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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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2.

Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen, aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken, womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer für Agathe Michailowna ganz neuen Methode – ohne Zuguß von Wasser – zubereitet.

Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das Eingemachte gut werde.

Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren, und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die Schüssel, im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden.

Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken.

»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein begonnenes Gespräch fortsetzend – »wollen wir jetzt nicht den Schaum abnehmen, Liebe?« – fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,« hielt Kity diese dabei zurück.

»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,« gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück, wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen – nämlich den Schaum. – »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend, »allein« –

»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin und Kity. »Sie schätzen das.«

»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin.

»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.«

»Ein reizendes Muster – so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; – so, wie das von Warenka war es. So hübsch und billig.«

»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel laufen lassend.

»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe Michailowna.«

»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt.

»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity Plötzlich, auf einen Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das Mark einer Himbeere zu picken begann. »Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter.

»A propos de Warenka,« begann Kitt) französisch, wie sie stets sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt, maman, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte. Ihr versteht Wohl, welche. Wie schön wäre das!«

»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.«

»Nun, maman, sagt doch, was Ihr dazu meint!«

»Was soll ich meinen? Er« – unter dem Er verstand man Sergey Iwanowitsch – »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er konnte doch« –

»Nein, seht nur erst ein, maman, warum etwas Besseres für ihn, wie für sie nicht zu denken ist. Erstens – sie ist eine Schönheit!« sprach Kity, einen Finger ausstreckend.

»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly.

»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig – ein gutes, liebevolles ruhiges Weib.«

»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly.

»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch – und soweit wäre alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?«

»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte die Mutter.

»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, maman; mir scheint nur, daß er heute seinen Antrag machen wird.«

»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,« sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit Stefan Arkadjewitsch erinnernd. »Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kith plötzlich.

»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung.

»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war, mit ihm zu sprechen.«

Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens sprechen zu können.

»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.«

»Aber wie entschied es sich? Mama?«

»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« –

»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, maman! Ja, die Augen, das Lächeln,« bestätigte Dolly.

»Aber welche Worte sprach er denn?«

»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?«

»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity.

Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer Verheiratung ihre Leidenschaft für Wronsny kam ihr wieder ins Gedächtnis.

»Aber noch Eins – jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie, in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten. Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.«

»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr? Habe ich nicht recht?«

»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd.

»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das passiert jedem jungen Mädchen.«

»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend.

»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?«

»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.

»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften; ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele, taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran, und beruhige dich.«

»Ich bin vollkommen ruhig, maman.«

»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.«

»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches, ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin geheiratet hatte.

»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.

»Wovon ist denn die Rede ,ich will nicht daran denkend« frug Lewin, die Terrasse betretend.

Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.

»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er, mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben würde.

Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er lächelte aber doch und trat zu Kity.

»Nun, Wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.

»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht es bei dir?«

»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.«

»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll.

»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.«

Lewin nannte die Fürstin nie maman, wie das sonst Schwiegersöhne thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen, ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.

»Fahret mit uns, maman,« sagte Kity.

»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.«

»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz Wohl.« Kity erhob sich, trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.

»Ganz Wohl, aber alles mit Maßen« – bemerkte die Fürstin.

»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen. »Geht es gut nach der neuen Mode?«

»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.«

»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen Platz zum Aufbewahren giebt.« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen Zopf ordnend.

Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.

»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er, und befinde mich Wohl dabei« – sprach sie; der rauhe Ausdruck »er« statt »d

»Wir Wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch nicht.«

»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne Eis wird alsdann niemals ein Rahm darauf kommen.«

 

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