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Gutenberg > Leopold Schefer >

Anthologie aus den Werken

Leopold Schefer: Anthologie aus den Werken - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleAnthologie aus den Werken
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Gedichte.

Aus:
Laienbrevier.

1.

Nur wer die ganze Stimme der Natur
Heraushört, dem wird sie zur Harmonie.
Hier nah' vor meinen Füßen weint ein Kind –
Und rings im Grünen singen hundert Vögel;
Dort morschet eine altbejahrte Eiche –
Und drunter nicken junge Blüthenbäume
Sich freundlich zu; dort schallen Grabgesänge
Vom Schlafgemach der Todten – und vom Walde
Her seh' ich eine lust'ge Hochzeit schweben;
Nun seh' ich selbst durch den halboff'nen Sarg
Den Todten liegen – sieh', und durch den Spalt
Zwei kleine blüh'nde Kinder still sich wundern,
Und oben ziehn die Wolken, unbekümmert
Um all das unten, ihren ew'gen Weg.
Wie mischen die Gefühle sich im Herzen
Zu schönem Ebenmaß und Götterruhe!
Der Geist des schönen Alls ist mir geworden,
Von Freud' und Schmerz gleich fern, steh' ich bereit.
Was auch das Leben bringt, recht zu empfangen.


2.

Was auch ein Mensch zu seyn dir mit sich bringt.
Wird dir zuletzt gefallen: wenn du nur
Ein Mensch willst seyn! Dein Glück ist immer möglich.
Wenn du's zu finden weißt. Drum merke dir:
Sey ganz ein Mensch, nicht mehr, doch auch nicht minder.
Dann lebst du immer froh, so lang du lebst,
Dann stirbst du still auch in der Jugend hin –
Denn auch die Blüthen fallen, lehrt Natur;
Dann stirbst du gern auch spät im Alter erst,
Denn auch zu altern ist uns auferlegt;
Und weißt, daß du einst ganz vergessen bist,
Denn Niemand denkt der Todten in den Tagen,
Die nach uns sind – auch die ist Menschenlos.
Doch wenn dich's rührt, der armen Menschen Loos,
So weine! Denn auch Thränen, herbe wohl,
Und ungestillte Klagen sind für Menschen.
Was auch ein Mensch zu seyn dir mit sich bringt,
Wird dir zuletzt gefallen, wenn du nur
Ein Mensch willst seyn. Und darum: sey ein Mensch!


3.

Was ganz gewöhnlich ist, was alle Tage
An allen Orten still sofort geschieht,
Das kann nicht viel seyn, wär' es auch der Tod.
D'rum hege nicht von ihm zu große Hoffnung,
Er ist ein ganz gemein Natürliches.
Doch was natürlich ist, ist auch nie wenig!
Es ist ein Heiliges und Göttliches;
D'rum hoffe nicht zu wenig von dem Tode,
Dem die Natur ihr Schönstes ruhig opfert,
Vielleicht auch freudig, wie Natur sich freuet
Und leidet: still. So freu' auch du dich still.


4.

Am heil'gen Himmel stehest du so hehr,
So golden ruhig die Gestirne zieh'n
So immerfort; so jede heit're Nacht –
Und dennoch wird im Mond auch Tag und Nacht!
Auch auf den Sternen wird es Herbst und Frühling,
Und Tod und Leben wechseln auch da droben
Auf ihren stillen schönen Silberscheiben;
Und du, o Seele, schauest es so ruhig,
So selig an, so selig, wie sie's zeigen!
Hienieden auf der Erde nur durchbebt's
Dich, Tod und Leben, Lenz und Herbst zu schauen?
Ihr Tag entzückt, die Nacht durchschauert dich?
O schwinge deines Geistes Flügel, schwebe
Auf jener nächsten Sonne Silberscheibe,
Von dort aus sieh' die Erde, und verkläre
Zum Stern sie, und was du hier Alles kennest:
Die alten Heldenmale, Berg' und Städte,
Die lieben Menschen all' und jedes Kind!
Dann sieh' auch dich als einen Weltdurchwand'rer,
Der jetzo auf der Erde eingekehrt,
In ihren Thälern bei den Nachtigallen,
In Tag und Nacht, in Herbst und Frühling wohnt,
Und süßer Friede wird dann auf dich kommen,
Wie wenn du zu dem Abendsterne schaust.


5.

So oft du eine That zu thun gedenkst,
Schau' erst zu jenem blauen Himmel auf,
Und sprich: »Das will ich thun! O schau' es du,
Und segn' es du, der still da droben herrschet!«
Und kannst du das nicht sagen, thu' es nicht
Aus schnödem Trotz, aus eitler Menschenmacht,
Weil schweigend er dich Alles lasset thun.
Denn wisse, was du auch gethan, du thust
Es auf Zeitlebens in Erinnerung;
Die gute That klingt hell den Himmel an
Wie eine Glocke, ja er wird zum Spiegel,
In dem du aufschau'nd selig dich erblickst;
Du wähnst dann droben in dem blauen Himmel
Zu wohnen! Oder ahnst: es wohn' in dir
Herabgesenkt, des Himmels stiller Geist!


6.

Du hörst von einem Gott, du sprichst von ihm,
Die ganze Welt ist voll von ihm – und Niemand
Weiß nur, woher der Name Gottes stammt!
Die große schöne Welt lehrt dich ihn nicht,
Nicht ihre Ordnung, Dauer, noch Verwandlung;
Und dennoch ahnest du, daß jener Name
Kein leerer Hall, nein, inhaltschwerer Ausdruck
Vom Urgrund der unzähl'gen Wesen sey.
Ja, du hast recht geahnet, frommes Herz;
Im Herzen kündet sich die Gottheit an,
So still, so leis, so heimlich, wie ein Geist.
Sie führt dich sanft zu schöner Sittlichkeit,
Sie thut das Auge deiner Seele auf,
Und prägt allmählig Handlungen sich ein,
Sie wird in dir Gedanke, wird der Inhalt
Des Guten, Wahren und des Schönen allen,
Was heimlich wie ein Saatkorn in dir selbst
Nun aufgegangen, und was außer dir
Davon in dieser großen Welt erscheint,
Was rings das menschliche Geschlecht bewegt!
Und hast du lang' das Gute ausgeübt,
Dann hast du selbst in dir den Gott erfahren,
Erfahren jenes heilige Gesetz,
Das dieses große All beherrscht, wie dich,
Das fort im menschlichen Geschlechte webet,
Wie auch die sterblichen Gebilde wechseln.
Du trägst des Vaters Bild, das in dir leuchtet,
Dann über die Gestirne hoch hinauf!
Dann über alle Zeiten weit voraus!
Du trägst in alle Zeiten es zurück,
Und knüpfst die schöne Welt und dich an ihn;
Du leitest Alles von ihm her, und führest
Auch Alles wiederum zu ihm zurück.
Er war es, der sich selbst in dir gefunden.
Und nur der Mensch, der Gutes nie geübt,
Nie Wahres sehnte, Schönes nie geschaut,
Nur der wär' ohne Gott, und Gott ohn' ihn.


7.

Lebe rein, mein Kind, dies schöne Leben,
Rein von allem Fehl und bösem Wissen,
Wie die Lilie lebt in stiller Unschuld,
Wie die Taube in des Haines Wipfeln;
Daß du, wenn der Vater niederblicket,
Seyst sein liebstes Augenmerk auf Erden,
Wie des Wand'rers Auge unwillkürlich
An den schönen Abendstern sich heftet;
Daß du, wenn die Sonne dich einst löset,
Eine reine Perl' ihr mögest zeigen;
Daß dein Denken sey wie Duft der Rose,
Daß dein Lieben sey wie Licht der Sonne,
Wie des Hirten Nachtgesang dein Leben,
Wie ein Ton aus seiner sanften Flöte.


8.

Geh fleißig um mit deinen Kindern! habe
Sie Tag und Nacht um dich, und liebe sie,
Und laß dich lieben einzig-schöne Jahre;
Denn nur den engen Traum der Kindheit sind
Sie dein, nicht länger! Mit der Jugend schon
Durchschleicht sie Vieles bald – was du nicht bist,
Und lockt sie mancherlei – was du nicht hast,
Erfahren sie von einer alten Welt,
Die ihren Geist erfüllt; die Zukunft schwebt
Nun ihnen vor. So geht die Gegenwart
Verloren. Mit dem Wandertäschchen dann
Voll Nöthigkeiten zieht der Knabe fort.
Du siehst ihm weinend nach, bis er verschwindet,
Und nimmer wird er wieder dein! Er kehrt
Zurück, er liebt, er wählt der Jungfrau'n eine,
Er lebt! Sie leben, Andre leben auf
Aus ihm – du hast nun einen Mann an ihm,
Hast einen Menschen – aber mehr kein Kind!
Die Tochter bringt vermählt dir ihre Kinder
Aus Freude gern noch manchmal in dein Haus!
Du hast die Mutter – aber mehr kein Kind. –
Geh fleißig um mit deinen Kindern! habe
Sie Tag und Nacht um dich, und liebe sie,
Und laß dich lieben einzig-schöne Jahre!


9.

Ein Kind ist göttlicher Natur. Dem Urseyn
Entstiegen, bringt es in der Seele Kenntnis
Des Göttlichen und Wiederkennen mit.
Das Höchste, Herrlichste begreift's am leicht'sten.
Sich eng und bang und klein zu fühlen, findet
Gelegenheit und Zeit es auf der Erde!
Frühzeitig ehr' es! Halt' es wie den Engel!
Zertritt es Eine seiner schönen Blumen –
Bestraf es, wie man Kinder straft, um Mord;
Hat es den Rosenstock verdursten lassen,
Die arme Mutter vieler armer Kinder, –
Verweigre ihm den Becher klaren Wassers;
Hat es der jungen Vögel Nest gestört –
Laß es auf harter Erde hungrig schlafen,
Von Mutter, Vater und Geschwistern fern.
Und hat dein Kind so früh, so göttlich-ernst
Für fälschlich leicht-Verziehenes gebüßt,
Dann tritt dereinst es aus dem Jugendhain
Mit heiligem Gefühl der schönen Welt,
Und ungefallen wohnt's im Paradiese
Auf Erden; und die schweren Fehle alle,
Die Menschen um das Glück des Menschen bringen,
Die hast du ihm erspart, als Keim gebrochen.
Denn wer den Tropfen Thau am Grase schont,
Wird Thränen nicht aus Menschenaugen pressen,
Die Phantasie beschützt ein rein Gemüth.
O halte die ganz früh so leichte Zucht,
Am zarten gläubigen Kinde auch die sichre,
Ja nicht für Spiel! Die zarte, schöne Welt
Schön anschau'n, zart empfinden ist das Glück –
Und Glück im Herzen schützt vor allem Unglück.


10.

Beneidest du den Tropfen Thau dem Veilchen?
Beneidest du dem Tropfen Thau die Sonne,
Die bunt darin sich spiegelt? und der Biene,
Das purpursammtne süße Distelhaupt,
Das sie mit Kunst und Fleiß und Müh beschwebt? –
Das thust du nicht! – Wohlan, so thu' das Gleiche
Dem Menschen: gönn' ihm Alles! Nichts beneid' ihm;
Denn für ihn ist das Distelhaupt – die Erde!
Die er mit Kunst und Fleiß und Müh' beschwebt;
Sein Geist ist wie der Tropfen Thau, worin
Die Welt sich bunt so wenig Tage malt;
Und theurer, als den Tropfen Thau das Veilchen
Bezahlt, bezahlt er jede frohe Stunde
Mir ihrem stündlichen Verlust, mit tausend Thränen,
Die er um Andere geweint – die Andre
Bald um ihn weinen! Denn dem armen Menschen
Wird auch der Guten Güte, und ihr Daseyn
Sogar, zu stillem edlen Schmerz voraus!


11.

Die Schönheit ist ein Kind der freien Seele
Und kräftiger Gesundheit. Freie Völker,
Die Edles dachten, Großes, einfach lebten,
Sie waren schön in Massen. Willst du Schönheit,
So gieb dem Volke Freiheit, edlen Sinn,
Beschäftigung, die Großes wirkt. Die Menschheit,
– Schon auf dem Weg zur Freiheit, weil sie reiner
Und edler denkt, und wahrer schaut und lebt –
Ist auf dem Weg in's Reich der Schönheit, das
Auf Erden einst erblüht; denn Leibesschönheit
Ist nur der Abdruck inn'rer Seelenschönheit,
Wie edle Frucht aus edlem Stamme wächst.
O welche Güter wird die Menschheit einst
Zugleich erwerben und zugleich genießen!


12.

Nicht unerforschlich ist der Frau'n Gemüth,
Klar gab sich's kund im langen Lauf der Vorzeit;
Nur unglücksel'ger sind sie als die Männer,
Die ihr Geheimstes, gleich der Erd', emporblüh'n;
Der Frauen Herz blüht innen wie die Feige.
D'rum: wen ihr Weltgefühl begehr', wie stark,
Wie reich des Himmels Mitgift ihr geworden,
Wie edel, züchtig, standhaft Jede sey –
Das ist das Räthsel! ihr oft selber dunkel;
Denn wo sie liebt, ist sie nur Liebe. Sie ist,
Sie hat nichts And'res – ja sich selbst nicht mehr,
Sie ist wie ihr Geliebter – gut und schlecht,
Sie ist so wie das menschliche Geschlecht,
– Das sie voll Trost auf seiner Bahn begleitet –
Ist wie der Mann, nur stets ein wenig besser.
Denn wer die Frauen kennt, der kennt den Mann,
Nur wer die Liebe kennt, der kennt die Frauen,
Die Zeit, die Vorwelt, Frühling, Erd' und Himmel.


13.

Mit Ehrfurcht grüße jedes Menschenhaupt,
Das in der Sonne dir entgegen wandelt,
Ja jedes Haupt, das aus der heil'gen Urwelt
Hervorgegangen, alt wie diese Erde,
Jung, wie die Blumen, an der Erde still
Mit Blumen spielt. Denn weißt du, wer es ist? –
Es ist ein Wunder, wie die Blume – nur
Ein größeres und lieblicheres. Und willst du,
So grüße auch die Rose! willst du auch,
So küsse sie: »im Namen Gottes!« Gehe
Nicht stumm und dumpf am Steine selbst vorüber,
Denn wisse, schau' und fühle, glaube wahrhaft:
»Sie sind!« Du träumst ein Sandkorn nicht hinweg,
Es ruht und glänzt im Sonnenlicht vor dir;
Sie sind in einem Himmelreich mit dir,
Sie sind Genossen deines Lebens, sind
Wie du in diesen festen Zauberhallen,
Daraus sie nichts verbannt, noch je vernichtet,
Darin sie bleiben, wie sie sich auch wandeln.
Was da ist, ist ein unausstaunbar Wunder,
Und willst du nun, entblöße auch dein Haupt
Still vor dem Greise, den sie sanft im Sarge
Vorübertragen! Willst du eine Thräne
Ihm weinen, oder dir, vielleicht der Erde –
Vergiß nur nicht der Seligkeit dabei,
Des Wunders, das sie dir in's Auge trieb!


14.

Wär' keine Sonn' am Himmel, wie viel fehlte!
Und dennoch wollt' ich leben, wenn man könnte;
Doch ohne Menschenantlitz wär' die Erde
Ganz einsam tödtlichfinster. Heil'ges Antlitz
Des Menschen! schöner Lotus aus der Tiefe
Des Himmelsmeers am Strand der Erde blühend,
Weltspiegel, Geistermaske, Götterbildniß!
Du, du erleuchtest Tag und Firmament
Erst klar! Dich, dich erblickend ist kein Mensch
In Wüsten mehr allein; der ganze Himmel
Ist – wie die Welt zum Menschen – also nah
Und schön zum Kinde worden ... Gott steht vor uns
Anschauend hold in jedem Kinderantlitz.
Nichts wäre Seele, nichts selbst wäre Liebe
Und Wort und Weisheit ohne dich, du Schlüssel
Zur Welt ... wenn aus dem ringsbehaarten Haupt
Des Menschen selber Engelstön' erklängen!
O Schönheit, dein, dein ist der höchste Preis,
Und jedes Antlitz, das ein kindlich-reines,
Ein frommes Herz bedeckt – wie klares Wasser
Das Sonnenbild – ist schön. Das Menschenantlitz
Entdeckt die Wonn' erst, die im Innersten,
Geheimsten der Natur sich zuckend regt
Und überquillt – im Lächeln! Auf dem Antlitz
Erscheinet erst der tiefe große Schmerz,
Der die Natur im Heiligsten durchbebt;
Und wenn ein Kind geboren, wenn es lebet ...
Wenn rings der tausendblum'ge Frühling neu
Und jung geworden, ach, dann lebt erst Kind
Und Frühling auf des Menschen Antlitz göttlich,
Lebt auf, wie nirgend sonst. Als Sonnenuhr
Des Lebens zeigt es alle leichten Schatten:
Es zeigt die Jugend – die an Sternen nicht,
In Rosen nicht so reizend glaubhaft blüht;
Es zeigt das Alter – das kein morscher Baum,
Kein falber Herbst so rührend wahr bezeugt,
Als mit dem wieder blaß gewordenen Antlitz,
Dem Silberhaar, dem müden Aug' des Menschen,
Und selbst der Tod, der heilige, der ernste,
Erscheint in seiner wundervollen Würde
Nur auf dem Menschenantlitz! Und noch Eins:
Du siehst, wie durch den leicht gewebten Schleier,
Durch dieses Antlitz selbst die Seligkeit
Der Todten, der dahin Gegangenen,
Wo aller Wesen stiller Urquell ist.
– D'rum jedes Menschenantlitz sey dir heilig;
Es zu verehren wirst du nie bereuen,
Sey König nun, Feldmarschall oder Arzt.


15.

An Alles leget die Natur die leise,
Doch unabwehrbar starke Hand; sie legt sie
An eines Kindes liebliches Gebild,
Wie an die Rosenknospe, und sie schafft
Sie beide voll und reif zu Mann und Rose,
So daß du Kind und Knospe nicht mehr kennst!
Sie legt sie an die Nacht und an die Sonne,
Und pflückt sie wie ein Tausendschön vom Himmel;
Sie legt sie an den Frühling, an den Herbst,
An jedes Jahr, an Alles, was den Menschen
Von Kindheit an umgab und mit ihm ward,
Sie legt sie an den Greis, sein Silberhaar,
Sie legt sie an die Todten noch im Erdschooß,
Und macht ihr moderndes Gebein zu Staub –
Mehr kann man nicht erfahren von dem Aergsten!
An Eines aber legt Natur die Hand nicht:
Sie legt sie nicht an unsres Herzens Neigung!
Sie legt sie nicht an unsres Geistes Güter:
An Freiheit, Liebe, Wahrheit und sein Schönes,
An diese legt sie nur der freche Mensch
Dem Menschen, daß er ihm die Welt verderbe.
Und löst Natur uns Helles auf in Heller's
Und schafft sie für ein Schönes uns noch Schöner's –
Wir können unsre Neigung treu bewahren
Selbst für die Puppe, die aus unsrer Kindheit
Uns ansieht, wie mit über uns Erwachs'ne
Erstaunten großen Augen! Wie viel mehr
Bleibt uns die Liebe! Liebe für die Freiheit,
Das Wahre, Schöne, was wir je erblickt. –
Mehr kann man nicht verlangen von dem Besten!
Das ist die große Lehre für den Menschen.


16.

So viel, wie – »Jemand« von den Frauen hält,
So frevelnd oder rein er's meint mit Liebe,
So viel auch hält er von der Ehre, oder –
So wenig, und so ist auch er geehrt!
Wer sich nicht achtet, ehrt die Frauen nicht,
Wer nicht die Frauen ehrt, kennt er die Liebe?
Wer nicht die Liebe kennt, kennt er die Ehre?
Wer nicht die Ehre kennt, was hat er noch?


17.

Wenn du's so weit bringst, daß du Feinde hast,
Dann lob' ich dich, weil Alle noch nicht gut sind.
Wenn du es auch verschweigst, doch schäme dich
Nicht, daß du Feinde hast – wer Feinde nicht
Ertragen kann, ist keines Freundes werth.
Dir müssen Feind seyn: die die Knechtschaft wollen!
Dir müssen Feind seyn: die die Wahrheit fürchten!
Dir müssen Feind seyn: die das Recht verdrehen!
Dir müssen Feind seyn: die von Ehre weichen!
Dir müssen Feind seyn: die nicht Freunde haben,
Nur Mitgenossen ihrer irren Frevel;
Dir müssen Feind seyn: die nicht Feinde haben,
Weil – um für sich Verzeihung zu gewinnen,
Die Welt zu leicht verzeiht. Dir müssen Feind seyn:
Für welche Du nicht Freund bist. Stark ertrage
Der Schlechten Feindschaft! Sie ist schwach und nichtig.
Und stehst du da als reiner warmer Strahl
Des Himmelsfeuers, dann erwärmest du
Die Guten, und sie schließen sich an dich.
Du aber sey der Feinde wahrster Freund
Und lasse nicht von ihnen ab mit Worten,
Und Blicken, Beispiel, selbst mit langem Schweigen,
Zurückgezogenheit, dir schwerem Tadel!
Der Gute ist des höchsten Lobes werth,
Der Thoren zu gewinnen weiß zum Guten.
Und sieh – es bitten für die Unglücksel'gen
Ihr Vater ... ihre Mutter aus der Gruft!
Es bitten ihre Lieben – ihre Kinder!
Es bittet dich ihr eigner scheuer Blick!
Es bittet dich ein Gott in deiner Brust:
»Laß nicht von deinen Brüdern ab, mein Kind!«


18.

Nun ist ein großer Wundersaal geöffnet –
Der Frühlingssaal! So groß, daß See und Inseln,
Die Zauberfluren Hindostans, die Gärten
Alkinous', das Vorgebirg der Circe,
Die Hügel Troja's, und dein Vaterland,
Wie kleine Kindergärtchen d'rinnen liegen! –
So alt, daß Abel ihn erkennen würde; –
So neu, daß ihn der Silbergreis bestaunet,
Der achtzigmal durch seine Pracht gewandelt; –
So warm, daß Bathseba noch einmal gern
Umweht von seinen Düften badete; –
So reich, daß Salomo nur schauen möchte
Den Weinstock Augen ... und die Feigen Blätter
Gewinnen! So licht ist der Saal, daß droben
Die Lerche selbst die graue Lerche sieht,
Die unter ihrem wolkenhohen Liede
In grüner Saat, in stillem Neste brütet; –
So bald verschlossen, daß die Hyazinthe
Hervorzubrechen eilt und abzublühen;
Daß jede Welle unaufhaltsam fließt,
Als habe sie nicht auf ein Wörtchen Zeit! –
So schön, daß auch Homer mit blinden Augen
Noch einmal weinen würde! – Und so lieb! ...
Die Todten, Priamus und Helena
Und Karl der Große und Napoleon ...
Sie möchten im Gefängniß ihrer Gruft
Ein kleines, kleines Fensterchen nur haben,
Um einen Blick hinaus zu thun zum Himmel ...
Nur groß genug, das Ohr daran zu legen,
Ein Viertelstündchen lang das Bienensurren
Und das Geruf der Vögel all zu hören,
Zu weinen, und nach langem Schlaf gestärkt
Sich wieder hin zu langem Schlaf zu legen,
Dem schweren Schlaf der Todten! Doch du lebst
Das süße Leben der Lebendigen,
In dieser Werkstatt zarter Wunderwerke,
In der kein Hammerschlag erklang, kein Pinsel,
Kein Farbentopf mit Grün und Blau und Purpur
Wo übrig steht – kein Meister sichtbar schuf –
Und doch ist Alles fertig! Wundersam!
Nur Wolken fliegen weg – die Wasser trugen!
Nur Wasser rauschen fort – die Wiesen netzten!
Nur Lüfte löschen aus – die Wolken brachten!
Und lächelnd, still, als ob sie nichts gethan,
Steht hell die Sonn' am Himmel – doch noch sichtbar
Den Menschen! – Aber der, der Alles thut,
Der Meister ist nicht einmal sichtbar, lächelt
Selbst nicht einmal! – Der Frühling ist sein Lächeln!


19.

Gleichgültiger, du willst dich um dein Eignes
Nur kümmern? Um dein Haus und Weib und Kinder?
Der Mensch hat kaum ein Eigenthum, woran
Nicht fremde Hand unsichtbar liegt. Du selbst
Gehörst der Welt zu eigen, in dem Hause
Wohnst du – im Lande, auf der Erde frei,
Und wer das Land hat, hat auch deine Kinder,
Und wer die Menschen hat, der hat auch dich.
D'rum: kümmre dich um Vaterland und Menschen.
Nimm Theil mit Mund und Hand in deiner Nähe,
Nimm Theil mit Herz und Sinn am fernen Guten,
Was Edle rings bereiten, selbst für dich.
Laß Nichts verderben, sonst verdirbst du mit;
Laß Keinen Sklave seyn, sonst bist du's mit;
Laß Keinen schlecht seyn, sonst verdirbt er dich;
Und denken Alle so wie du, dann kann
Der Schlechte Keinen plagen, noch auch dich.
Und kann die Menschheit frei das Rechte thun,
Geht jede Göttergab' auch dir zu gut
Und deinen Enkeln allen; denn auf immer
Wird das erworben, was der Geist erwirbt.


20.

Was rührt am tiefsten eines Menschen Herz,
Und eines Liebenden? – Das sind die stillen
Beweise, nicht die laut gesproch'nen Worte,
Von eines treuen schönen Herzens Liebe;
Der Mund der Todten auch, er schweigt – und spricht
Mit lauter Stimm'! ihr Auge ist geschlossen –
Und sieht uns an! mild lächelt ihr Gesicht –
Und wir, wir weinen über dieses Lächeln,
Das eine Todte uns zum Zeugniß läßt:
Wie gern für uns gelebt sie hätte; – doch
Wie gern sie nun gestorben sey, um uns
Zu sagen: »Bis zum Tode liebt' ich dich!«
D'rum ehrt die heilige beredte Stille
Der Sonne und der Erd' und jedes Herzens!
Denn alles Schönste, alles Edelste
Ist still, und wirkt unausgesprochen erst
Mit Himmelskraft das Unaussprechliche!


21.

Die Nacht ist himmlisch und ein göttlich Wunder!
Die schönste aber ist, – die man verschläft.


So fast gering denn achtet die Natur
Ihr Allergrößtes, Allerheiligstes,
Daß sie dem Menschen gütig selbst davor
Die Augen zudrückt, um sein süßes Leben,
Sein Glück, nur seinen Traum hervorzubringen,
Und endlich drückt sie ihm ein sanftes Mal,
Ein letztes Mal die Augen vor sich zu,
Mit ihrem höchsten Opfer – und verleiht
Ihm einen süßern Schlaf, den schönen Tod.


Die Nacht ist himmlisch und ein göttlich Wunder!
Die schönste aber ist, – die man verschläft.


22.

O Morgenröthe! schöne heil'ge Gluth,
Urstille goldne Fluth des Weltenmeeres,
Die Thal und Berg und Himmel überströmt,
In jede Hütte dringt, sie hell mit Purpur
Umlodert, jeden kleinen Raum der Wohnung
Mit Glanz bis oben an die Decke füllt,
Die leis Erwachenden und jedes Kind
In seiner Wiege lieblich überschwemmt,
Daß sie so zauberisch, so schön geschmückt
In zartem, zartem Himmels-Rosenschleier
Sich göttlich wieder auf den Göttertag
Erscheinen; daß die schwere Axt, das Grabscheit,
Das stumme Werkzeug und des Tags Geräth,
Womit die Menschen sich das Leben fristen,
Nun himmlisch, leicht und freudig ihnen däuchten,
Wenn sie so hold als ihres Lebens Freunde,
Von einem und demselben Himmelsschein
Begossen, wie auf gestern frisch erquickt,
Bescheiden willig in dem Winkel steh'n!
O Morgenröthe! unaussprechlich Kommen
Des Unaussprechlichen: des neuen Tages;
Du bist kein Meteor, das einmal aufblitzt,
Am Himmel hinfährt und vergeht in Donner!
Erscheinung bist du nicht! Du bist unsterblich,
Wie Sonn' und Mond und and're Göttliche!
Obschon an jedem Morgen sterbend, bist du
An jedem Morgen wieder schöner da,
Und schmückst den Himmel wieder anders schön,
Und anders himmlisch – machst das Meer dem Schiffer
Und dem Delphin zu vollem Purpurschwall;
Du machst der Möwe ihre Flügel golden,
Dem Nautilus die kleinen Segel golden,
Der Lerche Flügel in der Luft zu Flammen,
Daß sich die junge Lerche nicht getraut,
In solchen Wolkenbrand hinauf zu schwingen!
Im schönen großen reichen Saal der Erde,
Voll alt' und neuer Wunder aus dem All,
Bleibst du die freundlichste der Kostbarkeiten,
So für und für, so lange Wand'rer kommen,
So lang der Himmel und die Erde bleibt!
Zu feuerspei'nden Bergen reist der Mensch,
Zum Donner und zum Staub des Wasserfalls,
Und wohl belohnt dünkt ihm die kleine Reise.
Die Reise aber in das Morgenroth,
Die Reise auf die Warte dieser Erde,
Wo du aus Feuer Funken thauen siehst,
Wo dein Gebild zum funkelnden Rubin wird,
Wo weiße Rosen funkelnder Rubin sind,
Worin der Blüthenschnee zu Golde wird,
Zu Gold die Thürme und der Menschen Werke,
Worin die Seele dir zur Hoffnung wird,
Die Hoffnung zum herzinnigsten Entzücken –
Die schöne Wallfahrt, schöne Morgenröthe,
Belohnst du selbst dem fernen Geist des All's,
Der, um dich wenig Morgen anzuschauen,
Sich gern als Kind geboren werden lässet,
Als Greis begraben; ruht er immer wieder
In deinem Purpur doch, in deinem Golde!
Ach Morgenröthe – über Kindergräbern
Und lieben Todten – alten heil'gen Maalen,
Da bist du erst die Herzerschütternde!
Die Unbegreifliche, ach mir auch, mir.


23.

Ein großes Wort tönt durch die Himmelshallen
Und Tag' und Werke, Sonne, Mond und Erde,
Sie sprechen aus das lebensfrohe Wort:
»Das Schaffen hat nur Werth, nicht das Geschaffne;
Was wird, das lebt! Gewordenes ist todt.«
So glaubt der Mensch: Das All ist nicht geschaffen,
Sonst wär' es todt. Es lebt und wirkt und währt;
So ist denn keine Schöpfung; ein Erschaffen.
Ein unaufhörlich Schöpfen und Erschöpfen
Nur ist: es giebt nur eine große Werkstatt,
D'rin alle Hämmer leben, alle Zangen,
Die Blasebälge, Feuer, Wasser, Amboß',
Und mit dem einen großen Meister leben
Die kleinen Künstler; aber ihre Werke
Vollenden sie und fertig sind sie todt,
Sie werden Staub – und mit der Welt vergessen.
Der große Meister aber endet nie,
Und Alles, was er macht, wird nimmer fertig.
Schon Millionen Jahre schafft er – und
Noch keine Blume hat er fertig! nicht
Das Veilchen, nicht die Rose, nicht den Klee,
Die Palme, nicht den kleinen Gundermann!
Den Mond, das Gras, nicht das Johanniswürmchen!
In jedem Jahre schafft er eifrig d'ran.
So schafft er eifrig auch am Menschen fort;
Und da er götterhaft zu seinen Werken
Geworden, sie mit seinem Geist beseelt,
Sich in die Heil'gen heilig sich verwandelt,
Um Alles selbst zu seyn und selbst zu kennen,
So helfen alle Werke hold ihm schaffen,
Ein jedes Veilchen hilft am Veilchen schaffen,
Ein jeder Oelbaum hilft am Oelbaum schaffen,
Die Nelken helfen an der Nelke schaffen,
Die Menschen helfen an dem Menschen schaffen,
Jedwedes hilft an seinem eignen Werden,
Die Muschel und die Bäume – und das Meer!
Denn auch die Werkstatt hilft die Werkstatt selbst
Erschaffen, neu ihm machen, blank erhalten,
Als wär' sie erst heut' Morgen aufgethan.
So hilft das Eine treu das And're schaffen!
Das Meer die Wolken, und der Wind den Regen,
Der Regen Gras, das Gras die Lämmer – und
So wird er selbst nicht fertig, selbst die Werkstatt
Wird nimmer fertig, nicht die schöne Aster,
Die Abendröthe nicht, und nicht der Herbst,
Die Traube! nicht der Mensch und seine Freude,
Und in dem ew'gen Werden wird er ewig,
Und ruhig und verständig spricht er selbst:
»Das Schaffen hat nur Werth, nicht das Geschaffne;
Was wird, das lebt; Gewordenes ist todt.« –
Das große Wort tönt durch des Himmels Hallen.


24.

»Nun sterben alle Blumen! Alles geht
Mit stiller Eil' dahin zurück, woher
Es jüngst gekommen, und viel schärfer, banger
– Als erst der Frühling mit den Blüthenzweigen –
Zeigt jetzt der Herbst mit seinen tausend öden,
Verdorrten Blumenstengeln nach dem Himmel:
Dem Aether, aller Dinge Born und Gruft;
Und dieses Schweigen bricht mir fast das Herz,
Des blauen Grabes übermenschlich Schweigen,
Und dieser dürren Blumenhäupter Schweigen,
Die duldend sterben, wie sie duldend lebten.
O wahrlich! wir sind besser als die Blumen,
Doch glücklicher sind Blumen als die Menschen:
Ja selbst das Laub, das uns zu Füßen raschelt,
Nicht sich erschreckt, nein, nur der Menschen Herz.«

So lieblich ist das Bild schon der Geduld,
Daß du die Blumen preisest – die nur dulden.
Nicht »Dulden« ist Geduld! Mit reinem Herzen,
Mit Himmelsseele Erdgeschicke tragen,
Sich selber fühlend, über ihnen lebend,
Wie über Wolken klar die Sonne scheint –
Das ist Geduld! Mit schuldbewußtem Herzen
Geduldig scheinen, ist nur Strafe tragen.
Das Unverstand'ne froh und leicht, wie Schlangen
Statt Fische, tragen – das ist Unverstand.
Geduld ist nur der besten Menschen Schmuck,
Mondregenbogenschön, so schön und selten.


25.

Was unverwandelt rein zum Himmel eingeht,
Wie Morgenthau aus tausend Blumenhäuptern,
Wie Licht des Tages in die Abendsonne,
Gleich rein aus trübem wie aus heit'rem Tage:
Das ist die Liebe! Schmerz und Furcht und Reue,
Sie bleiben hier als Niederschlag des Lebens,
Als Erdenantheil. Selbst die großen Genien
Des Menschen auf der Erde: Glaub' und Hoffnung,
Sie müssen vor den Himmelspforten bleiben –
Sie sind da nichts mehr, wo an ihrer Stelle
Erfüllung tritt und Anschau'n. Nur die Liebe
Bleibt dort sich gleich, weil sie vom Himmel war!
Und gleich wie d'rinnen, ist sie draußen ganz
Die Himmlische; wie Geistern, also Menschen
Und was auf Erden und im Himmel lebt,
Ist sie der Eine Geist im großen All,
Und Eine Seligkeit gewährt sie Allen!


26.

O glaube mir, wie du die Menschen siehst,
Das ist nur ihre äußere Gestalt;
Doch wo und wie sie selber sich empfinden?
Ob sie, der Feige gleich, nach eig'ner Zeit
Gut abgeblüht? – Ihr Inn'res siehst du nicht!
Der Greis dort, mit dem einen Fuß im Grabe,
Ist noch ein Kind; er kann mit aller Kraft
Nicht aus dem Jugendhain – »er hat der Mutter
Einst Herzeleid gemacht.« Die Wittwe dort
Ist noch nicht Braut – »sie hat des Vaters Rath
Einst rauh und bös verschmäht.« Doch sieh', der Jüngling,
Der dort mit seinem Pfluge ackerstürzend
Des armen Vaters Schulden treu bezahlt,
Er ist schon alt, so alt wie Kindesliebe!


27.

Nun stehen unzählbare Blumen auf,
Die Millionen Jahr' die Welt verschlafen.
Sieh', jedes Veilchen ist ein Neues, Erstes,
Zum ersten Male in den Zaubergärten
Der schönen Erde, und so lebt es neu,
Und neu und jung ist alles um die Neuen:
Die Sonn' ist erst am Himmel aufgehangen,
Die Erde jetzt erst für sie hingebreitet,
Und keine Knospe, noch Aurikel weiß
Von jenen alten erdberühmten Kön'gen
Des längst verräumten Puppenspiels – von Xerxes
Und Artaxerxes, Cäsar und Herodes,
Die wen'ger sind, als heut' vier Gänseblümchen.
O schönes reines Leben dieser Blumen,
Der Bienen, die um diese Blumen surren,
Und dieser Lerchen – die um alten Tand
Und neuen, und um allen künft'gen Tand
Nicht wissend, seligsingend droben schweben!
Der Menschen Qual vergessen, macht so selig,
Wie Veilchen, Bienen und wie Lerchen sind;
Der Menschheit schönes Daseyn, schönes Ziel
Vor Augen haben und im Herzen tragen,
Das aber macht den Menschen göttergleich.


28.

Was seines Gleichen neu und jung hervorbringt,
Sey das nun Pflanze, Vogel, Fisch und Mensch –
Ist sterblich. Tulpen heißen drum: – die Tulpe!
Und alle Schwalben heißen drum; – die Schwalbe,
Als wären sie nur eins, und sind nur Eine,
Dieselbe, die zum ew'gen Frühling kommt!
Doch was nicht stirbt, bringt seines Gleichen nicht
Hervor: denn selber lebend steht es da
Statt tausend Kinder, so wie Sonne, Mond
Und Sterne. Willst du nun unsterblich seyn,
So bringe nichts hervor, als Göttliches
An Schönheit, Wahrheit, Sittlichkeit; nichts andres,
Als was du selber bist und werden kannst
Aus dir: – das ist das schöne Werk der Kunst,
Das wahre Wort, die gute That. Das bleibt!
Es pflanzt sogar sich fort, vermehrt sich himmlisch
Und währt doch selbst, wie Sonne, Mond und Sterne.


29.

Um mich im Grase weidet sanft ein Lamm,
Ein sogenannt unschuldiges – doch ist es
Ein gräßlich Ungeheuer für die Blumen,
Die es zertritt, zerreißt, zermalmt, verschlingt,
Wie kaum der Tiger jemals Lämmer würgt.
Wie groß ist diesen Blumen schon das Lamm!
Wie ehrfurchtswürdig ist dem Lamm der Hund,
Wie göttergleich dem Hund' erscheint der Mensch,
Der sichtbar wie allmächtig um ihn wandelt,
Ihn sichtbar nährt, beschützt, ihm freundlich ist!
Du aber stehst, o Mensch, so götterbar,
So schutzlos; über dir das leere Blau,
Und was da lebt, liegt alles unter dir.
O hätte doch der Erde großes Kind
Auch einen solchen Halbgott, solchen Vater,
Wie seine kleinen Kinder an ihm haben! –
Und sieh', dies Wunder – dieser Riese ist!
Er lebt! Ein ganz Geschlecht der Riesen wohnt
Bei Menschen, auf der Erde sichtbar wandelnd.
Der Mensch hat seine Götter neben sich
Auf Erden, die sie hold mit ihm betreten,
Und zu demselben Sonnenlichte schaun;
Und daß man ihnen glaube: – im Geschlecht
Der Menschen selber wachsen sie empor!
Wie aus dem Eidechsvolk der Alligator,
Wie aus dem Baumgeschlecht die Riesenpalme,
Wie Platinagekörn im Gold! Sie sind
Schutz, Retter, Rath, Trost, Halt der Menschenkinder,
Um welche sich die Knaben sammeln, welche
Die Männer freudig anschaun und sie hören.
Wer sind denn nun des Menschenvolkes Riesen?
– Wie Gold nicht alle Massen Goldes zwar,
Jedoch im Fingerring selbst wahres Gold ist,
Wie Liebe ist des Gottes Göttlichkeit: –
So sind die Liebevollen, Weisen, Guten
Die wahrhaft Göttlichen, Halbgötter, Götter;
Und so sind sie genannt in allen Schriften.


30.

Auch du kannst Wunder thun; sieh' alle Weisen
In allen Zeilen thaten Wunder einst
Und thun sie immerfort. Sie machen Blinde
Zu Sehenden, zu Hörenden die Tauben,
Die Kranken heilen sie und sprengen Ketten
Der Sklaven, und bereiten allen Armen
Das Himmelreich. – Vernunft allein thut Wunder,
Gewalt der Wahrheit zwingt der Menschen Herz.
Wie viel Geschlechter hörten! Wie viel Völker
Bekommen Augen! Wie viel Legionen
Der Cherubim bedienen jetzt den Sohn
Des Paradieses! Wie viel Teufel fahren
Jetzt in die Säue, stürzen sich in's Meer
Des Unsinns und der Lüge! Glaubet nur:
»Ihr werdet größ're Wunder thun, als ich!«


31.

Die Werke, ohne welche sich die Spinne,
Die Wespe und das Krokodil, der Tiger,
Selbst die Hyäne nicht das Leben fristet:
Und wenn's, den Tiger zu verschlingen, wohl
Ein wenig Zorn der Riesenschlange kostet,
(Vergieb es ihr – auch du bist oft so hungrig,
Und Lust bedarf's, den Pelz auch mitzuessen!) –
Und all das tausendfache, tausendjährige
Gewürge in dem Wassermeer und Luftmeer,
Auf allen Sternen rings, im Wald, auf Erden:
Es ist dem klaren Menschensinn nicht mehr,
Als wenn ein Veilchen einen Tropfen Thau schlürft,
Als wenn ein Mensch zu seinem Tische tritt
Und betet: Herr, dein Knecht will essen – leben!
Denn Essen ist die große Noth der Welt,
Und ganze Ströme Lebenstrank verschlingen
Die Sonne und Gestirne immerfort,
In jedem Tropfen Fülle von Geschöpfen,
Selbst Geister sollen sie auch zu sich nehmen.
Nun sieh', an meiner Fensterscheibe hält
Die Wespe die Schönfliege fest; sie zehrt
Die Lebende allmählig auf, sie höhlt
Sie aus – und könnte selbst die schöne Fliege
Des Davids Psalmen beten, schreien, wimmern,
Sie würde nicht! sie fühlt nicht Menschenschmerz,
Des fein gewirkten Menschen Angst und Gram,
Sie saugt mir Honig, sterbend, von der Hand,
Sie ahnet nicht den Tod, sie ist nur Brod;
Dem Krokodil ist selbst der Mensch nur Brod;
Und wie dem Menschen hunderttausend Thiere
Nur Brod gewesen, so nun ist er Brod
Einmal dem Thier; wie Er der Tod gewesen,
So ist ihm die Natur nun in dem Löwen
Der Tod. Nichts Andres. Und ist Unglück hier,
Ist Schmerz – kein Böses ist hier nicht!
Denn äße eine Wespe nur aus Bosheit
Je eine Fliege, dann verschüttete
Mit Recht der Himmel sich auf immerdar!
Der Gott ist nicht: Ur-krokodil, Ur-tiger,
Wie man die Schrecklichen sich eingebildet;
Das Krokodil sogar ist kindisch noch,
Ein Kind der Hecht im See, der, seine Beute
In Zähnen, tagelang mit ihr dahinschwimmt.


32.

Du hast mich hier herausgesandt, o Vater,
Und hier nun steh' ich unter deinen Wolken,
Dort deinem schönen Himmel gegenüber,
Auf deiner feierlich geschmückten Erde!
Du hast mir Macht gegeben über Geister,
Die mir zu dienen angewiesen sind,
Gewalt – selbst über deine besten Kinder;
Nicht nur die Rose, die ich brechen kann,
Nicht nur die Blumen, drauf ich wandeln mag –
Ich kann den Menschen, wenn ich will und möchte,
Zerstören, fort von dieser Erde schicken!
Ich kann die Seele, die mich liebet, kränken;
Selbst ganze Städte kann ich mit der Fackel
Von deines heil'gen Feuers Gluth vertilgen,
Vergiften ihre Kinder aus dem Brunnen,
Und niemand wehrt mir – niemand wüßt' es ja,
Als ich und du! Ich kann mir selbst mich opfern,
Und deine Hallen sprengen vor der Zeit!
Und du, du mußt, ob auch mit Widerwillen,
Du mußt das Grab mir öffnen und die Hallen
Der Todten, aller Seligkeiten voll,
Und noch den Becher der Unsterblichen
Mir reichen – auch mit abgewandtem Antlitz!
O neige dich zu mir! das himmlisch schöne,
Das reine Antlitz neige stets zu mir:
Und was auf Erden, was bei Menschen dir,
Was dir von fern nur ähnelt, wie dein Schatten,
Das will ich ehren! lieben so wie dich!
Sey du es in Gestalt der Kinder nun,
Sey du es in Gestalt der schönen Jungfrau,
Sey du es in Gestalt des Silbergreises,
Sey du es in Gestalt des blinden Bettlers,
Ja sey es in Gestalt der Schwalbenmutter,
Der bunten Taube, jener Lerche droben –
Ich will sie auf den Händen tragen, kostbar,
Als hätt' ich dich, so klein, so hold, so eigen!
Sey du es in Gestalt des Regenstromes,
Ich will dem heil'gen Wasser aus den Wolken
Ein Gräbchen schaufeln, daß es munter rinne.
Sey du's in meiner eigenen Gestalt,
Sey du's in meinem Geist und meinem Denken –
Ich will mich selber, will dich also ehren,
Daß dich zu ehren meine Ehre sey,
Daß dich zu freuen meine Freude sey,
Daß dein zu seyn mir ewig Leben sey.


33.

Aus allen Dichtern, seit der grauen Urzeit,
Aus den Gedichten selber und den Märchen,
Aus allen Wesen, die ihr Wort gesprochen,
Aus ihren Worten selbst und Weissagungen,
Aus allen Malern, die ihr Bild gemalt,
Aus allen Guten, die ihr Werk gethan,
Aus allen Kämpfern, die den Kampf gekämpft
Mit Leibern, Seelen, Drachen und Tyrannen, –
Aus allem wird der Mensch! das einzige
Von allen Wesen, das noch immer wächst,
Wenn Fels und Wolke, Löwe und Cypresse,
So wie ein Ei den Eiern allen gleichen.
Drum traue du dem Mann, der spricht: Nicht Einer
Der Menschen alle war der Menschen Höchster,
Noch was er lehrte, wird das Letzte seyn,
Noch was er schuf, das wird das Schönste bleiben;
Du glaubest dem und liebest den, der groß
Im großen Geist: den großen Menschen dir
– Wenn jetzt auch in Gedanken nur – erbaut
Zum Wundermal und zur Geduld der Menschheit!
Nun siehe ruhiger den Einen baun,
Den Andern schiffen; Jenen dort im Tempel
Sich seine Menschengötter fromm beräuchern,
Den tadeln; Jenen loben; Diesen steigen,
Den fallen und begraben; sieh' sie alle
Als Erz zu einer großen Glocke an,
Die einst des Himmels volle Stimme hat,
D'rin jedes Korn der Eine Götterhall
Durchsaust, den jedes in ihr von sich tönt
Mit Kraft und Silberschall der ganzen Glocke.


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