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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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17.

Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen. Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt, als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden, schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen herübertönende Geräusch des Sensendängelns verstummte. Einer der Bauern erhob sich und kam zum Wagen.

»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »So lauf doch!«

Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an die Seite des Wagens.

»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?« wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum Herrn selbst?« »Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach Anna fragen sollte.

»Er ist Wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird Wohl zu Haus sein,« wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste – es war eine Menge – Was willst du!« – wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden sie Wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?«

»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend, »also es ist nicht weit?«

»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« – sagte er, mit der Hand nach der Seite des Wagens deutend.

Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.

»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe.

»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.

Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief ebenso. Der Kutscher hielt an.

»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen weisend, welche den Weg daherkamen.

Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskiy und Anna zu Pferde, die Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten, und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.

Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt Anna neben Wjeslowskiy. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif. Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.

Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie, die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus, denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß nichts natürlicher erscheinen konnte.

Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt Wasjenka Wjeslowskiy in seiner schottischen Mütze mit den wehenden Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht verbeißen, als sie ihn erkannte.

Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut, welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete er mit den Zügeln.

Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber gezogen wurde, folgten den Reitern.

Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln. Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.

»Ich dachte es Wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!« sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen war und zu ihnen herankam.

Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.

»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,« sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd dabei seine festen weißen Zähne zeigend.

Wasjenka Wjeslowskiy nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe schwingend.

»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick Dollys, als der Wagen herangekommen war.

»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich Mißvergnügen aus.

Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte. Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.

Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.

»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.«

»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte sie dieselbe mit sich.

Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.

Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit, die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie ernst freundlich Wjeslowskiy antwortete, der sie um die Erlaubnis bat, sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz lehren zu können – alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.

Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly, weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt hatte.

Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl. Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen, den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt, daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig Werft weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.

Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu machend.

»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte mit dem Lindenbast. »Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben hereinbringen; das ginge lebhaft!«

»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskiy zeigend.

»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!«

»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?«

»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« –

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