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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Der Pastor Marquard kam und reichte Antons Mutter das Abendmahl – nun glaubte er, sei keine Hoffnung mehr, und war untröstlich – er flehte zu Gott um das Leben seiner Mutter, und ihm fiel der König Hiskias ein, der ein Zeichen von Gott erhielt, daß seine Bitte erhört und ihm sein Leben gefristet sei.

Nach einem solchen Zeichen sahe sich itzt auch Anton um, ob nicht etwa der Schatten an der Mauer im Garten zurückgehen wollte? Und der Schatten schien ihm endlich zurückzugehen – denn eine dünne Wolke hatte sich vor der Sonne hingezogen – oder seine Phantasie hatte diesen Schatten zurückgedrängt – aber von dem Augenblick an faßte er neue Hoffnung; und seine Mutter fing wirklich wieder an zu genesen. Er lebte nun auch von neuem wieder auf – und tat alles, um sich bei seinen Eltern beliebt zu machen. Allein bei seinem Vater gelang es ihm nicht; dieser hatte, seitdem er ihn aus Braunschweig wieder abgeholt, einen bittern, unversöhnlichen Haß auf ihn geworfen, den er ihn bei jeder Gelegenheit empfinden ließ – jede Mahlzeit wurde ihm zugezählt, und Anton mußte oft im eigentlichen Verstande sein Brot mit Tränen essen.

Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergänge mit seinen beiden kleinern Brüdern, mit denen er ordentliche Wanderungen auf den Wällen der Stadt anstellte, indem er sich immer ein Ziel setzte, nach welchem er mit ihnen gleichsam eine Reise tat. –

Dies war seine liebste Beschäftigung von seiner frühesten Kindheit an, und als er noch kaum gehen konnte, setzte er sich schon ein solches Ziel an einer Ecke der Straße, wo seine Eltern wohnten, welches die Grenze seiner kleinen Wanderungen war.

Er schuf sich nun den Wall, welchen er hinaufstieg, in einen Berg, das Gesträuch, durch welches er sich durcharbeitete, in einen Wald, und einen kleinen Erdhügel im Stadtgraben in eine Insel um; und so stellte er mit seinen Brüdern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten oft viele meilenweite Reisen an – er verlor sich und verirrte sich mit ihnen in Wäldern, erstieg hohe Klippen und kam auf unbewohnte Inseln – kurz, er realisierte sich mit ihnen seine ganze idealische Romanenwelt, so gut er konnte. –

Zu Hause stellte er allerlei Spiele mit ihnen an, wobei es oft scharf zuging – er belagerte Städte, eroberte Festungen, von den Büchern der Madam Guion zusammengebaut, mit wilden Kastanien, die er wie Bomben darauf abschoß. – Zuweilen predigte er auch, und seine Brüder mußten ihm zuhören. – Das erstemal hatte er sich denn eine Kanzel von Stühlen zusammengebaut, und seine Brüder saßen vor ihm auf Fußschemeln; er geriet in heftigen Affekt – die Kanzel stürzte ein, er fiel herunter und zerschlug mit dem Stuhle, worauf er stand, seinen Brüdern die Köpfe. – Das Geschrei und die Verwirrung war allgemein – indem trat sein Vater herein und fing an, ihn für die gehaltne Predigt ziemlich derbe zu belohnen. – Antons Mutter kam dazu und wollte ihn den Händen seines Vaters entreißen; da sie das nicht konnte, so nahm ihr Zorn eine ganz entgegengesetzte Richtung, und sie fing nun auch aus allen Kräften an, auf Anton zuzuschlagen, dem alle sein Flehen und Bitten nichts half. – Nie ist wohl eine Predigt unglücklicher abgelaufen als diese erste Predigt, welche Anton in seinem Leben hielt. – Das Andenken an diesen Vorfall hat ihn oft noch im Traume erschreckt.

Indes wurde er dadurch nicht abgeschreckt, noch öfter wieder seine Kanzel zu besteigen und ganze geschriebne Predigten mit Evangelium, Thema und Einteilung abzulesen. – Denn seitdem er angefangen hatte, zum erstenmal die Predigt des Pastors Paulmann nachzuschreiben, war es ihm auch leichter, seine Gedanken zu ordnen und sie in eine Art von Verbindung miteinander zu bringen.

Kein Sonntag ging hin, wo er itzt nicht eine Predigt nachschrieb, und er bekam dadurch bald eine solche Fertigkeit, daß er das Fehlende dazwischen durch sein Gedächtnis ergänzen und eine Predigt, die er gehört und die Hauptsachen nachgeschrieben hatte, zu Hause beinahe vollständig wieder zu Papier bringen konnte.

Anton war nun über vierzehn Jahre alt, und es war nötig, daß er, um konfirmiert oder in den Schoß der christlichen Kirche aufgenommen zu werden, einige Zeit vorher in irgendeine Schule gehen mußte, wo Religionsunterricht erteilt wurde.

Nun war in Hannover ein Institut, in welchem junge Leute zu künftigen Dorfschulmeistern gebildet wurden, und womit zugleich eine Freischule verknüpft war, welche den angehenden Lehrern zur Übung im Unterricht diente. Diese Schule war also eigentlich mehr der Lehrer wegen, als daß die Lehrer gerade dieser Schule wegen dagewesen wären, – weil aber die Schüler nichts bezahlen durften, so war diese Anstalt eine Zuflucht für die Armen, welche dort ihre Kinder ganz unentgeltlich konnten unterrichten lassen; und weil Antons Vater eben nicht gesonnen war, viel an seinen so ganz aus der Art geschlagenen und aus der göttlichen Gnade gefallenen Sohn zu wenden, so brachte er ihn denn endlich in diese Schule, wo derselbe nun auf einmal wieder eine ganz neue Laufbahn vor sich eröffnet sahe.

Es war für Anton ein feierlicher Anblick, da er gleich in der ersten Stunde des Morgens alle die künftigen Lehrer mit den Schülern und Schülerinnen in einer Klasse versammlet sahe. – Der Inspektor dieser Anstalt, der ein Geistlicher war, hielt alle Morgen mit den Schülern eine Katechisation, welche den Lehrern zum Muster dienen sollte. – Diese saßen alle an Tischen, um die Fragen und Antworten nachzuschreiben, während daß der Inspektor auf und nieder ging und fragte. In einer Nachmittagsstunde mußte denn irgendeiner von den Lehrern in Gegenwart des Inspektors die Katechisation mit den Schülern wiederholen, welche derselbe am Morgen gehalten hatte.

Nun war das Nachschreiben für Anton schon eine sehr leichte Sache geworden, und als der Lehrer den Nachmittag die Vormittagslektion wiederholte, so hatte sie Anton weit besser als der Lehrer stehend in seiner Schreibtafel nachgeschrieben und konnte also freilich mehr antworten, als jener fragte, welches bei dem Inspektor einige Aufmerksamkeit zu erregen schien, die äußerst schmeichelhaft für ihn war.

Allein damit er sich nun nicht seines Glücks überheben sollte, stand ihm am andern Tage eine Demütigung bevor, die beinahe jene in Braunschweig noch übertraf, da er zum ersten Mal mit dem Tragkorbe auf dem Rücken gehen mußte.

Es wurde nämlich in der zweiten Stunde den folgenden Morgen eine Buchstabierübung angestellt, wo einer der Knaben immer eine Silbe erst allein buchstabieren und vorschreien und dann die andern alle, wie aus einem Munde, nachschreien mußten. – Dies Geschrei, wovon einem die Ohren gellten, und diese ganze Übung kam Anton wie toll und rasend vor, und er schämte sich nicht wenig, da er sich schmeichelte, schon mit Ausdruck lesen zu können, daß er hier erst wieder anfangen sollte, buchstabieren zu lernen, – aber die Reihe, vorzuschreien, kam bald an ihn, denn dies ging wie ein Lauffeuer herum; und nun saß er und stockte, und die ganze schöne Musik geriet auf einmal aus dem Takt. – »Nun fort!« sagte der Inspektor, und als es nicht ging, sah er ihn mit einem Blick der äußersten Verachtung an und sagte: »Dummer Knabe!« und ließ den folgenden weiter buchstabieren. – Anton glaubte in dem Augenblick vernichtet zu sein, da er sich plötzlich in der Meinung eines Menschen, auf dessen Beifall er schon so viel gerechnet hatte, so tief herabgesunken sahe, daß dieser ihm nicht einmal mehr zutrauete, daß er buchstabieren könne.

War ehemals in Braunschweig sein Körper durch die Bürde, die er trug, unterjocht worden, so wurde es itzt noch weit mehr sein Geist, der unter der Last erlag, mit welcher die Worte ›dummer Knabe!‹ von dem Inspektor auf ihn fielen.

Allein, diesmal galt bei ihm, was vom Themistokles erzählt wird, da dieser auch einmal in seiner Jugend einen öffentlichen Schimpf erlitt: non fregit eum, sed erexit. – Er strengte sich seit dem Tage, an welchem er diese Demütigung erlitt, noch zehnmal mehr als vorher an, sich bei seinen Lehrern in Achtung zu setzen, um den Inspektor, der ihn so verkannt hatte, gleichsam einst zu beschämen und ihm über das Unrecht, das er von ihm erlitten hatte, Reue zu erwecken.

Der Inspektor trug alle Morgen in den Frühstunden den Lehrbegriff der lutherischen Kirche ganz dogmatisch mit allen Widerlegungen der Papisten sowohl als der Reformierten vor und legte Gesenii Auslegung von Luthers kleinem Katechismus dabei zum Grunde. – Antons Kopf wurde dadurch freilich mit vielem unnützem Zeuge angefüllt, aber er lernte doch Hauptabteilungen und Unterabteilungen machen, er lernte systematisch zu Werke gehen.

Seine nachgeschriebenen Hefte wuchsen immer stärker an, und in weniger als einem Jahre besaß er eine vollständige Dogmatik mit allen Beweisstellen aus der Bibel und einer vollständigen Polemik gegen Heiden, Türken, Juden, Griechen, Papisten und Reformierten verknüpft – er wußte von der Transsubstantiation im Abendmahl, von den fünf Stufen der Erhöhung und Erniedrigung Christi, von den Hauptlehren des Alkorans und den vorzüglichsten Beweisen der Existenz Gottes gegen die Freigeister wie ein Buch zu reden.

Und er redete nun auch wirklich wie ein Buch von allen diesen Sachen. Er hatte nun reichen Stoff zu predigen, und seine Brüder bekamen alle die nachgeschriebenen Hefte von der halsbrechenden Kanzel in der Stube wieder von ihm zu hören.

Zuweilen wurde er des Sonntags zu einem Vetter eingeladen, bei welchem eine Versammlung von Handwerksburschen war, hier mußte er sich vor den Tisch stellen und in dieser Versammlung eine förmliche Predigt mit Text, Thema und Einteilung halten, wo er denn gemeiniglich die Lehre der Papisten von der Transsubstantiation oder die Gottesleugner widerlegte, mit vielem Pathos die Beweise für das Dasein Gottes nacheinander aufzählte und die Lehre vom Ohngefähr in ihrer ganzen Blöße darstellte.

Nun war die Einrichtung in dem Institut, wo Anton unterrichtet wurde, daß die erwachsenen Leute, welche zu Schulmeistern gebildet wurden, sich des Sonntags in alle Kirchen verteilen und die Predigten nachschreiben mußten, die sie dann dem Inspektor zur Durchsicht brachten. – Anton fand also jetzt noch einmal so viel Vergnügen am Predigtnachschreiben, da er sahe, daß er auf die Art mit seinen Lehrern einerlei Beschäftigung trieb, und diese, denen er nun die Predigten zeigte, bewiesen ihm immer mehr Achtung und begegneten ihm beinahe wie ihresgleichen.

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