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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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30.

Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter, welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte. Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.

Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern. Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.

»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend und sich Thränen abwischend.

In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei, und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.

Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe, machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte, sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys Gesicht fuchtelnd:

»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und hättest gesagt ,bitte, gefälligst hinaus^ – Du verstehst die Politik sein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!«

»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu ihr.

»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der Kinderstube gehen.«

»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney Wasiljewitsch, habt ihn irgendwie ein wenig zurückzuhalten, den Herrn nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« –

Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen, sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.

»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte sie noch. Sie vernahm Wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften zu sprechen oder aufzustehen.

»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.«

»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.

»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.«

Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand der Herrin..

Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten Amme gegen seine Mutter versetzten ihn in Entzücken.

»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« – wollte er beginnen, hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas wie Scham, was der Mutter sogar nicht zu Gesicht stand.

Diese kam zu ihm.

»Mein Liebling,« sprach sie.

Sie konnte nicht, sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts sagte es, und er verstand.

»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« – doch weiter Vermochte sie nicht zu sprechen.

Soviel Worte sie sich, auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte sagen können – jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. – Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand, daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig, und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr. Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:

»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.«

Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke, wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.

»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß bist, dann wirst du urteilen können.«

»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung, durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.

»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen, so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.

Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.

An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut.

Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür hinaus.

Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.

Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend, die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.

Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte, und brachte sie wieder mit nach Hause.

 

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