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Anthologie aus den Werken

Leopold Schefer: Anthologie aus den Werken - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleAnthologie aus den Werken
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180920
projectid11ebf605
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Vermischtes.

Der Gast.

Der Herr Jesus von dem Himmelszelt
Einmal niederschauet auf die Welt,
Wie Alles mag so schön bestehen,
Und sieht herfür die Sternlein gehen,
Blickt auch herab zur geliebten Erden,
Wo's eben Nacht begunte zu werden;
Da sieht er die Leut' um die Tische treten,
Die Hände falten, sich neigen und beten:
»Komm, Herr Jesu, sey unser Gast,
Und segn' uns, und was du bescheeret hast!«
Da fühlt er gerührtes Neigen, einmal
Wieder unten zu seyn im Erdenthal,
Und selber an den Menschen zu spüren,
Ob sie 's auch redlich mit ihm führen.

Also aus einer Ecken am Wald
Tritt er herfür in Bettlergestalt,
Geht sacht an seinem Stabe fort
Nach dem fast nahgelegnen Ort,
Und kommt an eines Reichen Haus; –
War grad' ein Fest und großer Schmauß; –
Dort stellt er still sich vor den Saal. –
Nach ihm fragt Niemand allzumal.
Er hört drin lachen, klingen und schwatzen,
Als sey im Haus eine Heerde Spatzen,
Hört reden, was Keines Gemüthe bessert,
Noch eines Menschen Nutz vergrößert;
Und haben's geredt, es gemahnet ihm so,
Als drüschen die Drescher nur leeres Stroh.

Doch er verwundert lang gestanden,
Spricht er zu Einem, ihm beihanden:
»Ihr habt den Herrn Jesum zu Tisch gebeten,
Nun komm ich armer Bettler getreten,
Und führ' euch seine Worte an:
Was ihr mir thut, habt ihr ihm gethan!«
Da scheint's, sie werden ihn erst gewahr;
Es fährt auf ihn ein der Diener Schaar:
»›Hinaus mit dir, du schlimmer Geselle!‹«
Und trieben ihn aus von Flur und Schwelle.
Ja einer thät die Hund' auf ihn hetzen;
Doch die den Herren nicht verletzen.

Nun sinnt er nach, wie ihm geschehn,
Und sinnt bei sich im Fürbaßgehn:
Soll er das Haus mit Feuer strafen,
Soll er die Sünder lassen schlafen?
Man kann dem Bösen nichts Aergers thun,
Als ihn im Bösen lassen beruhn;
Doch setzt er ihnen noch Gnade aus.
Dann kommt er an eines Armen Haus,
Das sieht gar klein und freundlich aus;
Aeltern und Kinder um einen Tisch,
Die essen einen gesottnen Fisch,
Der heut dem Vater ins Netz gegangen,
Und habens so gut nicht gehabt seit langen;
Ein kleines Hündlein hebet ein Bein,
Das Hündlein will auch gespeiset seyn.

Wie da der Herr hinzugetreten
Und sanft um eine Gabe gebeten,
Das junge Weib aufsteht gewandt,
Und führt den Bettler an ihrer Hand,
Zu ihrem Tisch heißt sie ihn setzen,
Weil sie sich heut an was Seltnem letzen.
Und Aeltern und Kinder wurden satt,
Weil's ihnen der Herr gesegnet hatt';
Und sprachen: »Hab Dank, Herr Jesu Christ,
Daß du unser Gast gewesen bist!« –
Die Krumen streut sie hinaus zur Linde,
Damit auch das Vöglein Speise finde.

Drauf setzt sich der Vater an's Kamin;
Sein junges Weib kniet zu ihm hin,
Stellt ihm sein Kleinstes auf den Schooß,
Und läßt ihm zeigen »wie groß? – so groß!«
Und lehrt´s lieb haben den guten Mann,
Und hat gar herzliche Freude daran.
Der Herr sitzt still und sanft daneben,
Er fühlt das Herz sich heilig heben:
Der Menschen Leben und ihre Lust
Ueberwältigt mit Wonnen seine Brust.
Es wird ihm wohler, es wird ihm trüber.
Dem Göttlichen gehen die Augen über,
Er wendet ins Dunkle sein Angesicht
Und wehret den quellenden Thränen nicht.

Die Knaben bringen das Quem pastores
Und zeigen auf seinen Knien ihm vor es;
Die Hirten und Engel Nachts auf dem Feld;
Dann, wie ihm das Kind in der Krippe gefällt?
Die heiligen drei König' mit ihrem Stern,
Gold, Weihrauch und Myrrhen sie bringen dem Herrn;
Den jungen Tobias mit seinem Hündlein,
Zuletzt Knecht Ruprecht und Christkindlein.

Nun legt die Mutter ihr Kind zu Bett,
Das Vaterunser ihm lehren thät;
Da schläft es ein mit nachbetendem Mund,
Die Mutter spricht: »Mein Kind, schlaf' gesund!«
Dann schafft sie dem Bettler ein Lager herzu,
Die Leutchen wünschen ihm gute Ruh,
Und, vor der kalten Nacht geborgen,
In der Hütte zu schlafen bis zum Morgen.
Da ruht der Herr nun gern allein:
Es scheint der Mond ihm hell herein.

Und als der Morgen begunte zu tagen,
Steht er auf, sich hinweg zu tragen,
Dieweil verlöschen der Sterne Kerzen,
Und er scheidet, sie segnend in seinem Herzen:
»Bleibt immer arm, ihr guten Leut'!
Den Armen ist Gott nimmer weit.
Stets weich und menschlich fühlt ihr Gemüth,
Wie selten das Herz dem Reichen glüht;
Und dulden sie Manches auf Erden gleich:
Den Armen ist das Himmelreich.«


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