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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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29.

Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.

»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.

»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin sie fuhr.

»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares, Unbegreifliches und Neugier Erregendes. – Wovon mag der da wohl mit solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger blickend. – »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet? Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben. Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. – Wenn ich gewollt hätte. – Ich habe auch gewollt! – Der dort ist zufrieden mit sich selbst« – dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt, und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber überzeugte, daß er geirrt habe.

»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht. Ich kenne nur seine appetits, wie die Franzosen sagen. – Die da möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei. Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig. Ich Kity – Kity mich! Das ist die Wahrheit. – ›Tjutkin, Coiffeur. – Je mais fais coiffer par Tjutkin.‹ Dies werde ich ihm sagen, wenn er kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei, alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen, daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist Gerechtigkeit! –

In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst über ihre Lage nachzudenken aufgehört hätte, fand sie sich, als der Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.

»Ist Antwort da?« frug sie.

»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr kommen. Wronskiy.« – las sie.

»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«

»Nein,« antwortete der Portier.

»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.

Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die Gegenstände in diesem Hause – alles forderte in ihr Widerwillen und Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.

»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren,und ist er nicht dort, zu ihm selbst und ihn überführen!«

Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«

Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der Gräfin, auf der Strecke Nishnegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und dort zu bleiben.

Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie hinausging.

Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein klarer, noch warmer und sonniger Abend.

Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich schlechte Laune hatte – alle waren ihr widerlich und reizten sie mit ihren Worten und Bewegungen.

»Ich brauche dich nicht, Peter!«

»Aber das Billet?«

»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.

Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt, nach dem Bahnhof zu fahren.

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