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Walter Hasenclever: Antigone - Kapitel 5
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authorWalter Hasenclever
titleAntigone
publisherPaul Cassirer/Berlin
printrunAchte Auflage
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Dritter Akt

Der Palast ist dunkel. Mondlicht. Das Grab in der Arena wird hell. Stufen führen hinab ins Gewölbe. Bewaffnete von links bringen Antigone in Ketten. Sie nehmen ihr die Fesseln ab und entfernen sich. Aus der Schar löst sich Hämon und bleibt zurück. Antigone steht, mit dem Rücken ihm zu, dicht vor dem Grabe.

 

Erste Szene

Hämon. Antigone.

Hämon

Antigone!!

Antigone

Du, Hämon?

Hämon

Ja, ich bins.

Antigone

Das Licht verrät dich den Spionen.
Folge mir nicht!

Hämon

Ich hasse dich.

Antigone

(wendet sich um)

Hämon

Du hängst dein Herz an einen Toten.

Antigone

Wir stehn an meinem Grabe.
Noch bin ich nicht geläutert,
Wenn ein Mensch mich hassen kann.

Hämon

Du lagst in meinen Armen.
Du bist nur eine Frau!
Frauen will ich peitschen lassen;
Sieger in Schlachten sein.
Könige sollen mich grüßen.
Auf meinem Schwert blitzt Männlichkeit.

Antigone

Was weißt du von mir!
Bist du es, Hämon,
Fremde Stimme, die mein Herz nicht hört?

Hämon

Liebe den Toten nur!
Ich will leben zu meiner Größe.
Weiber sind da, um zu lieben.

Antigone

Was ist Liebe!

Hämon

Liebe ist Ruhm.

Antigone

Hilfe den Schwachen, Kampf für die Welt –
Liebe ist Menschlichkeit.

Hämon

Die ärmsten Menschen knien vor dir.
Weshalb kann ich es nicht?

Antigone

Sohn des Königs: werde Mensch.
Denke, wenn deine Sterne aufgehn,
Daß du Sohn einer Mutter bist.

Hämon

Weshalb muß ich dich hassen?

Antigone

(geht schweigend einen Schritt näher)

Hämon

(zitternd)

Sage ein Wort!

Antigone

Dein Herz ist rein.

(Er sinkt hin.)

Du wirst mein Werk verstehen,
Du wirst meinen Namen bekennen
Du wirst weinen um dich und mich.
Deine Seele ist das Bild der Welt.

(sie legt die Hände auf ihn)

Noch eine Flamme Zeit
Möchte ich mit dir dauern,
Dich schützen, dir dienen,
Deiner Leiden Schwester sein.
Du hast mich geführt;
Du hast mir die Berge der Freiheit gezeigt.
Schon darf ich hoffen!
Ich liebe dich
Und verlasse dich, Freund.

Hämon

Ich rette dich!

(Ab nach links.)

 

Zweite Szene

Ismene

(von rechts)

Ich schlich durch die Männer.
Sie schlafen. Keiner wacht.
Komm!

Antigone

Wohin?
Kein Fluß wird die Flamme löschen
Der Rache über mir.

Ismene

Rette dich!

Antigone

Hier will ich bleiben.

Ismene

Du hast genug getan.

Antigone

Soll ich leben,
Bis Mörder mich erschlagen?

Ismene

Du wirst die Welt nicht ändern,
Unrecht nicht wandeln in Gerechtigkeit.

Antigone

Besser, gut sein als weise!

Ismene

Was willst du tun?

Antigone

Zu Ende gehn,
Damit das Licht entspringt.
Solang ich lebe, muß ich sterblich sein.

(Sie streckt die Hände aus.)

O fühle, daß wir Frauen sind!
Du bist mir nah.

(Sie halten sich umschlungen.)

Ismene

Gibt es nicht Männer?

Antigone

Auf der weiten Flur
Sind die Männer zur Schlachtbank geführt.

Ismene

Wer bleibt noch?

Antigone

Du und ich.

Ismene

Ach, Frauen nur.

Antigone

Ihr Frauen, unterjocht und untertan,
Brecht auf, ihr Frauen, aus dem engen Geschlecht!
Geht hin und opfert euch.

Ismene

Läßt Gott uns würdig sein?

Antigone

Ihr seid es schon durch meine Tat.

Ismene

Werden alle es sein?

Antigone

Ja, alle, alle –

Ismene

Wir kämpfen für dich!

(Ab nach rechts.)

 

Dritte Szene

Antigone

(allein)
Toter Mensch in deines Grabes Halle,
Ferne Seele, ungewisses Licht:
Was soll ich tun,
Bis ich frei von Lust, frei von Schmerz
Zu dir untergehen kann?
Was kann ich tun, daß alle mir glauben,
Welches Opfer ist groß genug?
Wenn Liebende zittern im Frühling am Schicksal,
Wer wird sagen: Antigone –
Du hast uns geholfen. Wir glauben dir!
Ich bin schwach, so schwach vor dem Tode.
Sprich aus dem Grabe! Antworte mir.

(Schweigen. – Das Grab wird dunkel.)

 

Vierte Szene

(Der Palast wird hell, die Arena ist dunkel.) Hämon. Kreon.

Hämon

Ich hörte, was geschah.

Kreon

Was willst du wissen?

Hämon

Was Recht und Unrecht ist.

Kreon

Du liebst sie noch?

Hämon

Antigone!

Kreon

Sie lebt nicht mehr.

Hämon

Was tat sie?

Kreon

Frag mein Volk.

Hämon

Sie sagen –

Kreon

Was sagen sie?

Hämon

Daß sie im Rechte sei.

Kreon

So wächst die Lüge noch aus ihrem Grab.
Zertreten hab ich sie, ein Tier,
Das falsch mich in den Rücken sticht.
Tue das gleiche.

Hämon

Doch ich liebe sie!

Kreon

Die Dirne!

Hämon

Sie ist eine Frau.
Man lehrte mich, die Frauen zu achten.

Kreon

Wir sind Männer und fürchten Weiber nicht.

Hämon

Gib mir Antigone!
Mag sie gesündigt haben, ich rette sie.
Ich führ sie als die Treueste dir zu.

Kreon

Bin ich eins mit der Verbrecherin?

Hämon

Du glaubst mir nicht?

Kreon

Sie büßt für ihre Schuld.

Hämon

Antigone wird meine Gattin werden.

Kreon

Mit ihrer Leiche wird es lustig sein.

Hämon

Sie ist unschuldig!!

Kreon

Schon einmal hört ich das.

Hämon

Hör es von allen!

Kreon

Wer ist der Herr??

Hämon

Ein großer König tötet eine Frau.

Kreon

Die Liebe macht dich irr.

Hämon

Bist du ein Mensch?

Kreon

Erst bin ich König.
Was drohst du mir?

Hämon

Ich warne dich.

(Ab durch den Palast.)

 

Fünfte Szene

(Geräusche steigen auf.)

Kreon

(tritt einen Schritt vor und starrt in das Dunkel)

Stirb, kleine Geburt,
Für des großen Zweckes eherne Tafel.
Ich herrsche. Ich bin im Recht.

(Die Geräusche wachsen. Sturm.)

Kreon

(fährt auf)

Anführer!

Anführer

(tritt aus dem Palaste)

Herr?

Kreon

Was ist das für ein Lärm?

Anführer

Das Volk ist aufgeregt vor dem Palaste.
Hämon ist unter ihnen.

Kreon

Wer?!

Anführer

Dein Sohn.

Kreon

(heftig)

Fangt ihn!

Anführer

Die Männer scharen sich um ihn.

Kreon

Sind alle Hunde gegen mich verschworen?

Anführer

Hämon –

Kreon

Was tut er?

Anführer

Er schürt den Tumult.
Er reizt die Menge auf.

Kreon

Was noch?

Anführer

Er sagt, du seist ein Mörder.
Sie folgen ihm.

Kreon

Wo sind die Reiter?

Anführer

Es ist zu fürchten, daß sie – meutern!

Kreon

Feigling!

Anführer

(zieht die Waffen)
Solang ich lebe, König –

Kreon

Hinaus, schlag dich!

Anführer

Soll ich den Kampf befehlen?

Kreon

Töten – nein!
Wenn sie uns beide finden?
Was dann?

Anführer

(erbleicht)

Kreon

Du könntest bluten!
Hör zu!
Wenn ich den Arm aufhebe – so wie jetzt:
Leg Feuer an!!

Anführer

Feuer...?

Kreon

Die ganze Stadt soll brennen.

Anführer

Sie laufen schon!

Kreon

Ich lehr euch den Aufruhr!
Alle gegen einen. Ich gegen euch!

(Höhe des Tumultes. Orkan.)

Kreon

(beugt sich vor ins Dunkel)

Heran, heran! Peitschen heraus!
Elefanten! Ich trete euch nieder.
Die Macht ist mein!

 

Sechste Szene

Teiresias

(hell beleuchtet im Publikum)

Kreon!

Anführer

(stürzt nieder)

Teiresias, der Seher.

Kreon

(ballt ihm die Faust entgegen)

Hinab, Gespenst!

Anführer

Des Ewigen Mund –

Kreon

(tritt den Anführer die Stufen ins Dunkel hinab)
Fahr in die Hölle!

Teiresias

Kreon, höre mich.
Hundert Jahre bin ich alt.
Ich sehe die Taten der Menschen.

Kreon

Was störst du meine Wege?

Teiresias

Beuge dich
Vor dem Allmächtigen.

Kreon

Ich König knien vor einem Greis?!
Ich laß dir die Haare scheren, jage dich
Kahlköpfig zu den Maulwürfen.

Teiresias

Sein ist die Rache.

Kreon

Ich erfülle sie.

Teiresias

König!
Wehe, wenn du Unrecht tust.
Nah ist die Stunde der Verdammten.
Schlag an dein Herz, eh es zu spät ist.
Bitte um Gnade!

Kreon

Schwarze Klaue, du drückst mir die Kehle nicht zu.
Noch bin ich nicht zerschmettert.
Hier stehe ich –
Und rufe in die Windrichtungen:
Was ich befehle, geschieht!

Teiresias

Der Berg des Todes ist höher als deine Burg.
Schon steigt Blut empor.
Spring auf den letzten Stein deiner Herrschaft:
Der Hochmut wankt unter dir.

Kreon

Lügner!
Die Dummheit des Volkes nährt dein glattes Hirn.
Verreck im Sande verdorrt –
Kein Engel wird dich zum Himmel tragen.

Teiresias

Kreon, erkenne mich doch!
Türme nicht Leichen auf Leichen.
Erbarme dich!

Kreon

(streckt die Faust empor)
So wahr mir Gott helfe!
Ich bin der Herr.
Wenn die Schreie der Zerfleischten gellen,
Wenn Städte in Rauch aufgehn,
Mütter winseln:
Ich schwinge die Geißel,
Bis der letzte Feind am Pfahl verkrampft ist,
Der letzte Dieb, der letzte Räuber,
Die Hure, der Verräter –
Solange, bis der eiserne Wagen
Des Rechtes fährt über meine Stadt.

Teiresias

So stürze, Unseliger –
Erscheint, ihr Gekreuzigten!
Erschlagene, armselige Tote,
Stoßt in sein Herz!

(Die Arena wird plötzlich hell. Haufen von Toten. Blutende mit offenen Wunden. Frauen, Männer mit Messern in der Brust. Wahnsinnige blöken. Zerfetzte Gliedmaßen. Kinder stolpern zwischen den Leichen.)

Ruf

Kreon!!

Kreon

(schreit)

Ah ...

(Tierisches Heulen; Bewegung nach ihm hin.)

Kreon

(lallt zwischen den Zähnen)

Ich kenne euch nicht –

Ein Wahnsinniger

Kennst uns nicht? Kennst uns nicht?
Feiner Herr! Rabenkönig! Hoho!

Kreon

(schlägt zuckend die Hände vors Gesicht)
Angst! – Fort!

Ein Krüppel

Mein Bein!

Ein Blutender

(wimmernd)
Oh –

Eine Dirne

Komm ins Bett!

Ein Sterbender

(stöhnend)
Trinken!

Kinder

(suchen zwischen den Toten)
Vater! Vater!

Alle

Mörder!

Kreon

(stürzt auf die Kniee, brüllt)
Ich bin schuldig.
Ich bereue!

(Die Arena wird dunkel.)

Stimme des Teiresias

König von Theben!
Sein ist die Macht!!

 

Siebente Szene

Kreon

(kommt zu sich)

Was war das? Zauberei??
Messer im Leib? Was schreien die Kinder
zwischen den Leichen –

(Er betrachtet seine Hände.)

Hände, blutbefleckt!
Reißt ab, Fetzen Fleisch.

(Er beißt hinein.)

Es soll dunkel werden!

(Verdunklung.)

Der König ist gefallen –
Wer stöhnt?

(Stille.)

Schlag weiter, Herz –
Die Kälte vom Schlachtfeld,
Das Grauen der Toten.
Menschen herbei, eiserne Brustwehr!
Kommt keiner? Soll ich ersticken?!

(Fast Dunkelheit. Er steht schattenhaft auf der Rampe.)

Ich will nicht sterben. Der Tod kriecht.
Finsternis. Ich will sühnen.
Ich rieche die Toten.
Rache fällt auf mich.

(Ferner Trommelwirbel. Ein einzelner Fanfarenstoß. Er wirft die Arme empor.)

Jüngstes Gericht! Die Posaune.
Noch ein Tag! Noch eine Stunde.
Ich werfe mich nieder. Ich bete.
Hilf mir Gott!!

Ruf

(hinter der Szene)

Antigone!

Kreon

Antigone soll leben!

(Die Stimmen und Instrumente wachsen an zum Klang. – Dunkelheit.)

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