerte sich mit Wehmut des Zustandes, worin er sich als ein Knabe befunden hatte, da er mit Gott Unterredung hielt und immer voll hoher Erwartung war, was nun für große Dinge in ihm vorgehen würden. – In diesen Erinnerungen lag eine unbeschreibliche Süßigkeit, denn der Roman, den die frömmelnde Phantasie der gläubigen Seelen mit dem höchsten Wesen spielt, von dem sie sich bald verlassen und bald wieder angenommen glauben, bald eine Sehnsucht und einen Hunger nach ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des Herzens sind, hat wirklich etwas Erhabnes und Großes und erhält die Lebensgeister in einer immerwährenden Tätigkeit, so daß auch die Träume des Nachts sich mit überirdischen Dingen beschäftigen, wie denn Reisern einst träumte, daß er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war, die sich in kristallnen Strömen badeten. – Ein Traum, der oft wieder seine Einbildungskraft entzückt hat.

Reiser liehe sich nun von dem alten Tischer die Guionschen Schriften wieder und erinnerte sich, indem er sie las, an jene glücklichen Zeiten zurück, wo er seiner Meinung nach auf dem Wege zur Vollkommenheit begriffen war. – Wenn er nun manchmal durch seine äußern Umstände traurig und mißmütig gemacht war und ihm keine Lektüre schmecken wollte, so waren die Bibel und die Lieder der Madam Guion das einzige, wozu er wegen des reizenden Dunkels, das ihm darin herrschte, seine Zuflucht nahm. Ihm schimmerte durch den Schleier des rätselhaften Ausdrucks ein unbekanntes Licht entgegen, das seine erstorbne Phantasie wieder anfrischte – aber mit dem eigentlichen Frommsein oder dem beständigen Denken an Gott wollte es demohngeachtet nicht mehr recht fort. – In den Verbindungen, worin er jetzt war, bekümmerte man sich eben nicht mehr um seinen Seelenzustand, und er hatte in der Schule und im Chore viel zu viel Zerstreuung, als daß er auch nur eine Woche lang seiner Neigung zum ununterbrochnen Insichgekehrtsein hätte getreu bleiben können.

Indes besuchte er doch den Greis vor seinem Tode noch verschiedene Male, bis er auch einmal zu ihm gehen wollte und erfuhr, daß er tot und begraben sei. – Seine letzten Worte waren gewesen: Alles! alles! alles! – Diese Worte erinnerte sich Reiser oft mitten im Gebet oder auch sonst nach einer Pause in einer Art von Entzückung von ihm gehört zu haben. – Es schien dann zuweilen, als wollte er mit diesen Worten seinen zur Ewigkeit reifen Geist aushauchen und in dem Augenblick seine sterbliche Hülle abstreifen. – Darum war es Reisern sehr auffallend, da er hörte, daß der alte Mann mit diesen Worten gestorben sei, und doch war es ihm auch, als sei er nicht gestorben, so sehr schien dieser fromme Greis immer schon in einer andern Welt zu leben. – Tod und Ewigkeit waren die letzten Male, da ihn Reiser sprach, fast sein einziger Gedanke. – Es war Reisern diesmal fast nicht anders, als ob der alte Mann ausgezogen sei, da er ihn habe besuchen wollen, und dies war bei ihm nichts weniger als Gleichgültigkeit, sondern eine innige Vertraulichkeit mit dem Gedanken an den Tod dieses Mannes.

Indes hatte er an dem alten Mann wieder einen Freund seiner Jugend verloren, dessen Teilnehmung an seinem Schicksale ihm oft Freude gemacht hatte. Er fühlte sich in manchen Stunden, ohne selbst zu wissen warum, verlaßner wie sonst. – Die Frau Filter wurde der Last, welche ihr sein Aufenthalt bei ihr machte, ebenfalls immer überdrüssiger und sagte ihm endlich, nachdem sie dreiviertel Jahre lang Geduld gehabt hatte, die Wohnung auf, mit dem wohlgemeinten Rate, daß er sich nun nach einem andern Logis umsehen solle. – Indes war der Rektor des Lyzeums abgegangen, und der neue Rektor Sextroh, welcher an dessen Stelle gewählt wurde, war ein guter Freund von dem Pastor Marquard, der nun darauf dachte, Reisern bei diesem Mann ins Haus zu bringen, und ihn im voraus auf die großen Vorteile aufmerksam machte, welche ihm dadurch erwachsen würden, wenn er das Glück haben sollte, von diesem Manne in sein Haus aufgenommen zu werden. – Also bei dem Rektor sollte nun Reiser ins Haus ziehen – wie sehr schmeichelte dies seiner Eitelkeit! Denn, dachte er sich, wenn es ihm glücken sollte, sich bei dem Rektor beliebt zu machen, was für eine glänzende Aussicht sich ihm dann eröffnete, da überdem nun der Rektor sein Lehrer wurde, indem er nach Endigung seines ersten Schuljahres gleich nach Prima versetzt werden sollte, worin der Direktor und der Rektor allein Unterricht gaben.

Im Grunde war es ihm äußerst angenehm, daß ihm die Frau Filter die Wohnung aufsagte, weil er es nie hätte wagen dürfen, nur ein Wort davon zu erwähnen, daß er von ihr wegziehen wolle. – Hiezu kam nun noch, daß er die große Erwartung hatte, ein Hausgenosse des Rektors, seines künftigen Lehrers, zu werden. Allein um diese Zeit hatte sich eine neue Grille in seiner Phantasie zu bilden angefangen, welche auf sein ganzes künftiges Leben einen großen Einfluß gehabt hat.

Ich habe nämlich schon der Deklamationsübungen erwähnt, welche in Sekunda von dem Konrektor veranstaltet wurden. Dies hatte für ihn und Iffland einen so außerordentlichen Reiz, daß alles andre sich dagegen verdunkelte und Reiser nichts mehr wünschte, als Gelegenheit zu haben, mit mehreren seiner Mitschüler einmal eine Komödie aufzuführen, um sich im Deklamieren hören zu lassen – dies hatte einen so unendlichen Reiz für ihn, daß er eine Zeitlang Tag und Nacht mit diesem Gedanken umging und selber den Entwurf zu einer Komödie machte, wo zwei Freunde voneinander getrennt werden sollten und darüber untröstlich waren usw. – Auch fand er in Leydings Handbibliothek, die ihm jemand geliehen hatte, ein rührendes Drama in Versen: ›Der Einsiedler‹, welches er gern mit Iffland aufführen wollte. – Er wünschte sich denn eine recht affektvolle Rolle, wo er mit dem größten Pathos reden und sich in eine Reihe von Empfindungen versetzen könnte, die er so gern hatte und sie doch in seiner wirklichen Welt, wo alles so kahl, so armselig zuging, nicht haben konnte. – Dieser Wunsch war bei Reisern sehr natürlich; er hatte Gefühle für Freundschaft, für Dankbarkeit, für Großmut und edle Entschlossenheit, welche alle ungenutzt in ihm schlummerten; denn durch seine äußere Lage schrumpfte sein Herz zusammen. – Was Wunder, daß es sich in einer idealischen Welt wieder zu erweitern und seinen natürlichen Empfindungen nachzuhängen suchte!

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