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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 111
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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14.

Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen Wagen mit den Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.

Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm, zurief:

»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.«

Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen. Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde; und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien, als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden wollten.

»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan – alles wird anders werden.«

Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu beginnen.

Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm nicht in den Kopf.

»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« – sagte der Kutscher, Lewins Zügel dirigierend.

»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin, ungehalten über diese Einmischung des Kutschers.

So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war, daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die Wirklichkeit hätte wandeln können.

Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werft genähert hatte, erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten.

»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd.

»Wer denn?«

»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend.

»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch ist!« dachte er.

Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte.

Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem er Katawasoff erkannt hatte.

»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich um keinen Preis,« dachte er.

Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug Lewin dann nach seiner Frau.

»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm daher unangenehm.

»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd. »Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.«

»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly.

»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen weggehend und sich zu dem Bruder gesellend.

»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,« antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so lange erwartet.«

Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen sollte.

Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen.

»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er.

Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage.

»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er. »Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu, mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen Wolken deutend.

Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten.

Lewin ging zu Katawasoff.

»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu entschließen,« sagte er zu ihm.

»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?«

»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt nicht.«

»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?«

»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen, welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde. Jetzt« –

Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung an seinen Vorsatz, innehielt.

»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,« wandte er sich an die Gesellschaft.

Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen war, auf welcher auf der einen Seite dichter Heller Kuhweizen stand, während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig zu holen.

Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam.

Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand sein dort auf einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen, mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen – die jeder seine eigene Geschichte hatten – an den Seiten des Zaunes aber befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben. Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden, müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder herabgemindert hatte.

Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen angefangen hatte.

»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er.

Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte, empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging. Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm.

Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war.

Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch unversehrt in ihm.

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