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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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9.

»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier.

Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise zu überlegen und sich zu fragen. ob er gut daran thue, zu Anna zu fahren. Was würde Kity sagen?

Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen, und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.

»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.«

»Weshalb denn besonders jetzt?«

»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine, das deine.«

»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.

»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara, hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält. Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie ist. – Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« – rief Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend. »O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.

»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich mit dieser?« sagte Lewin.

»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, une couveuse,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe das Manuskript Workujeff gegeben – du weißt, der Verleger – er ist ja selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch genommen ist.«

»Also etwas Menschenfreundliches?« »Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten – ich meine Wronskiy – einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache, aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken – delirium tremens – und die Familie war verlassen. Da erblickte sie die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst dieses ja sehen.«

Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.

Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.

In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.

Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur Antwort »Herr Workujeff«.

»Wo ist man?«

»Im Kabinett.«

Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden, traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem wunderbaren Bild.

Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren verwirrenden Außen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.

»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.

Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts, in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung, nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.

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