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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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20.

»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,« sagte Auna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend, auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte. »Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag, befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe, Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.«

Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.

»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag – ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es! Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa, und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, c'est intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare. Jeder thut, was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr. Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von seinem Krankenhaus erzählt? Ce sera admirable – und alles aus Paris.«

Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit, das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel, die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje angewendet wurden.

» Une partie de Lown tennis,« schlug mit seinem hübschen Lächeln Wjeslowskiy vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!«

»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug Wronskiy vor.

»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy.

»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna.

So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskiy und Tuschkjewitsch begaben sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu wollen.

Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe, sie beneidete dieselbe sogar.

Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen, sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß.

Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas, aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von alledem, worauf er hätte stolz sein können – es wäre denn sein Reichtum gewesen. –

Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem war, welches sie über ihr Leibchen Vor der Zofe empfunden hatte. So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene Ich.

Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung. Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen habe.

»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte er.

»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon so?«

»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung. »Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!«

Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand, sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.

»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa langweile.

»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese.

»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy.

» Mais il ne faut pas laisser le pauvre Wjeslowskiy et Tuschkjewitsch se morf ondre là dans le bateau. Man muß es ihnen sagen lassen.«

»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna, sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.

»O, ein Kapitalwert,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen gegenüber so gleichgültig verhaltet.«

» C'est devenu tellement commun les écoles,« sagte Wronskiy, »Ihr seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin. – Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.

Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg. Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf einen: erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten legten Ziegel, übergössen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie mit Richtmaßen.

»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy, »als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.«

»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits ausgeputzt,« sagte Anna.

»Und was ist das Neues dort?«

»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem entgegen.

Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb er beim Architekten stehen und begann eifrig zusprechen.

»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche gefragt hatte, wovon die Rede sei.

»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna.

»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt, »es ist außer Acht gelassen worden.«

»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy, welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.«

Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des Krankenhauses.

Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten, gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die Herrschaft zu begrüßen.

»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.«

»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu.

Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle, einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche, dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles, als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.

»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy.

»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly. »Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« –

Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.

»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,« er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« –

Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven Begeisterung.

»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken, während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn hatte verlieben können.

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