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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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25.

In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.

Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh öder spät am Tage abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke, und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als gewöhnlich, bei ihr eintrat.

»Ich muß sofort zu maman, fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.

Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.

»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich: vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man thut wie ich wünschte. – »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf Annuschkas Arme packend, auf welcher bereits ein Berg Leinen ruhte.

Wronskiy verzehrte gerade sein Beafsteak, als sie in den Speisesalon trat.

»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts Schrecklicheres als diese chambres garnies. Es liegt kein Ausdruck, keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese Tapeten – sind wie ein Alp. – Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«

»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«

»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich veränderte sich ihr Antlitz.

Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein Telegramm aus Petersburg auszubitten.

Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich dann hastig zu ihr.

»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«

»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.

»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.

»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es zwischen Stefan und mir geben?«

Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu bringen.

»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«

»Über die Scheidung?«

»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich versprach er einen entgültigen Bescheid. Da lies.«

Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das, was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«

»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir etwas zu verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.

»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr, als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«

»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag, und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie ich.«

»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,« sagte er.

»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie, mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte, sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb wünschest du Klarheit?«

»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte er.

»Kinder wird es nicht geben.«

»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.

»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. –

Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte. Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre Schönheit nicht schätze.

»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin, daß ein großer Teil deiner Gereiztheit von der Unbestimmtheit unserer Lage herrührt.«

»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute. »Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß der Grund meiner Gereiztheit – wie du es nennst, der sein kann, mich vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«

»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst.« unterbrach er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«

»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.

Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den Lippen verursacht hatte.

»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die Tasse niedersetzend.

»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«

»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz – sei es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde – ohne Interesse ist, und ich es nicht kennen mag!«

»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«

»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück und die Ehre des Sohnes beruht – hat kein Herz.«

»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng anblickend.

Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.

»Du liebst deine Mutter nicht. – Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!« – sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.

»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« –

– »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte ihn und blieb.

Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen haben könne – warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles erfahren würde, – sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu konversieren.

»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.

»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde, ich muß Mittwoch verreisen. Wenn reist Ihr?« antwortete dieser, mit den Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß ein Zwist obgewaltet hatte.

»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.

»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«

»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit Jaschwin fort.

»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« – er wies auf seine Seitentasche – »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander – und darin liegt das Vergnügen.«

»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus Eurer Frau.«

Jaschwin brach in Gelächter aus.

»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals vorgenommen!«

»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«

»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu Jaschwin.

»O Gott, wie oft. Aber – merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous kommt – ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«

»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.

Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich und verließ das Zimmer.

Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber, von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.

»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.

»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen. Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie sich selbst bestrafen will, tant pis pour elle!« Im Hinausgehen aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich plötzlich in Mitleid für sie.

»Was ist, Anna?« frug er.

»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.

»Ah, nichts, dann – tant pis,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte. Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.

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