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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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16.

Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet.

»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, stießen hier in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft, die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.«

»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst. »Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von ihrem Geschrei hört man nichts weiter.«

»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu seinem Bruder wendend.

Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort.

»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,« begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts zu thun – nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! – und bezieht doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.«

»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache.

»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt, so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen Brüder« –

»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. ›Ihr meint doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! – Einer erklärt ihn denn auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen voran!‹« –

»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie in der Legion der Auserwählten ständen.

»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch nur hinderlich sein.«

»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst.

»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« – begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn.

»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung. Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an Kraft.«

»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit, für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu, das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr beschäftigten.

»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff.

»O, Ihr wißt es schon!«

»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete Katawasoff mit lautem Lachen.

– »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht Christus« – entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt hatte.

»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete.

»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief Katawasoff heiter.

Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in den Wortstreit eintreten.

»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.«

Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne, und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren Ausdruck fand.

Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für etwas Anderes halten, als für einen, von jenen Menschen, aus denen das russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte, worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte:

»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit. Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir wollen nicht selber richten und schlichten.«

Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet.

Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven.

Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten. Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann.

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