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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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32.

Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung, daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen. Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte, als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon vernichtet war.

In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem Einen – zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. –

»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln. Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,« dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«

Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben einmal aufhören würde.

Allerdings, es gab da noch ein Mittel – nicht ihn zu halten; denn dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber, sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und entschloß sich, zum erstenmale, darein zu willigen, sobald er oder Stefan zu ihr davon sprechen würden.

In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen, während deren er abwesend sein mußte.

Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara die Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.

Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte, fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.

In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht. Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne es nochmals durchzulesen, mit einem erpressen Boten ab.

Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige. Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes, den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei. Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde, daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren – war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr belästigt werden – wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede seiner Bewegungen kannte.

Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde. Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.

»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die auf ihn zueilte.

Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen Stiefel aus.

»Es ist nichts; ihr ist besser.«

»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.

Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.

»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.

All das gefiel ihm – aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm, blieb auf seinem Antlitz.

»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.

»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu lieben.«

Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara, welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium genommen habe.

»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; – fast nie.« –

Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.

Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet hatte, zu verwischen.

»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du hast mir nicht geglaubt?«

Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht vergeben habe.

»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank, bald wolltest du selbst kommen.«

»Es war alles wahr.«

»Daran zweifle ich auch gar nicht.«

»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«

»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; – es ist ja wahr – du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« –

– »Ins Konzert zu fahren« –

– »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.

»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.

»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer Angelegenheit meines Hauses. – Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar? Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«

»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß dieses Leben dir lästig wird – ja, du kommst auf einen Tag und fährst wieder fort – so machen es« – – »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« –

Doch sie hörte ihn nicht.

»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier. Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« –

»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch hierzu« –

– »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«

»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.

Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen Worte sprach.

Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.

»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr vergessen können.

Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie Eheleute zusammen einquartiert.

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