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Anthologie aus den Werken

Leopold Schefer: Anthologie aus den Werken - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleAnthologie aus den Werken
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Aus:
Der Weltpriester.

Die Pflicht der Hörigkeit.

»Verfänglich ist's, dem Fürsten Wahrheit sagen;
Zweimal ist's schädlich und einmal vergeblich.
Erst schädlich: du erzürnst ihn; und der Zorn
Der Könige vergället ihren Tag
Und wird wohl einer Stadt voll Menschen schädlich.
Dann schädlich: du erholst dir Straf' und Leid.
Dann noch vergeblich: denn du änderst Keinen;
Nach jedem Streit geh'n selbst die Bessern fort,
Bestärkter nur in ihrem eig'nen Wesen.
Bekehrte, Bess're, werden nur geboren,
Das ist die Hoffnung und der Trost der Weisen.
Und darum scheint es überflüssig erst,
Daß du und alles Volk im ganzen Lande
(Das edler von Geburt schon denkt und lebt)
Auch sagt und redlich offenkundig macht,
Was ihre Seele weiß, ihr Herz empfangen.
In ihren Kindern kommt das sichtbar, lebend,
Mit Kopf und Händ' und Füßen auf die Welt,
Was dies Geschlecht im stillen Geiste trug,
Und wird unwiderstehlich dann sich leben;
Wie alle Kinder ihre Spiele ordnen,
So wird der Aeltern auferstand'ner Geist
Als neue Menschen Neues seyn und schaffen.« –

So sprichst du klug und wahr; jedoch auch feig!
Sollst du es keinem sagen, was da künftig
Erscheinen wird, was einst der Mensch wird leben,
Daß ihm ein Herrscher treu das vorbereite,
Doch ahne? Denn den Guten ehrt der Freimuth,
Und seine Seele auszuschütten, labt,
Und ist des Mannes Ehr' und Mannespflicht,
Und würde er mit seinem Sarg bezahlt
Und Wahrheitreden mit des Todes Schweigen.
So bringen selbst Chinesen ihren Sarg
Schon mit sich vor des Herrschenden Palast,
Wenn sie ein Unwillkommenes zwar Ihm,
Doch ihrem Vaterland ein Bess'res wissen,
Als Jener weiß und zugestehen will.
Doch Pflicht zu hören, ist der Herrscher Pflicht,
Die einzige, die unerläßlich ist.
Die gnügende, die Gott von Jedem fordert
Und rächt, wenn er sie Einem je versagt.
Hat nun der Eine sich in Sarg geredet,
Das treue Haupt stumm in dem Schooße liegend ...
Da kommt ein And'rer schon mit seinem Sarge
Und sagt ihm ernst zum Heil dasselbe Wort.
Und hat auch Er sich in den Sarg geredet,
Das treue Haupt stumm in dem Schooße liegend ...
Da kommt der Dritte froh mit seinem Sarge,
Der Vierte, Fünfte, Zehnte, Zwanzigste ...
Bis endlich denn das Wort nicht nur gehört,
Wie Pflicht ist, nein, auch fromm erhört, wie Recht ist. –
Sprich: Ist nun nicht das Heil des starren Wirthes
Ja selbst ... ist nicht das Heil des vielen Volkes
(Das Er, an Gottes großem goldnen Tische
Der Erde, mit den Gaben zu bewirthen hat)
Zehn Särge werth, zehn edle Herzen d'rin,
Die fühlten: »Mensch! du lebst doch nur für Menschen!«
Die wußten: Wortsaat ist der Werke Saat,
Und wer ein freies edeles Gefühl
In uns erregt, der zeuget Gott und Freiheit
Dem göttlichen Geschlecht, das Menschheit heißt
Und dessen Wirthe nur die Fürsten sind,
Die Ersten und die Ordner ihrer Feste;
Denn nicht ein Zuchthaus, noch ein Irrenhaus
Soll ihm das frohe Haus des Gottes seyn –
Des heitern Geistes seines schönen Alls,
Das nichts von Sündern weiß und Missethätern,
Als wer das heitre Leben sich verstört.
Denn Wissen, Wahrheit, schöne Sittlichkeit,
Sie glüht ihm nur zu heiter-schönem Leben!
Und nicht, um eine Hölle einst zu füllen,
Die nirgend wär' in seinen reinen Hallen!


Wer hat noch die Sonne zurückgestellt?

Das lehrt die Welt: Die Obrigkeiten haben
Auch wieder ihre höchste Obrigkeit,
Die schweigende, die, wie die Sonne lächelnd,
Das gar nicht aufgeh'n läßt und still verkommen,
Was da gesät war gegen Menschenzukunft,
Was übel in das neue Weltjahr paßte –
Die schützend still ein Samenkorn emporhebt,
Das ein Geringer, doch ein Guter säte.
In Einen Irrthum nur verfallt nicht, Menschen:
Was gegen die Vergangenheit geschieht
Und gegen das Vergehende, Gelebte,
Was also todt mit seinen Todten ist,
Das haltet für ein kleineres Vergehen,
Ja, haltet es für gar keins gegen das,
Was gegen dieses göttlichen Geschlechtes
Erhabne, große, himmlischklare Zukunft
Geschehen möchte, und doch nicht gescheh'n wird!
Denn diese armen Kinder dieses armen
Geschlechtes sind die wahren Herrn der Zukunft
Und jeden Tags darin, und jeden Wissens;
Die nach uns leben werden, sind die Herr'n
Der Todten, jeglicher Vergangenheit;
Und keinem Erdgebor'nen ist erlaubt,
Ein Testament zu machen, das dem Willen,
Der Weisheit, und der Freiheit des Gedankens
Der Künftigen in alle Ewigkeit
Starr widerspräch', ja Eine Hand nur bände!
Ehrt, die ihr lebt: die Künftig-Lebenden!
Verderbt, ersäuft, verwüstet nicht den Boden,
Darauf das wachsen wird, was Keiner sah;
So wie um uns jetzt auf der Erde blüht,
Was nie ein altes Auge je gesehen.
Nein, übergebt die Erde wohlgebaut,
Und dieses Kind, das menschliche Geschlecht,
Zu höh'rer Schule reif – nicht als Kretin!


Kinderfreude.

Den Kindern mache ihre Jugend schön!
Versäume auch die kleinste Freude nicht!
Du machst sie jetzo wie zu kleinen Göttern,
Du gründest ihnen auf des Lebens Zeit
Ein froh Gemüth, ein immer heit'res Herz.
Die Freuden ihrer Jugend dauern nicht,
Sie wissen einst nichts mehr von diesem Tag –
Von jenem; von den reifen Nüssen nichts,
Die sie vom Baume klopften; von der Stange;
Sie wissen nichts vom Lächeln ihrer Mutter,
Wenn sie die traubenvollen Körbe brachten –
Doch alle Freude schlug in ihrem Sinn,
Sie hoffen immer Holdes von der Welt!
Die einst so schön war, kann auch trübe seyn,
Und froher Muth erträgt auch einst das Herbe
Mit fester Kraft, zu Dankbarkeit sogar
Bei erstem hellem Sonnenblick bereit.
Doch schwerverlebte, saure Kinderzeit
Macht ernste, finstere Gesichter, macht
Ein düst'res Auge. Dein bedrücktes Kind,
Das einstens an der Puppe Mangel litt,
Dem selbst der Ball im neuen Frühling fehlte ...
Das arme, großgewachsne Kind, es lächelt
Kaum wieder sein Kind an, das in ihm lächelt!
Die Kinderfreude trägt die höchsten Zinsen;
Der Mensch bedarf sie einst, getrost zu leben,
Der Geist des Alls bedarf sie, um sich himmlisch
In seinem schönen Himmel auch zu fühlen.


Der alte Bettelmann.

Ringsum, von Aufgang bis zu Niedergang,
Durchrieselt die Natur ein tiefer Schauder,
Ein heil'ger Abscheu, ein geheimes Grollen,
Das aus Gewittern schwer, wie müde murrt,
Das aus des Sternes Strahlensprühen schreckt,
Als ob sie alle rängen, abzufallen;
Das aus den hohlen Meereswogen heult,
Im Sturmwind überdrußvoll wüthend saust,
Aus tiefem Abgrund ächzt im Schooß der Erde ...
Wie lang', zu lang' in ihre schwarzen Höhlen
Lebendig eingemauert und begraben.
Der Bergmann hört es nicht – er gräbt nach Gold.
Der Fischer hört es nicht vom Meer – er fischt.
Die Knaben hören's nicht am Seegestade –
Sie spielen »Kirchenbau'n« aus feuchtem Meersand;
Die Mädchen »Klosterbau'n« aus bunten Muscheln.
Der Liebende hört nicht den Nachtgeist stöhnen –
Er harrt auf seine Liebste; ihn erweckt
Das fallende Gestirn nur aus den Träumen;
Die Mutter hört das Wolkenmurren nicht –
Sie wiegt ihr Kind ein, d'rüber hingebeugt,
Es wieder einmal küssend, einmal schlummernd.
Der alte Bettelmann nur sieht betroffen
In seinem magern Schatten, seinem Stabe,
Den müden Geist, der ihm aus Spott und Hohn
Das weiße Haar in's blasse Antlitz weht,
Ihm seinen alten Hut frech in den Strom
Hinwirft, als werd' er morgen sein nicht brauchen.
Er sieht sich seine alten Hände an,
Die ihm die Sonne jetzt recht weiß erleuchtet.
Er sieht das alte Weib betroffen an,
Das sich vor Elend in den Strom gestürzt;
Mit abgebrannten Haaren sieht er sie
Herausgezogen auf dem Ufer liegen –
Der Geist der Buben hat ihr gestern Abend
Sie angezündet, ihr zu Spott und Hohn
Des Alters. – Da erschrickt der alte Mann.
Schleicht heim, und nach drei Tagen ist er todt;
Und in der Nacht verbrennt das Haus mit ihm
Von einem milden Wetterstrahl entzündet,
Und spart ihm einen Sarg und ein Begräbniß.
Die schwarzen Brocken sahen müde aus,
Wie sie der alte Todtengräber sorgsam
In einem Topfe in geweihter Erde
Begrub, und ihm den Kreuzer darein schenkte,
Den er ihm schuldig war vom letzten Samstag.


Die heilige Innung.

Der Dichter ist der schönste Lebenslehrer.
Des ew'gen Geistes Flamme ist das Wort,
Das klare Wort ist selber erst der Geist,
Der Sinn des Alls, sein innerstes Verständniß.
Wohl lehren Hypopheten und Propheten
Was gut ist, recht ist, ohne je den Menschen
Die gute That, die gute Seele geben
Zu können
; Wecker, Mahner sind sie würdig.
So elend, unglückselig und verdorben
Der Mensch auch wäre ohne das ihm Gute,
So fehlt der guten Seele doch das Beste,
Der schönste Theil zu göttlich klarem Leben,
Zu lieblich schauendem und fühlendem.
Der Dichter macht das Leben klar und wahr,
Ja ewig, auch in einem kurzen Liede;
Er macht den Menschen erst das Leben schön
Und lieb. Ein wohlbeschloss'nes Lied ist länger
Als tausend off'ne Jahre, als die Welt.
Er bringt den Himmel in dem heil'gen Becher,
Er bringt die Freude in dem Götterwort,
Er bringt den Frieden in der goldnen Zither,
Nicht eitle Kinderworte sagt der Dichter
Mit seinen Tönen, Farben und Gebilden –
Er trägt das Herz der Welt in seinem Busen;
Was einen Menschen, was die ganze Menschheit
Bewegt, betrübt, erschüttert und beseligt,
Das fühlt er ganz, das schöpft er ganz und tief
Im Lebensborn als voller ganzer Mensch.
Mit glüh'nder Seele von der Welt voll Schönheit
Als armes Kind gefangen, steht er schon
Bewundernd überdrängt, und merkt stumm-sinnend
Auf jedes Gräschen, jeden Blumenschatten,
Als sollt' Er, Er, der heil'ge Diener Gottes,
Ihm und den Sel'gen Alles treu berichten,
Kein Wörtchen dürfe fehlen! Und so merkt er,
Als himmlischer Belauscher seiner Welt,
Vom Kinderspiel an alle tausend Wunder:
Die Jugendlust; den Greis im Silberhaar;
Im Sarg die Mutter; Braut und Hochzeitfest;
Merkt, was die Wittwe zu dem Kinde klagt,
Und Leichenzug und Scheiden, Tod und Gruft;
Ja, noch die Blumen prüft er auf den Gräbern,
Den Mond, der sie bescheint in stiller Nacht.
Ihm ruhen alle Todten wie im Herzen,
Ihm steigen alle Frühlingsblumen schmerzlich
Wie aus dem eig'nen Leben auf. Ihm singt
Die Lerche nur aus seiner Brust das Lied.
Des Armen Thräne quillt aus seinen Wimpern,
Der Regenbogen springt aus seinem Haupte,
Die Sterne sprüh'n als Funken ihm vom Auge,
Die Sonne geht ihm aus der Seele auf;
Die schöne Jungfrau blüht aus seinem Blute,
Darin sie ihm als sein Geheimniß lag;
Die schönen Liebenden, sie lieben alle
Mit seiner Liebe! denn an ihn, an ihn
Als Göttersohn, ist Wort und Welt erschollen!
Als frommes Kind schon nahm er jedes Wort
Sich an, als sey es ihm allein gesagt!
Die ganze Menschheit ist sein Einer Lehrer,
Und seiner Seele Himmelswerth empfindend
Fühlt er sich würdig als der Gottgesandte,
Der Deuter und der Schmücker dieses Alls,
Der Schönheitbringer zu des Lebens Wahrheit;
Und alle Menschen macht er freudig theilhaft
Von seiner Klarheit, seiner Schätzefülle,
Und ist belohnt, wenn alle ganz ihm gleich sind
An Schau'n und Fühlen dieses schönen Lebens
Und, ohne seine Leiden, rein wie Kinder.
Sein großes Lied ist dir die höchste Wahrheit,
Und einst vollendet er den ganzen Menschen
Von Kind bis Greis als göttlichen Gesang!


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