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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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29.

Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung, da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht gesehenen Freunden.

Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.

Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen Greis in Marineuniform, neben ihm saß, ohne Interesse und ohne Beschäftigung war.

»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß. Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend, und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz ab.

»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner Gutsherr mit dünner Stimme fort.

Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn, einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.

»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu äußern. Eine Schweinerei ist es!«

»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen werden!«

»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist! Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«

»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, fine champagne

Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies Einer der drei Berauschten.

»Ich habe der Marja Sfemionowna stets geraten zu verpachten, weil sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.

»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«

»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.

»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit, daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl gekommen, um an unserem coup d'état teilzunehmen?« sagte er, sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform, welcher mit einem General ging.

»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht wenig verstehe,« sprach Lewin.

Der Gutsherr schaute ihn an.

»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«

»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.

»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.

»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«

»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«

»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«

»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff – – mögen wir gut oder schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.

»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«

»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr, meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch umsonst.«

»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«

»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«

»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber – man fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«

»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den Garten. ›Nein,‹ sagte er da, ›Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.‹ Dabei befindet er sich aber in vollständiger Ordnung. ›Nach meiner Ansicht, würde ich diese Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.‹«

»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen streben müssen.«

»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.

»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«

Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.

»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch, oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu Kapitalverlust geführt.«

»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.

»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem Schaden.«

»Wie wir« – sagte Lewin. »Es ist mir außerordentlich angenehm, Euch zu treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.

»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«

»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.

»Ein wenig.«

»Man hat uns den Mut benommen.«

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