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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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23.

Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.

Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.

Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze, seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren – unerträglich geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr bestand.

Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht, sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung, welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern, nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander zu zeigen.

Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten, Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen Beanlagung nur Eins – die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen – und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.

Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten, insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig, daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin Sorokina zu überreden.

In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau – zwischen Himmel und Erde – durchlebte, die Langsamkeit und Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung – alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben; daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub, so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie auf ewig von ihrem Sohne getrennt war. Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen, beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie reizte.

Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war – und überdachte nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen waren, in allen Einzelheiten.

Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen, kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos, und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für dieselben eingetreten war.

Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.

Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.

»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl erwartet,« sagte sie.

Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun, geantwortet:

»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich sehe, daß sie nicht natürlich ist.«

Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.

»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.

Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl beigelegt aber nicht vorüber war.

Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.

»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.

»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche, ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war, erschrak sie über sich selbst.

»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn, bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt, sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen bin, obwohl ich es nicht war – und wir wollen dann abreisen,« und um nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen, schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die Reise aufs Dorf herbeizubringen.

Um zehn Uhr kam Wronskiy an.

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