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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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21.

Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin Lydia Iwanowna.

»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer, indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.

»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der Portier gemessen.

»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber doch Wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's gewiß.«

Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon die Lampen.

An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers, die Wand mit den Porträts betrachtend.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach dem unbekannten Manne.

»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die beiden miteinander bekannt.

Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch wechselten einen ausdrucksvollen Blick.

»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin anweisend.

»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff, wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«

»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich. Es ist ein solcher Schlag für sie.«

»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört, sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.

»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte, zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.

Ein minutenlanges Schweigen trat ein, woraus die Gräfin Lydia Iwanowna, gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit seinem Lächeln zu Oblonskiy sagte:

»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen zu lernen. Les amis de nos amis sont nos amis, aber um ein Freund zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,« sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.

»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey Aleksandrowitschs« – sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.

»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend, »sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden, und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«

»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« – sagte Stefan Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er sie anzugehen hätte.

»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.

»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« –

»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey Aleksandrowitsch schauend.

»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur, daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon spricht.«

»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«

»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied in den Überzeugungen und dabei« – sagte Oblonskiy mit geschmeidigem Lächeln.

»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«

»Ja, ja, gewiß, doch« – und in Verlegenheit geratend, verstummte Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion handelte.

»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna herantrat.

Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf und lächelte kindlich -naiv.

»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« – begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische. »Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der Religion gegenüber sind.«

»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.

»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem Lächeln an ihn wendend.

»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.

»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln, »ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen könnte.«

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.

»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen, welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul traf.«

»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.

Landau erhob sich und trat zu ihnen.

»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.

»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«

»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt lächelnd.

»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.

»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. – Pardon,« fügte sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.

»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.

»So ist es; das ist ans dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet, wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal gesprochen hätten.

»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet! Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; ›ich habe keine Werke, also auch keinen Glauben‹ und doch ist dies nirgends gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«

»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche. Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.

»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit seinem Blick billigend.

» Vous comprenez l'anglais?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich, nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen Bücherbrett in den Büchern zu suchen.

»Soll ich ›Safe and Happy‹ oder › Under the Wing‹ lesen?« sprach sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.

Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.« Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.

»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! – Ja,« sprach sie, die Stelle in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist das Glück, welches der Glaube verleiht!«

»Ja, ja, das ist viel« – sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben, von hier fortkommen.«

»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«

»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und schloß die Augen.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll an und die Lektüre begann.

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