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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Nun standen sie vor dem Hause. Es hatte eine schwärzliche Außenseite und eine große schwarze Tür, die mit vielen eingeschlagenen Nägeln versehen war.

Oben hing ein Schild mit einem Hute heraus, woran der Name Lobenstein zu lesen war.

Ein altes Mütterchen, die Ausgeberin vom Hause, eröffnete ihnen die Tür und führte sie zur rechten Hand in eine große Stube, die mit dunkelbraun angestrichnen Brettern getäfelt war, worauf man noch mit genauer Not eine halb verwischte Schilderung von den fünf Sinnen entdecken konnte.

Hier empfing sie denn der Herr des Hauses. Ein Mann von mittlern Jahren, mehr klein als groß, mit einem noch ziemlich jugendlichen, aber dabei blassen und melancholischen Gesichte, das sich selten in ein andres als eine Art von bittersüßen Lächeln verzog, dabei schwarzes Haar, ein ziemlich schwärmerisches Auge, etwas Feines und Delikates in seinen Reden, Bewegungen und Manieren, das man sonst bei Handwerksleuten nicht findet, und eine reine, aber äußerst langsame, träge und schleppende Sprache, die die Worte wer weiß wie lang zog, besonders wenn das Gespräch auf andächtige Materien fiel: auch hatte er einen unerträglich intoleranten Blick, wenn sich seine schwarzen Augenbrauen über die Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkinder und insbesondere seiner Nachbarn oder seiner eignen Leute zusammenzogen.

Anton erblickte ihn zuerst in einer grünen Pelzmütze, blauem Brusttuch und braunen Kamisol drüber nebst einer schwarzen Schürze, seiner gewöhnlichen Hauskleidung, und es war ihm beim ersten Blick, als ob er in ihm einen strengen Herrn und Meister statt eines künftigen Freundes und Wohltäters gefunden hätte.

Seine vorgefaßte innige Liebe erlosch, als wenn Wasser auf einen Funken geschüttet wäre, da ihn die erste kalte, trockne, gebieterische Miene seines vermeinten Wohltäters ahnden ließ, daß er nichts weiter wie sein Lehrjunge sein werde.

Die wenigen Tage über, daß sein Vater da blieb, wurde noch einige Schonung gegen ihn beobachtet; allein sobald dieser abgereist war, mußte er ebenso wie der andre Lehrbursch in der Werkstatt arbeiten.

Er wurde zu den niedrigsten Beschäftigungen gebraucht; er mußte Holz spalten, Wasser tragen und die Werkstatt auskehren.

So sehr dies gegen seine Erwartungen abstach, wurde ihm doch das Unangenehme einigermaßen durch den Reiz der Neuheit ersetzt. Und er fand wirklich eine Art von Vergnügen, selbst beim Auskehren, Holzspalten und Wassertragen.

Seine Phantasie aber, womit er sich alles dies ausmalte, kam ihm auch sehr dabei zustatten. – Oft war ihm die geräumige Werkstatt mit ihren schwarzen Wänden und dem schauerlichen Dunkel, das des Abends und Morgens nur durch den Schimmer einiger Lampen erhellt wurde, ein Tempel, worin er diente.

Des Morgens zündete er unter den großen Kesseln das heilige belebende Feuer an, wodurch nun den Tag über alles in Arbeit und Tätigkeit erhalten und so vieler Hände beschäftiget wurden.

Er betrachtete dann dies Geschäft wie eine Art von Amt, dem er in seinen Augen eine gewisse Würde erteilte.

Gleich hinter der Werkstatt floß die Oker, auf welcher eine Fülle oder Vorsprung von Brettern zum Wasserschöpfen hinausgebaut war.

Er betrachtete dies alles gewissermaßen als sein Gebiet – und zuweilen, wenn er die Werkstatt gereinigt, die großen eingemauerten Kessel gefüllt und das Feuer unter denselben angezündet hatte, konnte er sich ordentlich über sein Werk freuen – als ob er nun einem jeden sein Recht getan hätte – seine immer geschäftige Einbildungskraft belebte das Leblose um ihn her und machte es zu wirklichen Wesen, mit denen er umging und sprach.

Überdem machte ihm der ordentliche Gang der Geschäfte, den er hier bemerkte, eine Art von angenehmer Empfindung, daß er gern ein Rad in dieser Maschine mit war, die sich so ordentlich bewegte: denn zu Hause hatte er nichts dergleichen gekannt.

Der Hutmacher Lobenstein hielt wirklich sehr auf Ordnung in seinem Hause, und alles ging hier auf den Glockenschlag: Arbeiten, Essen und Schlafen.

Wenn ja eine Ausnahme gemacht wurde, so war es in Ansehung des Schlafs, der freilich ausfallen mußte, wenn des Nachts gearbeitet wurde, welches denn wöchentlich wenigstens einmal geschahe.

Sonst war das Mittagessen immer auf den Schlag zwölf, das Frühstück morgens und das Abendbrot abends um acht Uhr pünktlich da.

Dies war es denn auch, worauf bei der Arbeit immer gerechnet wurde – so verfloß damals Antons Leben: des Morgens von sechs Uhr an rechnete er bei seiner Arbeit aufs Frühstück, das er immer schon in der Vorstellung schmeckte, und wenn er es erhielt, mit dem gesundesten Appetit verzehrte, den ein Mensch nur haben kann, ob es gleich in weiter nichts als dem Bodensatz vom Kaffee mit etwas Milch und einem Zweipfennigbrote bestand.

Dann ging es wieder frisch an die Arbeit, und die Hoffnung aufs Mittagessen brachte wiederum neues Interesse in die Morgenstunden, wenn die Einförmigkeit der Arbeit zu ermüdend wurde.

Des Abends wurde Jahr aus, Jahr ein eine Kalteschale von starkem Biere gegeben. Reiz genug, um die Nachmittagsarbeiten zu versüßen.

Und dann vom Abendessen an bis zum Schlafengehen war es der Gedanke an die bald bevorstehende sehnlichgewünschte Ruhe, der nun über das Unangenehme und Mühsame der Arbeit wieder seinen tröstlichen Schimmer verbreitete.

Freilich wußte man, daß den folgenden Tag der Kreislauf des Lebens so von vorn wieder anfing. Aber auch diese zuletzt ermüdende Einförmigkeit im Leben wurde durch die Hoffnung auf den Sonntag wieder auf eine angenehme Art unterbrochen.

Wenn der Reiz des Frühstücks und des Mittags- und Abendessens nicht mehr hinlänglich war, die Lebens- und Arbeitslust zu erhalten, dann zählte man, wie lange es noch bis auf den Sonntag war, wo man einen ganzen Tag von der Arbeit feiern und einmal aus der dunklen Werkstatt vors Tor hinaus in das freie Feld gehen und des Anblicks der freien offnen Natur genießen konnte.

O, welche Reize hat der Sonntag für den Handwerksmann, die den höheren Klassen von Menschen unbekannt ist, welche von ihren Geschäften ausruhen können, wenn sie wollen. – ›Daß deiner Magd Sohn sich erfreue!‹ – Nur der Handwerksmann kann es ganz fühlen, was für ein großer, herrlicher, menschenfreundlicher Sinn in diesem Gesetze liegt! –

Wenn man nun auf einem Tag Ruhe von der Arbeit schon sechs Tage lang rechnete, so fand man es wohl der Mühe wert, auf drei oder gar vier Feiertage nacheinander ein Dritteil des Jahres zu rechnen.

Wenn selbst der Gedanke an den Sonntag oft nicht mehr fähig war, den Überdruß an dem Einförmigen zu verhindern, so wurde durch die Nähe von Ostern, Pfingsten oder Weihnachten der Lebensreiz wieder aufgefrischt.

Und wenn dies alles zu schwach war, so kam die süße Hoffnung an die Vollendung der Lehrjahre, an das Gesellenwerden hinzu, welches alles andre überstieg und eine neue große Epoche ins Leben brachte.

Weiter ging nun aber auch der Gesichtskreis bei Antons Mitlehrburschen nicht – und sein Zustand war dadurch gewiß um nichts verschlimmert.

Nach einer allgütigen und weisen Einrichtung der Dinge hat auch das mühevolle, einförmige Leben des Handwerksmannes seine Einschnitte und Perioden, wodurch ein gewisser Takt und Harmonie hereingebracht wird, welcher macht, daß es unbemerkt abläuft, ohne seinem Besitzer eben Langeweile gemacht zu haben.

Aber Antons Seele war durch seine romanhaften Ideen einmal zu diesem Takt verstimmt.

Dem Hause des Hutmachers grade gegenüber war eine lateinische Schule, die Anton zu besuchen vergeblich gehofft hatte – so oft er die Schüler heraus- und hineingehen sahe, dachte er mit Wehmut an die lateinische Schule und an den Konrektor in Hannover zurück – und wenn er gar etwa vor der großen Martinsschule vorbeiging und die erwachsenen Schüler herauskommen sahe, so hätte er alles darum gegeben, dies Heiligtum nur einmal inwendig betrachten zu können.

Einmal eine solche Schule besuchen zu dürfen, hielt er zwar bei seinem jetzigen Zustande beinahe für unmöglich; demohngeachtet aber konnte er sich einen schwachen Schimmer von Hoffnung dazu nicht ganz versagen.

Selbst die Chorschüler schienen ihm Wesen aus einer höhern Sphäre zu sein; und wenn er sie auf der Straße singen hörte, konnte er sich nicht enthalten, ihnen nachzugehen, sich an ihrem Anblick zu ergötzen und ihr glänzendes Schicksal zu beneiden.

Wenn er mit seinem Mitlehrburschen in der Werkstatt alleine war, suchte er ihm alle die kleinen Kenntnisse mitzuteilen, welche er sich teils durch eignes Lesen und teils durch den Unterricht, den er genossen, erworben hatte.

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