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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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9.

»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen, hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin, und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend – es sind noch zwanzig Werst – ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.«

»Aber giebt es denn unterwegs nichts?«

»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.«

Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die Plätze waren auch klein – drei konnten nicht auf ihnen schießen. Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe angekommen waren, wollte Lewin Vorüberfahren, doch der erfahrene Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her sichtbare Feuchtigkeit.

»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend.

»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskiy zu bitten, und Lewin mußte einwilligen.

Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.

»Krak! Laska!«

Die Hunde kehrten zurück.

»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich über dem Sumpfe schrieen.

»Nein! – Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskiy.

»Richtig ist das; es wird zu eng! – Laska, zurück; – Laska! – Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?«

Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger. Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und Kibitzen, von denen Wjeslowskiy einen erlegte, war nichts darin.

»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin, »Wohl aber den Zeitverlust.«

»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach Wasjenka Wjeslowskiy, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?«

Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka Wjeslowskiy hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte.

Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskiy vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskiy anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht mit zu lachen.

Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken, daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskiy besiegte ihn wieder durch sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei dem Wagen zurück.

Sogleich bei der Ankunft witterte Krack nach den Maulwurfshügeln. Wasjenka Wjeslowskiy lief als der Erste hinter dem Hunde her und Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel aufging. Wjeslowskiy schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskiy aber war diese Beute bestimmt. Krack fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und kehrte dann zu dem Wagen zurück.

»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er.

Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskiy die Zügel und begab sich in den Sumpf.

Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krack noch nicht gekommen war.

»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch.

»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über seinen Hund, und ihm eilig folgend.

Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten zügeln kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und verschwand.

»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu geben vermochte.

Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf seinen Hund zu.

Eine Bekasse machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm vereinigte sich die Stimme Wjeslowskiys, der in sonderbarer Weise laut rief.

Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen werde, schoß aber gleichwohl.

Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem Wege, sondern im Sumpfe waren.

Wjeslowskiy, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt.

»Hol ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich, nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde loszubringen.

Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskiy ihm und dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren bestehe Ohne Wjeslowskiy ein Wort auf dessen Versicherung, es sei hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem Kutscher daran, die Pferde zu befreien.

Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen und eifrig Wjeslowskiy den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskiy gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine Barschheit wieder gutzumachen.

Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.

»Bon appétit – bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond de mes bottes,« sagte Wjeslowskiy wieder lustig geworden, mit einem französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dein Bocke zu sitzen. Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr.

Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den, Romanzen, welche Wjeslowskiy, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf englische Manier four in hand fahre – und alle fuhren nach dem Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.

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