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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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18.

»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen, und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.

Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.

»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend und sein Pincenez zusammenklemmend.

»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich wende mich jetzt zu dir – nicht zu dem beleidigten Gatten« – wollte Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen. Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.

»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.

»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen habe – ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht – du würdest Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich entsetzlich.«

»Mir schien.« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer, fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das, was sie selbst gewollt hat.«

»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen! Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt – die Ehescheidung.«

»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.

»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast ihr alles bewilligt – die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt; bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit, haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«

»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.

»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus, daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle, alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«

»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt, daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch versprochen.«

»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« – Aleksey Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und mit bebenden Lippen.

»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das Eine – sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch, du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage. Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben, so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine Entscheidung erwartend. Das ist doch Wohl ganz das Nämliche, als wenn man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf mich nehmen die Sache zu ordnen! – Vos scrupules« –

»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«

»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«

»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert, wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das Versprochene erfüllbar ist.«

»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« –

– »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. Vous professez d'être un libre penseur, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so wichtigen Angelegenheit nicht Wider das christliche Gebot handeln.«

»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« –

– »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«

»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« –

»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme, »ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen – dieses Gespräch« –

»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih' wenn ich dich gekränkt habe,« beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag übermittelt.«

Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.

»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem Nachdenken.

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