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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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31.

Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich, und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten, beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu und klinkte sie ein.

Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre – Anna entkleidete sie in Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit – und ein junges Mädchen, welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.

»Bei Katharina Andrejewna – alles bei ihr – ma tante!« rief das junge Mädchen.

»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna. Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger, ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd, trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.

»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«

Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich nach ihrer Ecke und setzte sich.

Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam, aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte, begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche klägliche Ausgeburten hassen.

Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es nicht hören zu müssen.

Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte sich.

»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend, dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit dem Vorhang.

Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an, bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich einzuatmen und wieder zu grübeln:

»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre; dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was soll man da thun?«

»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.

Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.

»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte, und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze. Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug, aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren Gedankengang weiter.

»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat, wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr, alles Lug, alles Trug, alles böse« – –

Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und was sie hatte thun wollen.

Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten, bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe für den Grafen Wronskiy hier sei.

»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«

Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.

Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen hatte.

»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.

»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am Atmen behinderte.

»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,« dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude vorüber.

Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend, mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.

Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle? Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von dem Bahnsteig entfernend.

Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser Mittelpunkt vor ihr befinden würde.

»Dahin!« – sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin von allem erlöst; wie von mir selbst.« – –

Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin, mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.

Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung, als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« – Sie wollte sich wieder erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte, flammte in noch hellerem Glänze empor als je, und erleuchtete alles vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte, verdunkelte sich und erlosch auf ewig.

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