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Anthologie aus den Werken

Leopold Schefer: Anthologie aus den Werken - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleAnthologie aus den Werken
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180920
projectid11ebf605
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Götter der Zeit.

Wie die Wellen des Himmels Farbe, nehmen die Menschen die Farbe der Zeit an, und theilen sich gleichsam in den Geist, der über dieselbe ausgegossen erscheint. Das junge Mädchen läuft an der Mutter Hand in den Tempel, in welchen diese geht; an der Türkin Hand in die Moschee, an der Römerin Hand in die Marienkirche, wie einst in den Tempel der Isis oder der Venus, und staunt den weißen Stier an, oder die schwarze Kuh, als das höchlich und einzig Heilige. Es lernt die Gebete mit der Sprache, die Sitte mit den Jahren durch Aug' und Ohr, und so wird denn der ewig gleiche Himmel, die ewig gleiche Erde ein immer anders gefärbtes Bild; das Menschengeschlecht, im Herzen und an Gestalt und Leben und Gütern des Lebens nur Eines, wird ein Vielfältiges und doch sich Aehnliches bis auf Lächeln und Weinen. Wie die Gewohnheiten und Sitten der Menschen, so sind die Erfahrungen, so bilden sich die Grundsätze, auf welche die aus der Tiefe der Natur und Vergangenheit heraufschallenden himmlisch-reinen Gesetze nur sehr schwer und sehr allmälig Einfluß gewinnen und die Menschen verwandeln. Der Sitte der Zeit und des Ortes zu folgen, weil Niemand anders könnte, tadelt auch Niemand, ja es wird dem zum Vorwurf, der seine Götter verläugnet, nicht das hochachtet, was die Zeit hochgestellt, nicht das verwirft, was sie verworfen, so sehr es einst geachtet war, oder einst geachtet werden möchte. Besonders tadelt Niemand das weibliche Geschlecht, wenn es fast unbedingt glaubt, lobt, tadelt, begehrt und verabscheut, wie die Männer ihnen darin vorangehn – denn das Weib ist dem Manne beigegeben. Kein Weib hat je eine große Erfindung gemacht, je der Welt eine neue Gestalt aufgedrückt durch einen ursprünglichen Gedanken, eine That oder ein Werk. Wie ein Kanarienvogel vergißt sie oft über dem, was ihr vorgesungen wird, ihren angebornen natürlichen Gesang. Nur im Manne liebt die Natur neu hervorzutreten und die Zeiten zu verwandeln; er bricht neue Bahnen, rottet Wälder aus, bauet Häuser, und das Weib richtet sie ein und pflegt und pflückt die Blumen, und lehrt die Kinder, wie es die Männer gelehrt. Nehmen aber selbst Millionen Männer fremde, schöne Gedanken wie Blumenstaub in ihre Seele auf, bilden sie weiter aus ihren eigenen Lebenskräften und gleichen von einem Magnet bestrichenen Stäben, die für sich nur Eisen sind und Eisen bleiben; so darf es uns noch weniger wundern, wenn Weiber, wenn junge Mädchen nicht nur die Farbe der Zeit der Männer annehmen, sondern Gedanken, Neigungen, Vorliebe von Weibern aus ihrem Kreise süß in ihr Herz ziehen und zu erlangen suchen, ja in junger, schöner Gestalt das wirklich erreichen, was ihre befruchtenden Mütter oder Erzieherinnen, in andere Verhältnisse schon verflochten und unbegünstigt von Jahren, Geschick und Schönheit, als leisen Herzenswunsch nur in Seufzern verhauchten. Indeß gehören auch eigene Augen dazu, mit fremden Augen zu sehen, und ein eigenes Herz, um der Welt nachzufühlen! und wie des Feldherrn Schlacht das Blut des Gemeinen kostet, so gilt das Leben einer schon ausgebildeten Welt, in die wir treten, unser Leben, und ist uns eigen mit unsern Tugenden und Fehlern. Denn die Natur bleibt mit ihrem heiligen und unwandelbaren Gesetze über und neben jedem Geschlechte. Und Alle, die ihr folgen, sind in allen Zeiten sich gleich, wie ein Veilchen von heute noch duftet, wie jenes erste, das sie erschuf.


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