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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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19.

Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der Meldung:

»Sergey Aleksejewitsch!«

»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich, und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm ist. Und mein Stefan – wenn es möglich wäre; es wird doch möglich sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre« bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stände zu bringen, daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.

Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam, daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.

»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben feine Gesundheit wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt gut.«

»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden, doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der Schule erhalten hatte.

»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«

»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«

Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.

»Ich besinne mich, mon oncle,« antwortete er, auf den Oheim blickend und wiederum in Verwirrung geratend.

Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.

»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl er nicht recht wußte, was er sagen sollte.

Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte, eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.

Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum letztenmal gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war, bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu gewöhnen.

Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer, als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater, bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen, hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.

Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen, und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe, unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.

»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere; Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nur ist es schwer dabei den Kondukteur zu machen.«

»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«

»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu sprechen, hielt er es doch nicht aus.

»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.

»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und schlug, purporrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun nichts mehr ans ihm herausbringen.

Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne oder weine.

»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«

»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hatte dies ja doch niemand bemerkt. Das ist doch sicher wahr!«

»Nun was aber ist Euch denn dann?«

»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.

 

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