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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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3.

Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.

Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte denselben an sich.

Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen, und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue, freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des geliebten Weibes.

Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft verändert hatte. In ihrer Summe wie in ihrem Blicke war eine Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein Pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert sind.

»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er.

»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu sein, und gestehe dir, daß mir, so Wohl mir auch in ihrer Gesellschaft ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.«

»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,« sagte er, ihren Arm drückend.

»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?«

»Von dem Eingemachten?«

»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen Heiratsantrag macht.«

»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht sicher hätte betreten können.

»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast Wohl bemerkt? – Ich wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte ihm ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte. »Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir wohl erzählt« –

»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« –

»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.«

»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« –

»Kann sein, daß dem so ist – doch muß man ihn eben erst kennen lernen; er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem Gemüt.«

»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?«

»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.«

Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte, daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn auch.

»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich verstehe; daß er mich Wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie hingegen ist ganz Gemüt.«

»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die Meinigen dich lieb haben.«

»Ja; er ist gut gegen mich, aber« –

»– nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?« fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache übersetzend.

»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist – ich habe ihn stets beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich ihn noch darum.«

»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?«

»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.«

»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.

Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend, nicht mehr aufrichtig blieb.

Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ, besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.

»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln.

Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber, erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen ihres Mißtrauens mitzuteilen.

»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er.

»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?«

»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich, daß ich ein Nichts bin.«

»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort, »wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine Ökonomie, dein Buch?«

»Nein; ich fühle es namentlich jetzt – und du bist schuld daran,« sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich dich liebe – aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie nach einer mir aufgegebenen Lektion.«

»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.«

»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen, wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt, ich heuchle« –

»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?«

»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu.

»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« – sie beugte sich nieder und pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und reichte ihm die Blume.

»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen langen Blätter abreißend.

»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!«

»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,« antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.«

»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin.

»Nicht im geringsten!«

»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt Schritt.«

Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.

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