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Walter Hasenclever: Antigone - Kapitel 7
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authorWalter Hasenclever
titleAntigone
publisherPaul Cassirer/Berlin
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Fünfter Akt

Der Palast ist hell. Die Arena ist dunkel. Die Stufen sind beleuchtet. Aus dem Tore tritt Eurydike mit Gefolge.

 

Erste Szene

Eurydike. Kammerfrauen.

Erste Kammerfrau

Die Flammen des ungeheuren Brandes
Haben die Stadt in Schutt gelegt.

Eurydike

Wo ist Kreon?

Zweite Kammerfrau

Königin, dein Gemahl
Ging zum Grabgewölbe.

Eurydike

Ich lasse ihn zu mir bitten.
Ich will die Hallen der Burg öffnen
Zum Schutze der Obdachlosen.

(Eine Frau ab.)

Erste Kammerfrau

(sieht hinaus)

Die Wälder stehn in Flammen.
Westlich fliegen Funken Feuer auf.
Graue Dämpfe dunsten.
Die Türme schmelzen vor Glut.

(Dumpfer Fall. Schreie.)

Zweite Kammerfrau

Das Dach des Tempels stürzt ein!

Dritte Kammerfrau

Das Feuer kommt näher.

Eurydike

Wo ist mein Sohn?

(Pause.)

Zweite Kammerfrau

Sie heben Erstickte aus den Trümmern.

Dritte Kammerfrau

Viele sind in der Asche verkohlt.

Eurydike

Geht hinab, helft dem Elend.
Ich will hier warten auf Kreon,
Die Schätze der Burg an die Unglücklichen
Verteilen.

(Alle verlassen sie außer zwei Frauen.)

Erste Kammerfrau

Ein Schreckensruf gellt durch die Flammen –

Herold

(erscheint im Eingang.)

Eurydike

Was ist?

Herold

Antigone ist tot!!

(Eine uralte Frau, krumm, mumienhaft, kriecht auf Händen und Füßen die Stufen hinauf.)

Mumie

Königin! Königin!

Eurydike

Wer ruft?

Mumie

Meine Enkel braten am Feuer.

Eurydike

Wer bist du?

Mumie

Ich bin eine Mumie. Ich bin ganz gelb von der Hitze.

Eurydike

Ein Tier!

(Sie wendet sich voller Angst.)

Mumie

Königin! Hier sind Würmer. Ich speise die Gräber.

(Setzt sich auf die Stufen, nestelt an ihren Haaren.)

Ihr werft Steine, wenn ich bettle.

Eurydike

(nimmt ein Kissen, geht einen Schritt die Stufen hinab und reicht es ihr.)

Mumie

Dank, daß ich weich liege. Feuer ist schön. Feuer ist warm.

Erste Kammerfrau

Eine Rauchwolke!

(Geschrei.)

Zweite Kammerfrau

Die Flammen! Sie sind ganz nah –

Erste Kammerfrau

(klammert sich an sie.)

Hilf, Königin!

(Es raschelt auf den Stufen.)

Eurydike

Die Welt geht unter.

(Die Rampe füllt sich. Die Frauen kehren zurück.)

Die Kammerfrauen

Wir können nicht helfen.

Eurydike

Wo ist Kreon? Wo ist mein Sohn?

Eine Stimme

Niemand hat sie gesehn.

(Stille.)

Eurydike

Die armen Menschen!

(Windstoß und Feuerschein über der Burg.)

Herold

(hinter der Szene)

Teiresias ist verbrannt.

(Aufschrei.)

Erste Kammerfrau

Der Wind zerstreut die Flammen.

Zweite Kammerfrau

Das Feuer weicht in die Ebene.

(Der Schein erlischt.)

Herold

(hinter der Szene)

Die Burg ist gerettet.

(Volk steht an den Stufen.)

Ein Mädchen

(irrt umher)

Wo ist mein Vater!?

Ein alter Mann

Mein Haus ist Asche. Mein Brot ist verbrannt. Wo soll ich wohnen! Was soll ich essen? Ich bin siebzig Jahre alt.

Ein Halbbekleideter

Gebt mir ein Hemd! Ich bin nackt. Meine Blöße! Ich friere.

Ein Verbrannter

(wimmert)

Ah – ah –

Das Mädchen

Wer hat meinen Vater gesehn?

Dumpfe Stimme

(unten)

Wir sind verzehrt.

Eine alte Frau

(geht irr mit einem Topf umher)

Ich grabe – ich grabe – Töpfe und Perlen. Wer hat Geld? Wer kauft Perlen?

(Sie klappert mit dem Topfe.)

Eine Mutter

(hält ein verbranntes menschliches Bein empor)

Königin! Hier ist das Bein meines Kindes. Es lag in der Küche im Brand.

Stimmen

(murmelnd)

Wir sind ärmer als Ratten – ohne Fraß – ohne Loch.

Eine Stimme

(grell)

Hier wohnen die Reichen!

Eurydike

Ich bin nicht reich. Wehe der Königin,
Die in die Hütten der Armen geht,
Almosen schenkt, in Betstühlen kniet
Für das Glück ihres Volkes.
Kommt näher. Ich kann die Toten nicht wecken,
Die Häuser nicht aufbauen in der Stadt;
Ich kann in der Not nur
Mit euch fühlen, wie arm ich bin.

Ein Mann aus dem Volke

Wir sind schwach. Eine Herde Menschen
Brechen wir auf in die großen Wälder
Vor Gottes Antlitz und klagen an.
Sieh hier –

(Eine verhüllte Bahre wird hereingetragen. Er reißt die Hülle ab. Ein verkohlter Mensch liegt da.)

Sieh her!
Ihr habt uns bestohlen, ihr habt uns mißhandelt,
Uns geschändet –
Auch wir sind Menschen!

Ruf

Fluch dem Mörder!

Der Mann aus dem Volke

Wir haben nichts mehr auf dieser Scholle
Vor dem Thron der Gewaltigen.
In die Täler wollen wir kriechen,
Gras fressen wie das Vieh.
Dort aber, Königin,
Laßt eure Hand von unserm Leben.
Bleibt zurück,
Herrscht auf eurer Burg.

Eurydike

(legt das königliche Gewand ab und steht im einfachen, schwarzen Kleid.)

Der Mann aus dem Volke

Nehmt Abschied am Tore!
Verlorene Heimat; verbrannte Stadt.

 

Zweite Szene

Bewegung auf der Rampe. Die Frauen weichen zurück. Ismene kommt langsam durch das Tor.

Eurydike

Ismene! Wo ist Kreon?

Ismene

(schüttelt den Kopf zum Zeichen, daß sie es nicht weiß.)

Eurydike

Arme!

Ismene

(versucht zu sprechen, schüttelt wieder den Kopf. Weist stumm mit dem Finger hinaus.)

Eurydike

Was ist mit ihr?

Ismene

(zeigt mit dem Finger auf den Mund. Stößt einen unverständlichen Laut aus.)

Eurydike

Was sagt sie?

Eine Stimme

Sie ist stumm!

Ismene

(preßt beide Hände an die Schläfen.)

Eurydike

Antigone –?

Ismene

(gibt einen kleinen, wimmernden Ton von sich.)

Eurydike

Noch nicht genug! Noch immer –!

Ismene

(tritt zögernd zur Königin, nimmt aus ihrer Brust ein blutiges Messer, reicht es ihr hin.)

Eurydike

(aufschreiend)

Hämons Messer! Hämon!! Er lebt nicht mehr –

(Sie wankt. Frauen stützen sie. Alle wenden sich ab. Stille.)

Der Mann aus dem Volke

Gottes Gericht an den Königen!

Eurydike

(schluchzend)

Hämon, mein Sohn!

Eine Frau

Auch unsere Söhne sind tot.

Eurydike

Hämon!!

Eine alte Frau

Arme Königin!

Eurydike

Geht, rennt!
Die Stätte ist verdorrt.
Der Mord regiert.

Viele Frauen

Schwester!

Eurydike

(spricht zu den Kammerfrauen)

Das Irdische ist erloschen.
Zündet die Kerzen an!

(Sie geht; die Frauen folgen ihr. – Die Rampe ist leer; das Tor schließt sich. Die Arena wird hell. – Volk.)

Der Mann aus dem Volke

Paläste wanken. Die Macht ist zu Ende.
Wer groß war, stürzt in den Abgrund,
Die Tore donnern zu.
Wer alles besaß, hat alles verloren;
Der Knecht im Schweiß seiner Hände
Ist reicher als er.
Folgt mir! Ich will euch führen.
Der Wind steigt aus den Trümmern,
Die neue Welt bricht an.

Ein Einarmiger

Mein Arm ist zerschlagen im Krieg. Ich kann arbeiten mit dem andern.

Ein Blinder

Meine Augen sind blind. Ich will die Kinder lehren.

Ein Einbeiniger

Mein Bein ist zerschmettert. Ich will Teppiche nähen.

Der Mann aus dem Volke

Kommt alle!
Ihr werdet schaffen. Ihr werdet leben.
Brot und Früchte für jedermann.
Blut ist geflossen.
Der Krieg versinkt.
Völker reichen sich die Hände.

Chor

Was zögerst du?
Der Weg ist bereitet.
Füße, schreitet dem Aufgang zu!

Der Mann aus dem Volke

Folgt mir! Lebt wohl, ihr Toten!
Die Lebendigen grüßen euch –

(Ein Teil des Volkes hat sich um ihn geschart. Sie ziehen mit ihm durch die Mitte der Arena hinaus.)

 

Dritte Szene

Das Tor des Palastes geht auf. Kreon erscheint mit Gefolge. Krieger tragen die Leiche Hämons im schwarzen Tuch und legen sie auf der Rampe, dicht vor den Stufen, nieder. – Stille.

Kreon

Männer von Theben!
Ich komme, Gericht zu halten über die Schuldigen.
Gottes Hand liegt schwer auf uns.
Ein verruchter Brandstifter hat die Stadt angezündet.
Er ist unter uns. Er trete vor!

(Keiner rührt sich.)

Kreon

(wendet sich halb um)

Hervor! Wer hat das Zeichen gegeben?

Anführer

(tritt hervor)

Ich, Herr.

Kreon

(zum Volke)

Seht: dieser Mensch! –
Was soll mit ihm geschehn?

Stimme

Spießt ihn lebendig!

Kreon

Legt ihm die Fesseln an.

(Es geschieht.)

Anführer

(schreit)

Ich tat es auf Befehl des Königs!!

Kreon

Halt, Mordgeselle!

Anführer

An dieser Stelle
Befahl er, die Stadt in Brand zu stecken.

Kreon

Hab ich den Arm erhoben – so?

(Er tut es.)

Anführer

Dein Leben war in Gefahr!

Kreon

Gab ich das Zeichen?

Anführer

(fällt hin)

Gnade –

Kreon

Nehmt ihm die Fesseln ab. Der Mensch
Folgt seiner wilden Mordgier wie das Vieh.
Die Tat ist anders als der Geist sie schuf.
Klagt mich nicht an. Klagt Gott an!

(Der Anführer stürzt fort. Die Fesseln schleifen hinter ihm her.)

Kreon

In meinem Herzen
Stieg der Gedanke auf – so bin ich schuld.
Die Macht des Königs mußte ich erfüllen.
Freiheit ist stärker als Gesetz und Ruhm!
Wer über Menschen herrscht, soll Gut und Böse
Erkennen und das Bessere tun.
Ich hörte den verworrenen Schritt der Geister;
Es sprach ein andrer Geist zu mir.
Ja, ich bin schuld! Auch des Gebotes Größe,
Der Irrtum selbst greift in das Rad der Welt
Und dreht es vorwärts zwischen Licht und Schatten.
Versuchung, Schicksal, Pflicht und Untergang.

(Er hält inne. – Die Masse drängt vor, um zu lauschen.)

Weil ich der Höchste war in meinem Reiche,
Will ich bekennen, daß ich schuldig bin.

(Er tritt zu der Leiche des Sohnes.)

Zusammenstürzt, was Thron und Herrschaft baute,
Vor diesem schwarzen, unscheinbaren Tuch.
Hier ist das Grab der Menschen –
Die bittere Erfüllung: Tod.

Chor der Jungfrauen

(am Grab der Antigone)

Hab Dank!
Es wird Tag.
Steine blühn auf den Gräbern.

Kreon

Ihr Scharen in der Tiefe!
Der Tag ist gekommen, wo die Schranke fällt.
Wo der König eins ist mit dem Volke
Am Thron der Gerechtigkeit.
Ich breche auf, meine Taten zu sühnen,
In die Wüste, in den Urwald,
Fort von euch. Wir sehn uns nicht mehr.

(Trauermusik. – Die Tore des Palastes öffnen sich. Kerzen brennen. Im Hintergrunde der Katafalk, auf dem Eurydike aufgebahrt liegt. Um ihn knien die Frauen.)

Dumpfe Stimme

Die Königin ist tot!

Kreon

(starrt auf die Bahre)

Drei Tote frieren in mein Herz.
Drei Tote reißen mit Eisesfingern
Stück um Stück meines Fleisches von mir.
Nun liege ich selber auf dem Felde,
Hilflos, wie der tote Feind.

(Er gürtet das Schwert ab.)

Leg ab zu Füßen des armen Sohnes
Das Zeichen deiner Herrlichkeit.
Tote Gattin auf der Bahre –
Der Tag wird einsam um mich her.

(Er tritt bis dicht vor die Stufen.)

Der Weg hinab zu euch, meine Brüder,
Ist nicht mehr weit am Grab vorbei.
Noch trennen uns Stufen. Schon rückt der Zeiger
Näher der wesenlosen Uhr.
Einst aber, wenn die Toten erwachen,
Wenn die Unsterblichen
Wandeln in ihr Reich,
Kehre ich wieder zu meinen Sternen,
Ich –
Der Vieles wußte und viel getan hat,
Im Guten und Bösen: ein Mensch!

(Er schreitet langsam die Stufen hinab vom Palast in die Arena. Die Masse teilt sich. Er geht hindurch zum Grabe, nimmt den goldenen Reif von seinem Haupte und legt ihn aufs Gewölbe. Er geht durch die Mitte hinaus. Die Musik bricht ab. – Stille.)

 

Vierte Szene

Stimme

Der König ist fort!

Zweite Stimme

Wir haben keinen König mehr!

Dritte Stimme

Wir sind frei!!

Einer aus der Masse

Wir wollen die Burg stürmen!

Der Pöbel

Geld her! – Wein!

(Sie drängen vor. Die vorne Stehenden werden überrannt. Schreie. Einige kommen die Stufen hinauf mit erhobenen Fäusten. Sie sind auf der Rampe. Sie stocken vor dem Sarg.)

Ruf

(unten)

Vorwärts!

(Sie stehn vor den Toren.)

Ein Mann

(hebt die Leiche Hämons auf und schleudert sie hinab.)

Nieder die Fürsten!

(Blitz und Donnerschlag.)

Stimme aus dem Grabe

Volk,
Falle nieder –
Gott hat gerichtet.

(Sie wenden sich voller Entsetzen. Die geballten Fäuste sinken gelähmt. Sie fallen nieder, schlagen mit dem Kopf auf die Erde.)

Betet,
Schuldige Menschen
In der Vergänglichkeit!

(Sie heben flehend die Hände empor. – Dunkelheit.)

 

Ende

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