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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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33.

Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin im Theater zu zeigen – hieß nicht nur die Lage eines gefallenen Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser lossagen.«

Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen, und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.

Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu bringen.

»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd, ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz – aber seine Füße und der Kopf – etwas besseres kann man nicht verlangen!«

»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.

Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.

»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren ist.«

Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand auf und knöpfte sich zu.

»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.

»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.

»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen. Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im Gehen noch.

»Nein, ich habe Geschäfte.«

»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.

Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer auf und abzuschreiten.

»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache auch betrachten mag – sie ist dumm, dumm! – Aber warum bringt sie mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.

Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um. Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er ihn mit dem Fuße um. Er schellte.

»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«

Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich, geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen zusammenzulesen anfing.

»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen, lege mir meinen Frack bereit!« –

 

Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem Gange.

Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klange des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in staccato hörbar, sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.

Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin, schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und klatschte.

Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten, gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen, wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten Theater, die ihn nicht interessierten.

Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.

Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.

Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich, suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für diesmal nicht im Theater.

»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist – das wäre so Etwas für dich.«

»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.

»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«

Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.

»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«

Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.

Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah, unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.

In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr, schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen. Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu können, und die Loge stand leer.

Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes geschehen war.

Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem Gesicht Annas, die – er wußte es – ihre letzten Kräfte zusammennahm, um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns, des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte, daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht, daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den Schandpfahl gestellt ist.

In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang im Parterre wählend, stieß er im hinausgehen mit seinem früheren Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen, indem er die Sprechenden anblickte.

»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der Regimentskommandeur.

»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.

Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten ihm auf dem Korridor der Bel-Etage. ,

Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte, reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie er sie nur selten gesehen hatte.

»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« – begann sie.

»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« –

»Wie, du hast nicht gehört?«

»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.«

»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa»«

»Aber was hat sie denn gethan?«

»Mir hat es mein Mann erzählt – sie hat die Karenina beleidigt. Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt, sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.«

»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür der Loge blickend.

»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.«

Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken konnte.

»Guten Tag, Maman; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl.

»Warum gehst du denn nicht, faire la cour à madame Karènine?« fügte sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. » Elle fait sensation. On oublie la Patti pour elle.« –

»Maman, ich bat Euch, mir nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er sich verfinsternd.

»Ich spreche nur das, was alle sprechen.«

Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er seinem Bruder.

»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin – weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen zusammen.« –-

Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte, doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr unterhielt.

»Tenöre giebt es eben nicht mehr. Le moule en est brisé

Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.

»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm schien.

»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie schauend.

»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die Patti zu laut singt. Ich danke Euch.« mit der kleinen Hand im hohen Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand auf und begab sich in die Tiefe der Loge.

Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr heim.

Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.

»Anna!« sagte er.

»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung und der Wut in der Stimme, und erhob sich.

»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« –

»Unangenehm!« rief sie, – »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich dies nicht vergessen! – Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir sitzen zu müssen!« –

»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du dazu herausfordern?«

»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du mich geliebt hättest« –

»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« –

»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich martertest, wie ich mich martere« – sprach sie, mit dem Ausdruck des Entsetzens auf ihn blickend.

Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl aber tadelte er sie in seinem Innern.

Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf das Land.

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