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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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15.

Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.

Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren. Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her? Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt eine Veränderung vor sich. Was es war – das sah und erkannte er nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.

Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit den am schweißbedeckten Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte sie dieselben an ihr Gesicht.

»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg, sie stören mich. Hast du auch keine Angst? – Bald, bald, Lisabetha Petrowna!« –

Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.

»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!« schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu vergleichende Schrei.

Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.

»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach.

Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.

»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den eintretenden Arzt am Arme packend.

»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte, als ob sie stürbe.

Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr, es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze des Entsetzlichen gelangt – verstummte es plötzlich. Lewin traute seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen, sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die ein leises »vorbei« hervorbrachte.

Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend, schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn lange Zeit am Sprechen verhinderten.

Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen auf dem Leuchter, ein lebendiges menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.

»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand klatschend den Rücken des Kindes schlug.

»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys.

Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.

Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens, das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.

Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei ihnen sein werde – er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber, in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.

Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich. Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte, überflüssig, überzählig.

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