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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Sicher wäre Reiser glücklicher und zufriedener und gewiß auch fleißiger gewesen, als er war, hätte man ihn von dem Gelde, das der Prinz für ihn hergab, Salz und Brot für sich kaufen lassen, als daß man ihn an fremden Tischen sein Brot essen ließ.

Es war abscheulich, in was für eine Lage er einmal geriet, da die Frau des Garnisonküsters über Tische erst anfing von den schlechten Zeiten und von dem harten Winter und dann von dem Holzmangel zu reden und endlich über die Besorgnis in Tränen ausbrach, wo man noch zuletzt Brot herschaffen solle; und da Reiser in der Verlegenheit über diese Reden unversehns ein Stück Brot an die Erde fallen ließ, ihn mit den Augen einer Furie anblickte, ohne doch etwas zu sagen. – Da sich Reiser über diese unwürdige Begegnung der Tränen nicht enthalten konnte, so brach sie gegen ihn los, warf ihm mit dürren Worten Unhöflichkeit und ungeschicktes Betragen vor und gab zu verstehen, daß dergleichen Leute, die ihr den Bissen im Munde zu Gift machten, an ihrem Tische nicht willkommen wären. – Der gute Garnisonküster, der Reisern innig bedauerte, aber das Regiment nicht im Hause führte, erbarmte sich seiner und sagte ihm sogleich den Tisch auf. – So beschämt, erniedrigt und herabgewürdigt mußte nun Reiser aus diesem Hause gehen und durfte es kaum wagen, sich zu Hause davon etwas merken zu lassen, daß er einen Freitisch verloren habe.

Wenn ihm der Garnisonküster nachher zuweilen auf der Straße begegnete, drückte er ihm einen halben Gulden in die Hand, um ihn für die Mißgunst und den Geiz seiner Frau schadlos zu halten.

Nun gab es wieder eine Art Leute, welche, wenn sie Reisern eine Mahlzeit zu essen gaben, alle Augenblick zu sagen pflegten, wie gern es ihm gegönnt sei, und daß er sichs nur recht sollte schmecken lassen, denn für eine Mahlzeit werde es ihm nun doch einmal gerechnet und dergleichen mehr, welches Reisern nicht weniger verlegen machte, so daß ihm das Essen, statt des Vergnügens, was man sonst dabei empfindet, gemeiniglich eine wahre Qual war. – Wie glücklich fühlte er sich, da er am ersten Sonntage, nachdem er den Tisch bei dem Garnisonküster verloren und es zu Hause noch nicht hatte sagen wollen, ein Dreierbrot verzehrte und dabei einen Spaziergang um den Wall machte.

Es schien, als ob sich alles vereinigt habe, Reisern in der Demut zu üben; ein Glück, daß er nicht niederträchtig darüber wurde – dann würde er freilich zufrieden und vergnügter gewesen sein, aber um alle den edlen Stolz, der den Menschen allein über das Tier erhebt, das nur seinen Hunger zu stillen sucht, wäre es bei ihm getan gewesen.

Der Stand des geringsten Lehrburschen eines Handwerkers ist ehrenvoller als der eines jungen Menschen, der, um studieren zu können, von Wohltaten lebt, sobald ihm diese Wohltaten auf eine herabwürdigende Art erzeigt werden. Fühlt sich ein solcher junger Mensch glücklich, so ist er in Gefahr, niederträchtig zu werden, und hat er nicht die Anlage zur Niederträchtigkeit, so wird es ihm wie Reisern gehen; er wird mißmütig und menschenfeindlich gesinnet werden, wie es Reiser wirklich wurde, denn er fing schon damals an, in der Einsamkeit sein größtes Vergnügen zu finden.

Einmal schickte ihn die Frau Filter sogar mit einem großen Stück Leinwand in des Prinzen Haus, welches dort an die Leute zum Verkauf vorgezeigt werden sollte. – Alles Sträuben dagegen würde nichts geholfen haben – denn der Pastor Marquard hatte einmal der Frau eine unbeschränkte Gewalt über Reisern erteilet – und jede Weigerung würde ihm als ein unverzeihlicher Stolz ausgelegt worden sein. – Es würde ihm nicht ins Schild gemalt werden, pflegte dann die Frau Filter wohl zu sagen. – Ebenso wenig durfte er sich sträuben, das Brot zu holen, welches der Hoboist vom Regiment bekam, und ob er dies gleich immer in der Dämmerung tat und die abgelegensten Straßen wählte, damit ihn keiner seiner Mitschüler sehen möchte, so bemerkte ihn doch einmal einer derselben zu seinem größten Schrecken, welcher aber zum Glück so gut gesinnet war, daß er ihm völlige Verschwiegenheit versprach und hielt, ihm aber doch, wenn sie sich in der Klasse zuweilen verunwilligten, drohete, es ruchtbar zu machen.

Endlich wurde ihm denn doch von dem Gelde des Prinzen ein neues Kleid geschafft, weil sein alter roter Soldatenrock gar nicht mehr halten wollte; aber gleichsam, als wenn es recht eigentlich auf seine Demütigung abgesehen wäre, wählte man ihm graues Bediententuch zum Kleide – wodurch er wiederum gegen seine Mitschüler fast ebenso sonderbar als mit dem roten Soldatenrock abstach; und das Kleid durfte er anfänglich doch nur bei feierlichen Gelegenheiten, wenn etwa in der Schule Examen war, oder wenn er zum Abendmahl ging, anziehen.

Was ihn aber von allen Demütigungen, die er erlitt, am meisten kränkte und was er der Frau Filter nie hat vergessen können, war eine ungerechte Beschuldigung, die ihn bis in die Seele schmerzte, und die er doch durch keine Beweise von sich ablehnen konnte.

Die Frau Filter hatte ein kleines Mädchen von etwa drei bis vier Jahren von einer ihrer Anverwandtinnen zu sich genommen. Diesem Kinde dachte sie zu Weihnachten eine überraschende Freude zu machen und hatte zu dem Ende einen Baum mit Lichtern aufgeputzt und mit Rosinen und Mandeln behangen. Reiser blieb allein in der Stube, während die Frau Filter in die Kammer ging, um das Kind zu holen. Nun fügte es sich, da sie wieder hereinkam, daß vermutlich durch die Bewegung der Türe der Baum mit allen Lichtern umfiel und Reiser in demselben Augenblick hinzulief, um ihn aufrecht zu erhalten, da dies aber nicht gehen wollte, sogleich wieder seine Hand davon abzog, welches nun gerade so aussahe, als ob er sich die ganze Zeit über mit dem Baum beschäftigt habe und nun, da die Frau Filter hereinkam, erschrocken sei und folglich den Baum habe fahren lassen, der nun wirklich umfiel. In den Gedanken der Frau Filter war es nun ausgemacht, daß er von dem Baum hatte naschen wollen und auf die Weise ihr und dem Kinde eine unschuldige Freude verdorben habe.

Diesen entehrenden Verdacht gab sie Reisern mit deutlichen Worten zu verstehen, und wie sollte er ihn von sich abwälzen? Er hatte keinen Zeugen. Und der Anschein war wider ihn. – Schon die Möglichkeit, daß man einen solchen Verdacht gegen ihn hegen konnte, erniedrigte ihn bei sich selber, er war in einem solchen Zustande, wo man gleichsam zu versinken oder in einem Augenblick gänzlich vernichtet zu sein wünscht.

Ein Zustand, der eine Art von Seelenlähmung hervorzubringen vermag, welche nicht so leicht wieder gehoben werden kann. – Man fühlt sich in einem solchen Augenblick gleichsam wie vernichtet und gäbe sein Leben darum, sich vor aller Welt verbergen zu können. – Das Selbstzutrauen, welches der moralischen Tätigkeit so nötig ist als das Atemholen der körperlichen Bewegung, erhält einen so gewaltigen Stoß, daß es ihm schwer hält, sich wieder zu erholen.

Wenn Reiser nachher irgendwo zugegen war, wo man etwa eine Kleinigkeit suchte, von der man glaubte, daß sie weggenommen sei, so konnte er sich nicht enthalten, rot zu werden und in Verwirrung zu geraten, bloß weil er sich die Möglichkeit lebhaft dachte, daß man ihn, ohne es sich geradezu merken lassen zu wollen, für den Täter halten könnte. – Ein Beweis, wie sehr man sich irren kann, wenn man oft die Beschämung und Verwirrung eines Angeklagten als ein stillschweigendes Geständnis seines Verbrechens auslegt. – Durch tausend unverdiente Demütigungen kann jemand am Ende so weit gebracht werden, daß er sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht und es nicht mehr wagt, die Augen vor jemanden aufzuschlagen – er kann auf die Weise in der größten Unschuld seines Herzens alle die Kennzeichen eines bösen Gewissens an sich blicken lassen, und wehe ihm dann, wenn er einem eingebildeten Menschenkenner, wie es so viele gibt, in die Hände fällt, der nach dem ersten Eindruck, den seine Miene auf ihn macht, sogleich seinen Charakter beurteilt. –

Unter allen Empfindungen ist wohl der höchste Grad der Beschämung, worin jemand versetzt wird, eine der peinigendsten.

Mehr als einmal in seinem Leben hat Reiser dies empfunden, mehr als einmal hat er Augenblicke gehabt, wo er gleichsam vor sich selber vernichtet wurde – wenn er z. B. eine Begrüßung, ein Lob, eine Einladung oder dergleichen auf sich gedeutet hatte, womit er nicht gemeinet war. – Die Beschämung und die Verwirrung, worin ein solcher Mißverstand ihn versetzen konnte, war unbeschreiblich. –

Es ist auch ein ganz besonderes Gefühl dabei, wenn man aus Mißverstand sich eine Höflichkeit zurechnet, die einem andern zugedacht ist. Eben der Gedanke, daß man zu sehr von sich eingenommen sein könne, ist es, der so etwas außerordentlich Demütigendes hat. Dazu kömmt das lächerliche Licht, in welchem man zu erscheinen glaubt. – Kurz, Reiser hat in seinem Leben nichts Schrecklichers empfunden als diesen Zustand der Beschämung, worin ihn oft eine Kleinigkeit versetzen konnte. – Alles andere griff nicht so sein innerstes Wesen, sein eigentliches Selbst an als grade dies. In Ansehung dieser Art des Leidens hat er auch das stärkste Mitleid empfunden. Um jemanden eine Beschämung zu ersparen, würde er mehr getan haben, als um jemanden aus würklichem Unglück zu retten: denn die Beschämung deuchte ihm das größte Unglück, was einem widerfahren kann.

Er war einmal bei einem Kaufmann in Hannover, der gemeiniglich statt der Person, mit der er sprach, einen andern anzusehen pflegte. Dieser bat, indem er Reisern ansahe, einen andern, der mit in der Stube war, zum Essen, und da Reiser die Einladung auf sich deutete und sie höflich ablehnte, so sagte der Kaufmann mit sehr trockner Miene: Ich meine Ihn ja nicht! – Dies Ich meine Ihn ja nicht! mit der trocknen Miene tat eine solche Wirkung auf Reisern, daß er glaubte, in die Erde sinken zu müssen; dies Ich meine Ihn ja nicht! verfolgte ihn nachher, wo er ging und stund, und machte seine Stimme gebrochen und zitternd, wenn er mit Vornehmern reden sollte, sein Stolz konnte dies nie wieder ganz verwinden.

›Wie kann Er glauben, daß man Ihn zum Essen bitten sollte?‹ So legte Reiser das Ich meine Ihn ja nicht! aus, und er kam sich in dem Augenblick so unbedeutend, so weggeworfen, so nichts vor, daß ihm sein Gesicht, seine Hände, sein ganzes Wesen zur Last war und er nun die dümmste und albernste Figur machte, so wie er dastand, und zugleich dies Alberne und Dumme in seinem Betragen lebhafter und stärker als irgend jemand außer ihm empfand. –

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