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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Ob nun gleich zum Teil schon erwachsene Leute von siebzehn bis achtzehn Jahren in dieser Klasse saßen, so herrschten doch darin noch sehr erniedrigende Strafen. Der Konrektor sowohl als der Kantor teilten Ohrfeigen aus und bedienten sich zu schärfern Züchtigungen der Peitsche, welche beständig auf dem Katheder lag; auch mußten diejenigen, welche etwas verbrochen hatten, manchmal zur Strafe am Katheder knien.

Reisern war der Gedanke schon unerträglich, sich jemals eine solche Strafe von Männern zuzuziehen, welche er als seine Lehrer im hohen Grade liebte und ehrte, und nichts eifriger wünschte, als sich wiederum ihre Liebe und Achtung zu erwerben. Welch eine Wirkung mußte es also auf ihn tun, da er einmal, ehe er sichs versahe und ganz ohne seine Schuld, das Schicksal einiger seiner Mitschüler, welche wegen eines vorgefallenen Lärms vom Konrektor mit der Peitsche bestraft wurden, teilen mußte. Gleiche Brüder, gleiche Kappen, sagte der Konrektor, da er an ihn kam, und hörte auf keine Entschuldigungen, drohte auch noch dazu, ihn bei dem Pastor Marquard zu verklagen. Das Gefühl seiner Unschuld beseelte Reisern mit einem edlen Trotze, und er drohte wieder, den Konrektor bei dem Pastor Marquard zu verklagen, daß er ihn unschuldigerweise auf eine so erniedrigende Art behandelte.

Reiser sagte dies mit der Stimme der unterdrückten Unschuld, und der Konrektor antwortete ihm kein Wort. Aber von der Zeit an war auch alles Gefühl von Achtung und Liebe für den Konrektor wie aus seinem Herzen weggeblasen. Und da der Konrektor nun einmal in seinen Strafen weiter keinen Unterschied machte, so achtete Reiser eine Ohrfeige oder einen Peitschenschlag von ihm ebenso wenig, als ob irgendein unvernünftiges Tier an ihn angerannt wäre. Und weil er nun sahe, daß es gleichviel war, ob er sich die Achtung dieses Lehrers zu erwerben suchte oder nicht, so hing er auch nun seiner Neigung nach und war nicht mehr aus Pflicht, sondern bloß, wenn ihn die Sache interessierte, aufmerksam. Er pflegte denn oft stundenlang mit seinem Freunde Iffland zu plaudern, mit dem er denn zuweilen gesellschaftlich am Katheder knien mußte. Iffland fand auch hierin Stoff, seinen Witz zu üben, indem er das Katheder, worauf sich der Konrektor mit den Ellenbogen gestützt hatte, mit dem mecklenburgischen Wappen und sich und Reisern mit den beiden Schildhaltern verglich. – Ifflands Schalkhaftigkeit war durch keine Strafen zu unterdrücken, ausgenommen durch eine, wo er einmal eine ganze Stunde lang mit dem Gesicht gegen den Ofen gekehrt stehen mußte und also seinen Witz nicht spielen lassen oder gegen jemand irgendeine Pantomime machen konnte. – Diese Strafe preßte ihm zum erstenmal Tränen aus, und er legte sich im Ernst aufs Bitten, welches er sonst nie tat. – So war die Disziplin des Konrektors beschaffen. – Es hatte einmal einer aus Versehen seine Nachtmütze statt des Buchs in die Tasche gesteckt, und er ließ ihn mit der Nachtmütze auf dem Kopfe eine Stunde lang vor der ganzen Klasse knien, worüber denn Iffland seinen tausend Spaß hatte und seinen Nachbarn, die sich über seine Pantomime und seine drollichten Einfälle zuweilen des Lachens nicht enthalten konnten, manche Ohrfeige zuzog.

Was nun diese Disziplin des Konrektors auf das Gemüt und den Charakter seiner Untergebenen für eine Würkung getan, was für ein rühmliches Andenken er sich dadurch in den Herzen seiner Schüler gestiftet habe, und was für einen Kranz er sich dadurch erworben habe, mag seinem eigenen Gewissen anheimgestellt sein. – Wenn er sich denn oft so recht als ein Held gezeigt hatte, so pflegte er wohl zu sagen: Ich bin keine Schlafmütze wie andre, und deutete damit, daß es jedermann merken konnte, auf seinen Kollegen, den Kantor, der, ohngeachtet seiner hypochondrischen Laune und einiger ihm anklebenden Pedanterie, ein weit besserer Mann war als der Konrektor.

Nie hat Reiser von diesem einen Schlag bekommen, ob derselbe gleich sonst eben nicht karg mit Ohrfeigen und ziemlich freigebig mit der Peitsche war. Aber er sahe doch ein, daß es Reisern im Ernst darum zu tun war, Strafe zu vermeiden, und nun schlug er doch nicht blindlings zu. Bei ihm lernte auch Reiser weit mehr als bei dem Konrektor, weil er aus Pflicht aufmerksam war, wenn ihn gleich die Sache nicht interessierte. – Und da es ihm gelang, sich durch die lateinischen Ausarbeitungen bis zum ersten Platze hinaufzuarbeiten: wie aufmunternd war ihm nun das Lob des Kantors und wie eindringend der Zuspruch desselben, daß er sich nun auf diesem Platze solle zu behaupten suchen! – Nun erteilte der Kantor immer dem Ersten in der Klasse das Amt eines Zensors oder Aufsehers über das Betragen der übrigen, und da nun Reiser sich immer auf seinem ersten Platze behauptete, so gab ihm der Kantor den ehrenvollen Titel eines censor perpetuus oder immerwährenden Aufsehers. Er verwaltete dies Amt mit der größten Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit und sahe es oft mit Wehmut an, wie die Buben den guten Kantor, der freilich auch nicht immer den rechten Weg der Disziplin einschlug, ärgerten und ihm das Leben sauer machten, so daß derselbe oft in der Betrübnis seines Herzens ausrief: Quem Dii odere, paedagogum fecere, wen die Götter haßten, den machten sie zum Schulmann. – Für den Kantor hätte Reiser alles aufgeopfert, weil er nie ungerecht gegen ihn gewesen war, obgleich das Betragen desselben sonst auch nicht immer das freundlichste war. – Wie rührend war es Reisern oft, wenn in der Katechismusstunde alles um ihn her lärmte und tobte, und der Kantor denn mit Gewalt aufs Buch schlug und sagte: Ich habe Gottes Wort an euch! – Nur schade, daß der gute Mann dergleichen Ausdrücke, die, zu rechter Zeit angebracht, ihre Wirkung nicht verfehlen, zu oft anbrachte und gewisse Gemeinplätze als: Torheit steckt dem Knaben im Herzen und dergleichen, alle Augenblicke im Munde führte, wodurch man sich denn am Ende so sehr daran gewöhnte, daß niemand mehr darauf achtete, und eben daher entstand die ewige Unruhe in den Lehrstunden des Kantors. – Der Konrektor sprach weniger bei seinen Züchtigungen, darum bewirkten sie mehr Stille und Ordnung.

Da nun Reiser auf eine kurze Zeit die Schule besucht hatte, so kam er auf den Einfall, ins Chor zu gehen; nicht sowohl um Geld zu verdienen, als vielmehr in einen neuen ehrenvollen Stand zu treten, wovon er sich schon als Hutmacherbursche in Braunschweig immer so große Begriffe gemacht hatte. –

Seine Phantasie hatte hier wieder Spielraum. – Das war ihm alles so himmlisch, so feierlich, in die Lobgesänge zur Ehre Gottes öffentlich mit einzustimmen. – Der Name ›Chor‹ tönte ihm so angenehm. – Das Lob Gottes in ›vollen Chören‹ zu singen war ein Ausdruck, der ihm immer im Sinn schallte. – Er konnte die Zeit kaum abwarten, wo er in diese glänzende Versammlung würde aufgenommen werden.

Einer seiner Mitschüler, der schon lange im Chor gesungen hatte, versicherte ihm zwar, er sei es so satt und überdrüssig, daß er lieber heute als morgen davon frei sein möchte. – Reiser konnte sich das unmöglich einbilden. Er besuchte mit großem Eifer die Lehrstunde, wo der Kantor Unterricht im Singen erteilte, und beneidete nun jeden, der eine bessere Stimme besaß als er.

Nicht weit von Hannover ist ein Wasserfall, wo er auf Anraten des Kantors oft stundenlang hinging, um sich recht auszuschreien und seine Stimme zu üben. – Allein es wollte mit dem Singen nie recht fort. Denn es fehlte ihm zugleich an dem, was man musikalisches Gehör nennt. Aber das Theoretische, was der Kantor bei seinem Unterricht mit einfließen ließ, war ihm desto willkommner, und er machte dem Kantor durch seine Aufmerksamkeit viel Vergnügen.

Reiser empfand nun wirkliche Liebe gegen den Kantor und machte allenthalben sehr viel Rühmens von ihm, so wie dieser ihn wieder bei den Leuten lobte. – Da fügte es sich einmal, daß Reiser dem Kantor für das gute Zeugnis dankte, das ihm derselbe bei einem seiner Gönner gegeben hatte, und der Kantor erwiderte: Reiser habe ihm ja auch ein gutes Zeugnis gegeben; denn es war ihm wieder zu Ohren gekommen, wie gut Reiser allenthalben von ihm sprach.

Die Freude dieses Augenblicks hätte Reiser um vieles in der Welt nicht gegeben, so angenehm war es ihm, daß sein Lehrer es nun selber wußte, wie sehr er ihn liebte. – Wer ihm das beim ersten Anblick gesagt hätte, dem würde er es nicht geglaubt haben, daß der Kantor einmal so sehr sein Freund sein würde. Denn der Konrektor war erstlich sein Mann; dessen lächelnde freundliche Miene und glatte Stirne nahmen ihn ein, indes die finstere Miene des Kantors und seine runzelvolle Stirn ihn zurückscheuchten. Ach, was für ein artiger freundlicher Mann ist der Konrektor gegen den alten mürrischen Kantor! pflegte er im Anfang oft zu sagen: aber bei der genauern Bekanntschaft wandte sich das Blatt gar bald um.

Reiser suchte sich auch auf alle Weise in der Achtung des Kantors immer fester zu setzen. Dies ging so weit, daß er auf einem öffentlichen Spazierplatze, wo der Kantor hinzukommen pflegte, mit einem aufgeschlagenen Buche in der Hand auf und nieder ging, um die Blicke seines Lehrers auf sich zu ziehen, der ihn nun für ein Muster des Fleißes halten sollte, weil er sogar beim Spaziergehen studierte. – Ob nun Reiser gleich an dem Buche, das er las, wirklich Vergnügen fand, so war doch das Vergnügen, von dem Kantor in dieser Attitüde bemerkt zu werden, noch weit größer, und man siehet auch aus diesem Zuge seinen Hang zur Eitelkeit. Es lag ihm mehr an dem Schein als an der Sache, obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war.

Man hatte eine erstaunliche Meinung von seinem Fleiß und pflegte ihm immer anzuraten, daß er seiner Gesundheit schonen sollte. Dies war ihm äußerst schmeichelhaft, und er ließ die Leute bei dieser Meinung, obgleich sein Fleiß lange nicht so groß war, wie er hätte sein können, wenn das Drückende seiner Lage in Ansehung seiner Nahrung und Wohnung ihn nicht oft träge und mißmütig gemacht hätte.

Denn die unwürdige Behandlung, der er zuweilen ausgesetzt war, benahm ihm oft einen großen Teil der Achtung gegen sich selbst, welche schlechterdings zum Fleiß notwendig ist. – Oft ging er mit traurigem Herzen zur Schule, wenn er aber denn einmal darin war, so vergaß er seines Kummers, und die Schulstunden waren im Grunde noch seine glücklichsten Stunden.

Wenn er aber dann wieder zu Hause kam und sich manchmal verblümterweise mußte zu verstehen geben lassen, wie überdrüssig man seiner Gegenwart wäre – dann saß er stundenlang und getraute sich kaum Atem zu holen – er war dann in einem entsetzlichen Zustande – und hätte in der Welt nichts arbeiten können, denn sein Herz war ihm durch diese Begegnung zerrissen. –

So konnten auch die Blicke der Frau des Garnisonküsters, wenn er dort gegessen hatte, ihn auf einige Tage niederschlagen und ihm den Mut zum Fleiß benehmen.

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