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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Hätte Reiser irgend jemanden gehabt, der an seinem Schicksal wahren Anteil genommen hätte, so würden ihm dergleichen Begegnungen vielleicht nicht so kränkend gewesen sein. Aber so war sein Schicksal an die eigentliche Teilnehmung anderer Menschen nur mit so schwachen Fäden geknüpft, daß die anscheinende Ablösung irgendeines solchen Fadens ihn plötzlich das Zerreißen aller übrigen befürchten ließ und er sich dann in einem Zustand sahe, wo er keines Menschen Aufmerksamkeit auf sich mehr erregte, sondern sich für ein Wesen hielt, auf das weiter gar keine Rücksicht genommen wurde. – Die Scham ist ein so heftiger Affekt wie irgendeiner, und es ist zu verwundern, daß die Folgen desselben nicht zuweilen tödlich sind.

Die Furcht, in einem lächerlichen Lichte zu erscheinen, war bei Reisern zuweilen so entsetzlich, daß er alles, selbst sein Leben, würde aufgeopfert haben, um dies zu vermeiden. – Niemand hat das

Infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit,
Traurig ist das Los der Armut, weil sie die Unglücklichen lächerlich macht,

wohl stärker empfunden als er, dem lächerlich zu werden das größte Unglück auf der Welt dünkte. – Es gibt eine Art des Lächerlichen, welche ihm noch am erträglichsten war – wenn nämlich Leute bloß der Sonderbarkeit wegen über etwas lachen, das sie sich selbst nicht nachzutun getrauen, ohne es deswegen in einem verächtlichen Lichte zu betrachten.

Wenn er z. B. etwa von sich sagen hörte: Der Reiser ist doch ein sonderbarer Mensch, er geht des Abends ganz im Finstern dreimal um den Wall und spricht mit niemand als mit sich selbst, indem er sich die Lektion des Tages wiederholt, usw. – so war ihm das gar nicht unangenehm zu hören, es hatte vielmehr etwas Schmeichelhaftes für ihn, auf die Weise in einem gewissen sonderbaren Lichte zu erscheinen. – Aber als Iffland seinen Vers:

An euch, ihr schönen Wissenschaften,
An euch soll meine Seele haften,

lächerlich machte, das war für ihn sehr kränkend und beschämend, und er hätte viel darum gegeben, daß er diesen Vers nicht gemacht hätte.

Nachdem Reiser ein Vierteljahr lang die Singstunden des Kantors besucht hatte, erreichte er nun auch das so sehnlich gewünschte Glück, ins Chor zu gehen, wo er die Altstimme sang. –

Die Freude über seinen neuen Stand eines Chorschülers dauerte einige Wochen, solange es nämlich gut Wetter blieb. Er fand ein gar großes Vergnügen an den Arien und Motetten, die er singen hörte, und an den freundschaftlichen Unterredungen mit seinen Mitschülern, während daß sie von einem Hause und einer Straße zur andern gingen.

Ein solches Chor hat viel Ähnliches mit einer herumwandernden Truppe Schauspieler, in der man auch Freude und Leid, gutes und schlechtes Wetter usw. auf gewisse Weise miteinander teilt, welches immer ein festeres Aneinanderschließen zu bewirken pflegt.

Am meisten hatte sich Reiser auf den blauen Mantel gefreut, der ins künftige seine Zierde sein würde. – Denn dieser Mantel näherte sich doch schon etwas der priesterlichen Kleidung. – Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn sehr; denn die Frau Filter ließ, um für ihn zu sparen, aus ein paar alten blauen Schürzen einen Mantel für ihn zusammennähen, womit er unter den übrigen Chorschülern eben keine glänzende Figur machte.

Nun bemerkte Reiser gleich am ersten Tage unter den Chorschülern einen, der sich von den übrigen ganz besonders auszeichnete. – Man sahe es ihm gleich an, daß er ein Ausländer war, wenn man es auch nicht an seiner Sprache gehört hätte. Denn alle seine Mienen und Bewegungen zeigten mehr Lebhaftigkeit und Gewandtheit als das Äußere der steifen und schwerfälligen Hannoveraner. – Reiser konnte sich immer nicht satt an ihm sehen; und da er ihn nun reden hörte, so konnte er sich nicht enthalten, seine wohlgesetzten Ausdrücke in dem obersächsischen Dialekt zu bewundern; alles, was die Hannoveraner sagten, kam ihm dagegen plump und abgeschmackt vor. – Nun war der Präfektus im Chore ein alter versoffener Kerl, mit dem sich dieser Ausländer immer am meisten herumzankte und ihm gemeiniglich sehr treffende und beißende Antworten zu geben pflegte, wenn der Präfektus sich eine Art von Oberherrschaft über ihn anmaßen wollte. Und als dieser unter andern einmal zu ihm sagte, er sei schon zu lange Präfektus, als daß er sich von so einem Gelbschnabel dürfe Anzüglichkeiten sagen lassen, so antwortete der Ausländer, es bringe ihm freilich eben nicht viel Ehre, daß er so ein alter Knabe und noch immer Präfektus sei. – Diese Überlegenheit des Witzes, womit der Ausländer den Präfektus auf einmal niederschlug, machte Reisern noch aufmerksamer auf ihn, und da er sich nach dem Namen desselben erkundigte, erfuhr er, daß er Reiser hieße und aus Erfurt gebürtig sei.

Nun war es Reisern sehr auffallend, daß dieser junge Mensch, den er schon so liebgewonnen hatte, gerade mit ihm einerlei Namen führte, ohngeachtet er wegen der Entfernung des Geburtsortes schwerlich mit ihm verwandt sein konnte. – Er hätte gern gleich mit ihm Bekanntschaft gemacht, aber er wagte es noch nicht, weil sein Namensgenosse ein Primaner und er nur ein Sekundaner war. – Auch fürchtete er sich vor dem Witze desselben, dem er sich nicht gewachsen fühlte, wenn er einmal auf ihn sollte gerichtet werden. Indes fügte sich ihre Bekanntschaft von selber, indem Philipp Reiser auf Anton Reisers stilles und in sich gekehrtes Wesen ebenso wie dieser auf das lebhafte Wesen von jenem immer aufmerksamer wurde und sie sich ohngeachtet dieser Verschiedenheit ihrer Charaktere bald unter der Menge herausfanden und Freunde wurden.

Dieser Philipp Reiser war gewiß ein vortrefflicher Kopf, der aber auch durch die Umstände, worin ihn das Schicksal versetzt hat, unterdrückt worden ist. – Nebst einer feinen Empfindung besaß er viel Witz und Laune, wirkliches musikalisches Talent und war zugleich ein vorzüglicher mechanischer Kopf – aber er war arm und dabei im höchsten Grade stolz – ehe er Wohltaten angenommen hätte, würde er Hunger gelitten haben, welches er auch wirklich öfters tat. – Hatte er aber Geld, so war er freigebig und gastfrei wie ein König, – dann schmeckte ihm wohl, was er genoß, wenn er reichlich davon mitteilen konnte – aber er hatte freilich Einnahme und Ausgabe nicht allzu gut berechnen gelernt und hatte daher sehr oft Gelegenheit, sich in der großen Kunst des freiwilligen Entbehrens von dem, was man sonst gern hätte, zu üben. – Ohne jemals Anweisung dazu gehabt zu haben, verfertigte er sehr gute Klaviere und Fortepianos, welches ihm zuweilen ansehnliche Einnahmen verschaffte, die ihm aber freilich bei seiner gar zu großen Freigebigkeit nicht viel halfen. – Dabei hatte er den Kopf beständig voll romanhafter Ideen und war immer in irgendein Frauenzimmer sterblich verliebt; wenn er auf diesen Punkt kam, so war es immer, als hörte man einen Liebhaber aus den Ritterzeiten. – Seine Treue in der Freundschaft, seine Begierde, den Notleidenden zu helfen, und selbst seine Gastfreiheit kam auf diesen Schlag heraus und gründete sich zum Teil auf die romanhaften Begriffe, womit seine Phantasie genährt war, obgleich sein gutes Herz der eigentliche Grund davon war – denn nur auf dem Boden eines guten Herzens können dergleichen Auswüchse von romanhaften Tugenden emporkeimen und Wurzel fassen. In einer eigennützigen Seele und zusammengeschrumpften Herzen wird die häufigste Romanenlektüre nie dergleichen Wirkungen hervorbringen. – Man siehet nun leicht ein, warum Philipp und Anton Reiser sich auf halbem Wege begegneten und bei dem nähern Umgange füreinander gemacht zu sein schienen. Der erstere war beinahe zwanzig Jahre alt, da Reiser ihn kennen lernte; die Jahre, die er vor ihm voraus hatte, machten ihn also gewissermaßen zu seinem Führer und Ratgeber, nur schade, daß in dem Hauptpunkte, was die Ordnung des Lebens betraf, Reiser keinen bessern Führer und Ratgeber fand. – Indes hatte er doch nun den ersten eigentlichen Freund seiner Jugend gefunden, dessen Umgang und Gespräche ihm die Stunden, die er im Chore zubringen mußte, noch einigermaßen erträglich machten.

Denn nun war das schöne Wetter vorbei, und es stellten sich Regen, Schnee und Kälte ein – demohngeachtet mußte das Chor seine gewissen Stunden auf der Straße singen. – O, wie zählte Reiser jetzt, da er vom Frost erstarret war, die Minuten, ehe das lästige Singen vorbei war, das ihm sonst eine himmlische Musik in seinen Ohren dünkte.

Den ganzen Mittwoch- und Sonnabendnachmittag und den ganzen Sonntag nahm nun allein das Chorsingen weg – denn alle Sonntagmorgen mußten die Chorschüler in der Kirche sein, um vom Chore herunter das Amen zu singen. – Auch des Sonnabendnachmittags bei der Vorbereitung zum Abendmahle mußten die jüngern Chorschüler mit dem Kantor ein Lied singen und einer von ihnen einen Psalm oben von dem hohen Chore herunter lesen, welches nun für Reisern wieder ein großer Fund war – durch eine solche öffentliche und laute Vorlesung eines Psalms hielt er sich wieder für alle Beschwerlichkeiten des Chorsingens belohnt. – Er dünkte sich nun schon wie der Pastor Paulmann in Braunschweig dazustehen und mit erschütternder Stimme zu dem versammleten Volke zu reden.

Übrigens aber wurde das Chorsingen für ihn bald die unangenehmste Sache von der Welt. Es raubte ihm alle Erholungsstunden, die ihm noch übrig waren, und machte, daß er nun keinem einzigen ruhigen Tage in der Woche entgegensehen konnte. Wie verschwanden die goldnen Träume, die er sich davon gemacht hatte! – Und wie gern hätte er sich nun aus dieser Sklaverei wieder losgekauft, wenn es noch möglich gewesen wäre. – Aber nun war das Chorgeld einmal zu seinen gewöhnlichen Einkünften mit gerechnet, und er durfte gar nicht einmal daran denken, je wieder davon loszukommen.

Den Gefährten seiner Sklaverei ging es größtenteils nicht besser wie ihm, sie waren dieses Lebens ebenso überdrüssig. – Und das Leben eines Chorschülers, der sich sein Brot vor den Türen ersingen muß, ist auch wirklich ein sehr trauriges Leben. Wenn einer den Mut nicht ganz dabei verliert, so ist das gewiß ein seltner Fall. Die meisten werden am Ende niederträchtig gesinnet und verlieren, wenn sie es einmal geworden sind, nie ganz die Spur davon.

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