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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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26.

Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz zerrissen war von Verzweiflung und schweigend weiterzugehen mit diesem gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte – das war klar. – Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen, die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.

»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen, wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«

Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.

»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.

Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson, die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist, und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« –

Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es war also wohl alles vorüber.

Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe, den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte, erschien klar und lebendig vor ihr.

Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht, erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht – es war nichts mehr nötig. Nötig war nur Eines noch – ihn zu strafen! –

Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.

Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen, niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte, und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.

»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen, »wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen? Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« –

Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon, bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.

»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.

»Nein – aber doch – nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl, daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die Wangen flössen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich hastig nach seinem Kabinett.

Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran, und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend. Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte; aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer, währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.

Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche, französische Worte sprechend, während sie – wie stets unter diesem Alpdrücken – empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete, daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete, sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete – über ihr. –

Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.

»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte, und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend, einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.

Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen Schritten die Treppe hinabeilte.

Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe und ging zum Wagen. Das junge Mädchen in lilafarbigen Hut übergab ihm ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.

Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr krankes Herz.

Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in Kenntnis zu setzen.

»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und Papiere von maman gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.

Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.

»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand, »morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«

»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.

»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« –

»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.

»Das wird unerträglich!«

»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.

Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen, doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.

Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.

»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig – sie nicht mehr zu beachten« – und machte sich fertig, in die Stadt zu fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die Vollmacht haben mußte.

Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt. Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte. Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen Handschuh anstreifend, in die Ecke.

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