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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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3.

Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.

Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten Fonds des Ikonastas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.

Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen, und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.

Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort, ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.

Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend »das ist aber doch seltsam« und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in der Kirche erwartend.

Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.

»Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und albernen Lage befunden?« sagte er.

»Ja, es ist dumm,« bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd, »doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.«

»Nein, sicherlich,« sagte Lewin mit verhaltener Wut, »und diese albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!« sagte er mit einem Blick auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. »Und wie, wenn die Sachen schon zur Bahn wären?« rief er voll Verzweiflung.

»Dann ziehst du ein Hemd von mir an!«

»Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!«

»Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es wird sich machen.«

Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.

»Und das Hemd?« rief Lewin.

»Das habt Ihr ja schon an,« versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.

Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar Fräcken.

Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein Geschäft.

Der Diener kam zurück: »Alles war geschlossen – es ist Sonntag heute.« – Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam, aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese jetzt denken mochte.

Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit dem Hemd in das Zimmer herein.

»Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem Fuhrwerk,« sagte er.

Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.

»Damit kannst du nicht mehr viel helfen,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd, ihm hastig nachstrebend. »Es wird sich schon machen, es wird sich schon machen – sage ich dir!«

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