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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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In Ermangelung besserer Nahrung mußte sich nun Antons Seele mit dieser losen Speise begnügen, und wenigstens wurde doch seine Einbildungskraft dadurch beschäftigt, – sein Verstand blieb gleichsam neutral dabei – er glaubte es weder, noch zweifelte er daran; er stellte sich das alles bloß lebhaft vor.

Indes ging jetzt Lobensteins Unwillen und Haß gegen ihn häufig bis zu Scheltworten und Schlägen; er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste Weise; er ließ ihn die niedrigensten und demütigendsten Arbeiten tun. – Nichts aber war für Anton kränkender, als wie er zum ersten Male in seinem Leben eine Last auf dem Rücken, und zwar einen Tragkorb mit Hüten bepackt, über die öffentliche Straße tragen mußte, indem Lobenstein vor ihm herging – es war ihm, als ob alle Menschen auf der Straße ihn ansähen.

Jede Last, die er vor sich oder unter dem Arme oder an den Händen tragen konnte, schien ihm vielmehr ehrenvoll zu sein, als daß er glaubte, sie mache ihm Schande. – Nur daß er itzt gebückt gehen, seinen Nacken unter das Joch beugen mußte wie ein Lasttier, indes sein stolzer Gebieter vor ihm herging, das beugte zugleich seinen ganzen Mut darnieder und erschwerte ihm die Last tausendmal. Er glaubte sowohl vor Müdigkeit als vor Scham in die Erde sinken zu müssen, ehe er mit seiner Bürde an den bestimmten Ort kam.

Dieser bestimmte Ort war das Zeughaus, wo die Hüte, welche Kommißarbeit waren, abgeliefert wurden. – Nicht sehnlicher hatte sich Anton gewünscht, die Glocken und das Zifferblatt auf dem neustädtischen Turm in Hannover als dies Zeughaus inwendig zu sehen, vor welchem er so oft, ohne seinen Wunsch befriedigen zu können, vorbeigegangen war. Aber wie sehr wurde ihm itzt dies Vergnügen versalzen, da er es in solchem Zustande zu sehen bekam.

Dies Tragen auf dem Rücken schwächte seinen Mut mehr als irgendeine Demütigung, die er noch erlitten hatte, und mehr als Lobensteins Scheltworte und Schläge. Es war ihm, als ob er nun nicht tiefer sinken könne; er betrachtete sich beinahe selbst als ein verächtliches, weggeworfenes Geschöpf. Es war dies eine der grausamsten Situationen in seinem ganzen Leben, an die er sich nachher, so oft er ein Zeughaus sahe, lebhaft wieder erinnerte, und deren Bild wieder in ihm aufstieg, sooft er das Wort Unterjochung hörte.

Wenn ihm so etwas begegnet war, so suchte er sich vor allen Menschen zu verbergen; jeder Laut der Freude war ihm zuwider; er eilte auf das Plätzchen hinter dem Hause an die Oker hin und blickte oft stundenlang sehnsuchtsvoll in die Flut hinab. – Verfolgte ihn dann selbst da irgendeine menschliche Stimme aus einem der benachbarten Häuser, oder hörte er singen, lachen oder sprechen, so deuchte es ihm, als treibe die Welt ihr Hohngelächter über ihn, so verachtet, so vernichtet glaubte er sich, seitdem er seinen Nacken unter das Joch eines Tragkorbes gebeugt hatte.

Es war ihm denn eine Art von Wonne, selbst in das Hohngelächter mit einzustimmen, das er seiner schwarzen Phantasie nach über sich erschallen hörte – in einer dieser fürchterlichen Stunden, wo er über sich selbst in ein verzweiflungsvolles Hohngelächter ausbrach, war der Lebensüberdruß bei ihm zu mächtig, er fing auf dem schwachen Brette, worauf er stand, an zu zittern und zu wanken. – Seine Knie hielten ihn nicht mehr empor; er stürzte in die Flut – August war sein Schutzengel; er hatte schon eine Weile unbemerkt hinter ihm gestanden und zog ihn beim Arm wieder heraus – es waren demohngeachtet mehr Leute dazu gekommen – das ganze Haus lief zusammen, und Anton wurde von dem Augenblick an als ein gefährlicher Mensch betrachtet, den man so bald wie möglich aus dem Hause fortschaffen müsse. – Lobenstein schrieb den Vorfall sogleich an Antons Vater, und dieser kam vierzehn Tage darauf mit unmutsvoller Seele nach Braunschweig, um seinen mißratenen Sohn, in dessen Herzen sich nach dem Urteil des Herrn von Fleischbein der Satan einen unzerstörbaren Tempel aufgebauet hatte, nach Hannover wieder abzuholen.

Er hielt sich noch ein paar Tage bei dem Hutmacher Lobenstein auf, während welcher Zeit Anton noch mit verdoppeltem Eifer in Gegenwart seines Vaters alle seine Geschäfte verrichtete und eine Beruhigung darin suchte, noch zuletzt alles zu tun, was in seinen Kräften stand. Von der Werkstatt, von der Trockenstube, vom Holzboden und von der Brüdernkirche nahm er nun in Gedanken Abschied – und seine allerangenehmste Vorstellung, wenn er wieder nach Hannover kommen würde, war, daß er dann seiner Mutter von dem Pastor Paulmann würde erzählen können.

Je näher die Abschiedsstunde herannahte, desto leichter wurde ihm ums Herz. – Er sollte nun bald aus seiner engen drückenden Lage herauskommen. – – Die weite Welt eröffnete sich wieder vor ihm.

Von August war der Abschied zärtlich, von Lobenstein kalt wie Eis – es war an einem Sonntagnachmittage bei trübem Himmel, da Anton mit seinem Vater wieder aus dem Lobensteinschen Hause ging – er blickte die schwarze Türe mit den großen eingeschlagenen Nägeln noch einmal an und wandte ihr getrost den Rücken, um wieder aus dem Tore zu wandern, vor welchem er vor kurzem noch einen so interessanten Spaziergang gemacht hatte. – Die hohen Wälle der Stadt und der Andreasturm waren bald aus seinem Gesicht verschwunden, und er sahe nur noch den Brocken in der Ferne mit Schnee bedeckt in trüber Dämmerung sich in den dicht aufliegenden Wolken verlieren.

Das Herz seines Vaters war gegen ihn kalt und verschlossen; denn dieser betrachtete ihn völlig mit den Augen des Hutmacher Lobenstein und des Herrn von Fleischbein, als einen, in dessen Herzen der Satan einmal seinen Tempel errichtet habe – es wurde unterwegs wenig gesprochen, sondern sie wanderten immer stillschweigend fort, und Anton bemerkte kaum die Länge des Weges, auf eine so angenehme Art unterhielt er sich mit seinen Gedanken, – wenn er nun seine Mutter und seine Brüder wiedersehen und ihnen seine Schicksale würde erzählen können.

Die vier schönen Türme von Hannover ragten endlich wieder hervor – und wie einen Freund, den man nach langer Trennung wieder sieht, betrachtete Anton den neustädtischen Turm, und seine Glockenliebe erwachte auf einmal wieder. –

Er sahe sich nun wieder in den Mauern von Hannover, und alles war ihm neu – seine Eltern hatten eine andre kleinere und dunklere Wohnung auf einer abgelegenen Straße bezogen – das war ihm alles so fremd, indem er die Treppen hinaufstieg, als ob er da unmöglich zu Hause gehören könne. – Allein so kalt und abschreckend das Betragen seines Vaters gegen ihn gewesen war, so laut und ausbrechend war itzt die Freude, womit ihm seine Mutter und Brüder entgegen eilten, die seine von Frost aufgesprungenen Hände besahen, und von denen er nun zum erstenmal wieder bedauert wurde.

Als er am andern Tage ausging, besuchte er alle die bekannten Plätze, wo er sonst gespielt hatte – es war ihm, als sei er während der Zeit alt geworden, und als wollte er sich nun an die Jahre seiner Jugend zurück erinnern – ihm begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mitschüler und Spielkameraden, die ihm alle die Hände drückten und sich über seine Wiederkunft freueten.

Und sobald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders tun, als ihr von dem Pastor Paulmann erzählen? – Sie hatte ohnedem eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche und konnte mit Anton recht gut in seinen Gefühlen für den Pastor Paulmann sympathisieren. – O welche selige Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschütten und stundenlang von dem Manne sprechen konnte, gegen den er unter allen Menschen auf Erden die meiste Liebe und Achtung hatte.

Er hörte nun die hannoverschen Prediger, aber welch ein Abstand! Unter allen fand er keinen Paulmann, einen ausgenommen namens N..., der, wenn er im heftigen Affekt sprach, einige Ähnlichkeit mit ihm hatte. –

Kein Prediger konnte bei Anton Beifall finden, wenn er nicht wenigstens so geschwind wie der Pastor Paulmann sprach, – und ich weiß nicht, wenn der Prediger als Redner betrachtet wird, ob er denn so ganz unrecht hatte? – Der Lehrer muß langsam, der Redner muß geschwind sprechen. – Der Lehrer soll allmählich den Verstand erleuchten, der Redner unwiderstehlich in das Herz eindringen – mit dem Verstande muß man langsam, mit dem Herzen schnell zu Werke gehen, wenn man seines Zweckes nicht verfehlen will – freilich wird der immer ein schlechter Lehrer sein, der nicht zuweilen Redner wird, und der ein schlechter Redner, der nicht zuweilen Lehrer wird – aber wenn Fox im englischen Parlamente spricht, so geschieht es mit einer Geschwindigkeit, die ihresgleichen nicht hat, und in diesem brausenden Strome reißt er alles mit sich fort und erschüttert die Seelen seiner Zuhörer, wie es der Pastor Paulmann durch seine Meineidspredigt tat.

Einen Prediger namens Marquard an der Garnisonkirche in Hannover hörte Anton eines Sonntags mit dem größten Widerwillen predigen, weil derselbe auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit dem Pastor Paulmann hatte, sondern in Ansehung seiner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegenteil von ihm war. Anton konnte sich nicht enthalten, da er zu Hause kam, gegen seine Mutter eine Art von Haß zu äußern, den er auf diesen Prediger geworfen hatte – aber wie erstaunte er, als diese ihm sagte, daß er bei eben diesen Prediger würde zum Religionsunterricht und Beichte und Abendmahl gehen müssen, weil er ihr Beichtvater wäre, und sie zu seiner Gemeine gehörte.

Wem hätte es Anton geglaubt, daß er diesen Mann, gegen den er damals eine unwiderstehliche Abneigung empfand, einmal würde lieben können, daß dieser einmal sein Freund, sein Wohltäter werden würde?

Indes ereignete sich ein Vorfall, der Antons Seele, die schon zur Schwermut geneigt war, in eine noch traurigere Stimmung versetzte: seine Mutter wurde tödlich krank und schwebte vierzehn Tage lang in Lebensgefahr. – Was Anton dabei empfand, läßt sich nicht beschreiben. – Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben würde, so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt. – Ganze Nächte durch weinte er oft, wenn er gehört hatte, daß der Arzt die Hoffnung zur Genesung aufgab. – Es war ihm, als sei es schlechterdings nicht möglich, daß er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können. – Was war natürlicher, da er von aller Welt verlassen war und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wieder fand.

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