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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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7.

Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in früherer Zeit davon erhalten hatte.

Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten, während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Galoschen gleich unten abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, aus dem Treppenabsatz die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten, altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte – da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung, Vergnügen und Noblesse.

»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel, den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben. Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.«

Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden Männer Erwähnung.

Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend, überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.

Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.

»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu, die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste eingeklemmt hatte.

»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.«

»Aha, Alina – Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr. Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,« sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit Quappensuppe.

»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach all den angestrengten geistigen Unterhaltungen, war ihm die gutmütige Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.

»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da sein!«

Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte beide miteinander bekannt.

»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.«

»Da ist er ja!«

»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!«

Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man konnte Wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische zurück.

Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote, die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.

»Das ist etwas von der Art, wie ›dies gerade kann ich gar nicht vertragen!‹ – Weißt du?« – frug Stefan Arkadjewitsch.

»Ach, das ist reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu erzählen.

»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.

Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.

»Wer ist dies?« frug Lewin.

»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist ein vortrefflicher Mensch.«

Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.

Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich. Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.

»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiys die Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die Hand entgegen.

»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon weggefahren.«

»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin, »das war ein sehr schneller Ritt!«

»Ihr habt doch wohl auch Pferde?«

»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne das.«

»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.«

»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst.

»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den Karten hätte, wie er mit den Pferden.«

»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,« sagte der Oberst und verließ den Tisch.

»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand. Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört, sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.

»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.

»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und lächelte. »Gehen wir!«

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