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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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Achter Teil.

1.

Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt, Moskau zu verlassen.

Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet worden.

Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten. Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und, wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur Versendung an die Buchhändler gelangt.

Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde, Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber, die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten, sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.

Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.

Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen. Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem allgemeinen Spott anheimgefallen war.

Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.

Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.

Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.

Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten – und offenbar hatte es fast niemand gelesen – vollständig klar wurde, das ganze Werk sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren – wie die Fragezeichen bewiesen – und der Verfasser des Buches ein völlig unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend verhalten konnte – aber das alles war doch höchst traurig. –

Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte, blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.

»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann, der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.

Auf diese Kritik folgte ein tötliches Schweigen über das Buch, sowohl in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk erfolglos vorübergegangen war.

Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.

Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie Zeit und Geisteskraft.

Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage, des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.

Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle, Konzerte, Essen, Speechs, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser – alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.

Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb, war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah, daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung dienen.

Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger. Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus, der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit Worten, sondern mit der That.

Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch erfreuliche Erscheinung – die Offenbarung der allgemeinen Meinung. – Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.

Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.

Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu seinem Bruder zu gehen.

Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen, reiste mit ihm zusammen.

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