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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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8.

Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.

»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!«

»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.«

»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches, nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen geboren worden sind.«

»Was ist das, Ruinen?«

»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt, so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.«

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch gleichviel! – Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots! Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, ›he, Wasiliy, wer ist denn alles gekommen? Sind Ruinen mit dabei?‹ Wasiliy antwortet ihm: ›Ihr seid die dritte darunter.‹ – Ja, Bruder; so ist es.« –

Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß – hierauf durch das Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen hatte, viele Setzende drängten.

Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische Neuigkeit.

»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen, hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es heiter zuging. Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer, und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in einer entfernten Ecke des Zimmers.

»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.

»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.

»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von sich zu lassen.

»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide gute Menschen seid.«

»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.

Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.

»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend.

»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch.

»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy.

Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten dies. »Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in Verbindung bringen. Komm Lewin!«

»Solltet Ihr?« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.«

»Nun, steht es schlecht mit ihm?«

»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.«

»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du?« Schön!« sagte Stefan Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur.

»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.

»Stoßt!«

Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend, auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das »Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.

Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem Arm.

»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin willst du für den Abend gehen?«

»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du willst,« sagte Lewin.

»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien. Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.

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