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Anthologie aus den Werken

Leopold Schefer: Anthologie aus den Werken - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleAnthologie aus den Werken
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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[Erzählungen]

Der Vaterschuß.

Wir reisten fort durch die Schweiz. Wie wir die göttliche Unordnung, die himmlischen Wagstücke der Natur, die Schweiz, erblickten, ward mein einsilbiger Freund beinahe stumm. Nur eines Abends sprach er: »Sehen Sie die bläulichen Krystallberge, die Pyramiden und Kegel und Spitzen, von Glase geblasen – ich weiß nur nicht wo? Ich möchte sie umblasen! Die geschliffenen Stahlwände – risse ich ein! Zusammengeknebelt müßte das Land seyn, dann gäbe es keine Abgründe, keine Klüfte. Ich gösse sie voll mit kaltem Eis, den blauen Duft bliese ich von den Gipfeln, wie den blauen Reif von Pflaumen; das Rosenroth machte ich aus schwarzen Rosen, und das Gold und den Schmelz machte ich mit – Ruß; und den Schnee machte ich nicht zu rothem, sondern zu blutigem Schnee. So kalt könnt' es bleiben!« –

»Dann reiste Niemand mehr in die Schweiz,« versetzte ich.

»Jetzt kann man reisen!« sagte er, »denn der ganze Wirrwarr ist doch nur eine ausgediente Theaterdekoration, etwa Tell's, Napoleon's, Hannibals?«

Als wir nun jenseits der höchsten Höhe nach Frankreich zu herniederstiegen, ließ mein Freund halten, und den Wagen immer hinunterfahren, dann nahm er mich allein und führte mich von der gebahnten Landstraße nach der Gegend links, wo sonst der alte Paß über den Berg geführt, bis an eine Felsenecke, darüber eine thurmhohe Wand, darunter ein schwindelnder, schroffer Absturz; im Grunde des engen, engen Thals, wie eines nur breiteren Felsenspaltes, ein schäumender Gießbach, dessen Geplätscher kaum herauf zu hören war.

»Hier ist mein Theater!« sprach er spottend. »Jeder Held der Tragödie, der jetzt sein breternes hat, hat einst sein natürliches gehabt. Aber betrügt Jemand den Menschen, so betrügt ihn die Natur durch sich, ihre Art und Weise, und wieder durch Menschen. Was heut' so nöthig scheint, unumgänglich ist und der höchste Verstand, das ist morgen schon Unsinn, Ueberfluß, lachenswerth! Heut' ersäuft Jemand auf der Furth durch den Strom – morgen ist eine Brücke gebaut und fertig. So geht es auch mit der Brücke über dem Strome der Zeit. Auch Napoleon ersoff darin und wird von seinen Feinden ausgelacht, daß er ersoffen. Die heutige Zeit ist kein Produkt, höchstens ein Edukt, der Wegwurf der Gegenwart. Jede Zeit wächst aus ihrer eigenen Kraft und nährt sich nur nothdürftig mit, von dem alten Auswurf und Moder. Nur etwas Altes geht in der neuen Zeit auf aus der alten: die in einer engen, unscheinbaren Samenkapsel verschlossene Erfahrung; die Erfahrung sieht aus wie Asche und wird von Verständigen still bei der Aussaat zu den zwei unsterblichen Samen der Menschheit gemischt, und diese zwei Samen sind: Freiheit und Glück! Einzelnes, ja Tausendfältiges und Hunderttausendfaches könnte verloren seyn, es dürfte nicht da, nicht dort geschehen seyn, und die Welt wäre ohne das eben so gut das große, alleinige Elendsthier aus der Urzeit, so elend wie jetzt. Napoleon könnte ein paar Schlachten weniger geschlagen haben, und er läg' eben so gut und eben so schlecht in seinem schwarzen Moordenkmal, wie jetzt. Aber als es galt, als ein Wort von ihm dem Strom der Zeit gebot und ihm Ufer brach; als es ein Soldatenevangelium war, bei Verlust von Ehre und Leben; als hunderttausend große Kinder das Spiel aufgriffen und spielten mit ihren eigenen Knochen, was das große Kind aufgebracht – da war es erlaubt, mit ein Narr zu seyn, und etwa zu glauben: wenn wir hier über die Alpen wären, dann wären wir über alle Berge!

Doch die Begeisterung ist vielleicht das einzige wahre Glück der Völker – ein heiliger Brautstand, und diese duftende Blüthe des Lebens ist seine schönste Frucht. O, wie waren wir begeistert, als wir hier über die Alpen zogen und im Geiste schon – wie in einem künftigen Kapitel der Weltgeschichte lebten! O! wie lachten wir in der hellen Gegenwart, wie in einer alten verschneiten Vergangenheit die Nachwelt aus! O Herr, lacht nicht! So können nicht Alle lachen! Dazu gehört Verstand, Einsicht in die immer offene Welt. Wer Unsterblichkeit thun will, muß wie ein Unsterblicher leben und sterben, denn der Tod gehört zum Leben, nicht wie sein zweiter Theil, sondern wie neunundneunzig Theile zu Einem, wie ein völlig ausgewachsener Baum zu seinem Samenkorn. Die Natur nun hatte uns eben betrogen, einen Streich ihrer Art gespielt – die Alpen waren zum Verzweifeln verschneit; aber Bonaparte nahm nicht die auf der Rutschbank der Jahre hinaufgerutschten, alten, wackligen, halbtodten Graubärte zu Generalen – so lange er noch klug war – sondern die hinaufstrebenden, feurigsten, kräftigsten, jungen Männer. Ich war damals nur erst Obrist; aber mir gab er zwei Regimenter hier über die Alpen zu führen, und zwar die ersten. Und die erste Kompagnie derselben gab ich wiederum meinem erstgebornen Sohne, meinem geliebten Achill, denn ich liebte ihn, weil ich ihn ehrte, denn in seiner blühenden Jugend war er schon Hauptmann.

Sehen Sie, dort drüben auf dem schwarzen Pfade unter der steilen Felswand, die hinaufragt bis über die Wolken, schaufelte die erste Kompagnie – Weg, Weg durch den Schnee, durch das Felsenlabyrinth; denn ein Soldat muß Alles thun, was im Kriege der Armee und ihm selber nöthig ist, Thüren und Fensterläden ausheben und die schlechte Straße damit im Dorfe verbessern – Dörfer anzünden auf dem Rückzuge vor dem Feinde; – kurz, bekannte Sachen. Hier hieß es nun tapferer Soldat seyn: tapfer schaufeln! Ich trieb von unten die Heerde hinauf in die Berge, Schaf den Schafen nach. Vor Schneegestöber sah man die Sonne nicht, und kaum zehn Schritte um sich her. Statt des Kuhreigens hörte ich diesmal nur die Freiheitslieder der wackern Schützen; denn die Instrumente waren eingefroren, alle Finger waren krumm und steif vor Kälte; und über und über beschneit, sahen die Menschen aus, wie selber von Schnee, nur die Backen waren roth und die Augen blitzten. So befahl ich den Vorüberziehenden, indem ich seitwärts am Wege immerfort um einen Pfahl lief, um nicht zu erfrieren. – Das war meine Tapferkeit.

Nach einiger Zeit holte mich mein Adjutant hinauf »vor Ort«. Er sagte kein Wort als: ich sey nöthig. Die Gesänge schwiegen. Nur einen dumpfen Ausruf hatte ich gehört. Die Gesichter, bei denen ich vorüberkam, sahen mich ernst und gespannt an. So Viele es vermochten, wälzten sich in gedrängtem Zuge mir nach. Sie wußten etwas! Nichts Gutes, sonst hätten es Einige hier in der Freiheit der Wildniß mir nachgerufen, wenn sie es sich auch nicht getraut hatten, ihrem gestrengen Herrn Obrist ins Gesicht zu sagen.

Ich war bekannt für Ordnung und Zucht und gab zu der sauersten Pflicht das willigste Beispiel. Nur Einer sprach gedämpft zu einem Andern – sie mochten wohl Beide Kinder haben –: »Der arme Mann!« Solche Herzensbrocken geben dem Herzen Stimmung, und es ist etwas Unaussprechliches, mit welchem Gefühl wir einem entgegensehen, der am Abend aus der Schlacht kommt, mit welcher Spannung wir aus dem Wissenden die Antwort auf unsere dringende Frage erwarten: »Wer hat gewonnen?« Wenn er nicht antwortete, müßte ein guter Soldat in drei Minuten hinfallen. Spricht er darauf nicht gleich: »Wir!« so kehrt sich ein Ehrliebender schnell schon um. In solcher Folterqual einer Antwort watete ich eine Viertelstunde hinauf. Mein Sohn sollte mir berichten ... Hier bis auf diesen Vorsprung nun, wo wir sitzen, kamen mir Viele entgegen. Bleiben Sie hier! sagten sie mir ernst. Die Wolke hat ausgeschneit. Hier können Sie besser sehen!

»Was denn? was soll ich denn sehen«, fragte ich. Und endlich trat einer der Kühnsten vor und sprach: »Ihren Sohn! Sie sind ein Mann, der hören kann und sehen, nämlich solche Dinge. Wir hätten Ihnen Ihren Sohn lieber schwer verwundet, ja todt aus dem Kampfe gebracht. Denn daß ein so tapferer Mann in der Schlacht fällt, darauf kann sein ganzes Regiment gefaßt seyn, – aber daß sein Sohn so ruhmlos hier in der Schlacht fällt, das heißt schmählich verloren!«

»Verloren! So plötzlich hinweg von den Lebenden!« stöhnt' ich. Wohl zehn Grenadiere erboten sich, in den Abgrund zu springen, wenn ihr Hauptmann dadurch wieder heraufkäme.

»Wo ist er?« fragte ich.

– »Da drunten zerschmettert!« –

»Wie ist es gekommen?«

– »Ihr Sohn stand bei uns in seinen Mantel gehüllt, das Schaufeln zu ordnen, dort auf dem schmalen Absatz der Felswand, dicht über und neben dem Abgrund! Das Feuer des Muthes machte die Glieder nicht fühllos. Wir froren und starrten und standen und hauchten in die blauen Hände – da trieb uns der Hauptmann: Kinder, mit Lust, und verliert nicht dem Feldherrn die Zeit! Wer überlistet, wie wir, muß schnell seyn. Mit jedem Schaufelstoß geben wir dem Feinde einen tödtlichen Schlag auf den Rücken. Wir zeigten ihm die starren Hände. Aber als Antwort griff er in den Schnee, rieb sich Gesicht und Hände damit, nahm mir die Schaufel und warf den Schnee in den Abgrund, als wollte er drunten den Waldbach verschütten. Da griffen wir wieder zur Arbeit, beschämt; da trat er zurück, um uns Raum zu lassen, verhüllte sich wieder in seinen Mantel und trat nur einen halben Schritt zu weit hinaus auf den Schneerand – der Rand bricht los, und wie eine Puppe auf ihrem Bettchen ...«

»Halt!« rief ich, und faßte den Mann am Kragen. Niemand lachte. Er war drunten, zerschmettert, ertrunken, im Schnee begraben. Eins von den dreien; wahrscheinlich das Alles zugleich. Ich starrte in den Abgrund. Und daß die Elemente reden und eine Sprache verführen, zweifle ich nicht mehr; denn schauerlich rief der Bach aus der Tiefe in dumpfem Gebrause zu mir und ich verstand es eine bewußtlose Zeit.

»Wie mir die Stelle vorkam, auf welcher der Hauptmann so eben gestanden, wie ich darauf starrte, dies steht nicht in meinem Reglement«, setzte der Mann hinzu.

Ich feuerte ein Pistol ihm zu Ehren über sein Grab und rief dann ermunternd: »Zur Arbeit!«

Da vernahmen wir plötzlich von unten ein dumpfes Rufen: »Vater! Hier bin ich, hier!«

Wir konnten von hier die Stelle des Falls und die Tiefe zugleich überschauen. Ich ... mein Auge entdeckte ihn, als mein Blick an der Schneewand langsam und forschend hinunterschlich.

Ich zeigte ihn den Freunden, wie er in seinem Mantel gefangen und aufgehangen, thurmtief und thurmhoch, am wilden Geäst, wie Prometheus hing. Und auch wirklich so. Denn Adler und Lämmergeier umschwebten ihn erst, wie Krähen den Uhu, und an seinem Mantel war nichts zu verzehren und einer setzte sich ihm auf die Achsel, da er in bloßem Kopfe – mit schwarzen Haaren – dahing und nichts rühren konnte zur Abwehr als die Beine; nur so brachte er sich nach und nach in Schwung und läutete sich selbst wie eine Glocke – eine graue schreiende Glocke – mit einer Kühnheit, die ihm selbst der Kaiser an Ort und Stelle nicht nachgeahmt hätte – »Bravo!« rief ich; und wir riefen ihm Trost und Geduld zu: »Wir kommen!« – Aber er vermochte kaum den Kopf zu wenden, daß er uns gesehen.

– Dort grünt nun das leere Gesträuch an der Felswand! Und mir ist wieder wie dem Erzähler, als er die Stelle ohne den Hauptmann sah.

Ich befahl Taue, Stricke und Stränge zu bringen – denn einen kurzen Verzug durfte ich mir erlauben, da der Verunglückte ein brauchbarer Mann im Heere war. Ward er aber nicht bald gerettet, dann mußten wir fort, wie ein Kriegsschiff fort muß, das einen Matrosen im Meere verloren – denn ein Schiff und ein Mensch wiegen nicht gleich. Nur des Feldherrn wegen, wenn er da unten gehangen, hätten wir rasten, vielleicht Rasttag machen dürfen, wenn nicht ein Anderer, vielleicht Desaix den Befehl übernommen. Auf die Stunde mußte ich über den Paß seyn. – Taue waren – drei Märsche zurück, bei der Schiffbrücke, Seile waren genug – in Frankreich, Hanf genug in Rußland, um alle Spitzbuben und elende Menschen zu hängen. Hier schleppten sie nur eine Anzahl Stricke und Stränge herbei. Ich band sie in Gedanken zusammen – und mein Entschluß war gefaßt. Indeß ließ ich das Mögliche geschehen. Von droben, senkrecht über meinem Sohn, konnten wir ihn nicht sehen. Der Mann, dem er die Schaufel aus der Hand genommen, legte sich mit dem halben Leibe über den Abhang, während ich ihn an den Füßen hielt und Andere wiederum mich. Er war nicht zu sehen, manchmal nur zu hören im Winde.

Jetzt warf ich den Mantel ab und befahl acht starken Männern, das eine Ende des aus Stücken zusammengeknoteten Seiles zu halten: die Schlinge am andern Ende befestigte ich mir unter den Armen um den Leib und beging die subordinationswidrige Vaterthat, mich wie einen Taucher – ohne Glocke – in das Luftmeer hinabzulassen. Das erste Uebergleiten über den Abhang war etwas wunderbar. Dann ließen die Leute langsam nach – und so sank ich allmählig, oft ruckweise und knüpfte im Sinken ein etwas sonderbares Gespräch mit meinem Sohne an. Ich rief ihm hinab: »An meinem Seile ist noch ein Nebenstrick, mit dem bind' ich Dich an und dann ziehen sie uns beide zusammen herauf. Alles faßte an, was Hände hat, und ich freue mich, Dich wieder zu sehen, ja ich küsse Dich gewiß unterwegs, mein Sohn! Hörst Du mich denn?«

Aber statt Antwort von unten hört' ich von oben den Trost zu mir herab: »Das Seil ist zu Ende!«

»»Halt!«« rief ich. Ich sah unter mich. Ich maß die Tiefe – verzweifelte, oder fror mich erst jetzt; und befahl mich hinaufzuziehen. Von unten – dachte ich während des Zuges – ihm beizukommen, müßten wir noch vor Nacht den babylonischen Thurm aufbauen! Zwei, drei, denn ich weiß nicht, wie hoch er gewesen. Bauen wir aber nicht rasch, so erfriert uns der Achill in der Stille, wenn er dann auch noch Augen im Gesicht und Hirn im Schädel hätte. Soll ich ein paar Mann auf Urlaub hier oben hinsetzen lassen, die drei Tage Schneeballen hinunterwerfen, damit sie die Adler verscheuchen? Bis die Taue kommen, ist er erfroren und verhungert, also einen langen martervollen Tod gestorben – den verdient er nicht! Freilich, seine Mutter wird mich ermorden wollen, wenn ich, sein Vater, selber ...

Da war ich oben.

»Brav, meine Jungen!« sprach ich. »Nun wollen wir helfen! Ihn erretten. – Mein Mitleid hat gesiegt, – mein Vaterherz!« Und ich war ein Mann, der die eiserne Nothwendigkeit abzuthun wußte, und zu ertragen wie einen Harnisch. Ich hatte während der Zeit arbeiten lassen vor Gewalt – und zum unglücklichen Glück war der Paß geräumt und frei – ich ließ die Trommeln wirbeln und der Gänsemarsch über die Höhe begann, oder der Zug in die Arche Italiens ... paarweis ... einzeln. Ich aber ging sinnend zurück zu der Stelle hier. Und auf den rosigen Abendwolken sah ich ein Bild ... kostbar, deutlich, einen grüngoldenen Baum. Am Stamm Tell's Kind mit dem Apfel auf dem Kopfe. In Schußweite von ihm – Tell selbst mit gespannter Armbrust – fromm, bleich, tückisch, empört, gefaßt, gelassen, liebend, wankend und sicher – wie Alles das zugleich – nach dem Apfel zielend, nicht nach dem Kinde.

»Du solltest lieber gleich nach dem Geßler schießen!« rief ich in die goldenen Wolken dem Verschwindenden nach. »Indeß Du hast gethan, was Dir das Schicksal Leichtes aufgelegt. Du hast redlich nach dem – Apfel geschossen. Ich – ich habe einen andern schweren Schuß! Ich muß ganz genau nach dem Herzen des Sohnes zielen – unter dem Mantel, nicht unter dem Baume, und muß ganz richtig treffen – nicht den Apfel, sondern den Kopf des Kindes, oder das Herz. Danke Du Gott! Deine That war ein halbes Kinderspiel gegen meine.«

Aber ich besann mich. Ich wußte, wie mein Achill dachte als ein Sohn der neuen großen Zeit, groß, gleich jeder alten. Ich mußte mich von ihm trennen, ohne Anblick – wie lieb sein Gesicht sey, ohne Antwort – wie zufrieden und still seine Seele sey. Ich war ihm so nah – als schwebte er unter der Erde! Er lebte – als sey er eine Million Jahre begraben! Wir waren geschiedene Leute. Ich rief ihm einige Abschiedsworte zu – aber auch diese zerriß der Strom!

Ich war Obrist. Und die Obristen sind die eigentlichen Gewaltigen in der Armee. Die 1000 Söhne der Mütter, die 1009 Söhne des Vaterlandes sind in des Kommandirenden Macht, sein Stecken, Stab, Haut und Bein und Knochen und Asche, wo er will, müssen sie tödten, wo er will, da müssen sie stehen, das heißt: fallen; – nur halbtodt erst erhalten sie wieder das göttlich-menschliche Recht der Sprache, anzusprechen um Hülfe, und erst mit verlornem Arm oder Bein, außer Reih' und Glied, in einen Winkel zu kriechen, um ruhig zu sterben. – Also ich kommandirte: »Zwei Schützen vor!«

Zwei traten vor.

Ich kommandirte: »Schießt dort den Hauptmann todt!«

Sie starrten in den Abgrund.

»Schlagt an!«

Sie schlugen an. –

»Gebt Feuer!«

Sie gaben Feuer. –

Gefaßter, ja ruhiger sah ich hin. Aber mein Sohn läutete die graue stumme Glocke. Die Hände der Schützen hatten gebebt: vielleicht vor Kälte, gewiß vor Bedauern. Gewaltsam richtete Achill sein Gesicht in die Höhe nach uns, nach mir.

– Da schritt mir deutlich in den Wolken Tell dahin. Ich verstand den Vater. Ich verstand das Bild, das meine eigene Seele hinaus in die Wolken geworfen wie eine Camera obscura, denn es war finster in mir. Nur die Vaterliebe flackerte und verbrannte mich fast, wie ein die Hand brennendes Licht.

Ich löste einen Schützen ab. Ich ließ ihn niederknieen. Ich legte auf seine Schulter das wohlgeprüfte Gewehr auf. Ich kommandirte mir selbst: »Vater, schlag an! – Vater, mache Dich fertig! – Vater, gieb Feuer!«

Ich gab Feuer. Ich gab das Gewehr weg.

Keiner sprach ein Wort, ich ging umher.

Nach einiger Zeit sah ich hinab nach meinem geliebten Achill. – Sein schwarzes entblößtes Haupt hing jetzt ruhig gebeugt auf die Brust herab. Die graue Glocke hing still. Gewiß nur der Wind spielte mit ihr. Und die Geier riefen die Geier und die Adler die Adler. Ich ließ der albernen gefräßigen Natur in mir den Willen – und an der untergehenden Sonne merkte ich: mir mußten zwei Thränen in den Augen stehen.

Jetzt geht die Sonne wieder unter, und ich sehe sie wieder so feucht, wie damals.

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