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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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28.

Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am lebhaftesten ist.

In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte, ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich. Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu welcher sie sich hatte führen lassen.

»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne ihn nicht leben?«

Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und Niederlage. – Zahnarzt – ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten, mich zu erziehen. – Philippoff, Kalatschenkauf. – Man soll den Teig auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« – und sie erinnerte sich, wie sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das, was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.

Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein, wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. – Wie übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur fortwährend? – »Moden- und Putzwaaren« – las sie weiter. Ein Mann grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken. Und ich will sie verhüllen.«

Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie traurig, wie niedrig das ist!

Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen da und spielen Pferd. – Mein Sergey! – Alles verliere ich und ihn kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig – immer aber doch unglücklich –hilf mir! – Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich komme ich mir selbst in diesem Wagen vor – alles ist ja sein; doch ich werde nichts mehr davon sehen.« –

Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.

»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.

»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.

»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,« dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt es, sich mit mir vereint zu haben.«

Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr Gespräch störte.

»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« – sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«

»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich umschauend, um Kity zu sehen.

»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«

»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«

»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«

»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«

»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen bleibend.

»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das, hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna, während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn! O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«

Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen? Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles gleichgültig ist.«

Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend zurück.

»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich nicht im geringsten.«

»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.

Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.

»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und rot werdend.

»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten – sie ist vielmehr sehr erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« –

Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte, kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.

»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.

Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging, und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle Feindseligkeit sogleich verschwunden.

»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings, Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.

Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.

Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von alledem interessierte Anna.

»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.

»Wann fahrt Ihr?«

Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.

»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd. »Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten. Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie, augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«

»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.

»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«

»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen blickend.

»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.

»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«

»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«

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