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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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7.

Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der Beratung über die Weine für das Abendessen.

»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich giebt.«

»Nein; Stefan trinkt nicht – aber Konstantin, so warte doch, was ist denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig, ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka Wjeslowskiy und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.

»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskiy, sich seitwärts auf einen anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.

»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskiy, aufmerksam dessen Fuß betrachtend, aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte, und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren. Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?«

»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!«

»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte Wjeslowskiy bei.

»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit – ich will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« –

»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.«

»In Wahrheit aber nichts.«

»Weißt du, Wjeslowskiy war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werft weit von euch entfernt. Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskiy, komm doch hierher!«

Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity niedergelassen.

»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr wäret also bei ihr? Wie geht es ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.

Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskiy ein lebhaftes und geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gesprach leise geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.

»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.

»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.«

»Was beabsichtigen sie denn zu thun?«

»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.«

»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen konnten. Wann wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.

»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.«

»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine Frau.

»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.«

»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?«

»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.

»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskiy, »sie ist ein sehr anziehendes Weib.«

»Ja,« antwortete sie Wjeslowskiy, noch tiefer errötend, erhob sich, und ging zu ihrem Manne.

»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie.

Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit Wjeslowskiy sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskiy das Vergnügen machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.

»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst abstoßend erscheinender Stimme.

»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,« sagte Kity.

Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.«

»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.

Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick verfolgend, nachgegangen.

Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht, Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu schauen,« schäumte es in ihm.

»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß unterschlagend.

Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen, ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren. Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und war einverstanden damit, morgen zu fahren.

Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit, wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!«

In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.

»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war. »Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskiy, das wäre etwas, wenn du eine Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!«

 

Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit Wjeslowskiy noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in der neuen Romanze.

Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug: »hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskiy nicht gefallen?« da brach es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte, kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.

Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finster zusammengezogenen Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust, als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.

»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß – ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand wagt, zu denken – wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« – –

»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend, sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.

Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.

»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« –

»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so gesprochen – das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« –

»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« – sprach sie, ihn mit leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß ich niemand hier sehen soll?«

In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen; es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung, selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.

»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,« fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, daß er in meinem Hause ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig sein!«

»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.

»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du – jetzt so wie du es stets gewesen, ein Heiligtum für mich – daß wir so glücklich gewesen sind, so selten glücklich – und plötzlich konnte dieser Wicht – nicht Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? – Ich habe mit ihm nichts zu schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« – –

»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity.

»Woher? Woher?«

»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.«

»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt.

Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte, kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.

»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche Thorheit sich quälen!«

»Nein, du nur thust mir leid.«

»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid? Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück zerstören kann.«

»Natürlich! das ist eben das Kränkende« –

»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin, ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen wollen wir fahren.«

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